Identität und kein Ende

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Identität und kein Ende

Von Therese Steffen, 27.09.2017

Heimaten im Plural sind zu einer normalen Erfahrung geworden. Wie sie als das erkannt und anerkannt werden können, untersucht ein schweizerisch-südafrikanisches Austauschprogramm.

„Was ist das – Identität?“ fragte Bundesrat Alain Berset in seiner Rede zur Eröffnung des Lucerne Festival 2017 mit dem Thema „Identität“. „Identity first!“ titelte Eduard Kaeser am 2. September 2017 in Journal21.ch mit Anspielung auf Donald Trump. Und in „Streit um Leitkultur“ berichtete Urs Meier an gleicher Stelle von Bassam Tibis Hoffnung, eine weiter gefasste, die multiplen Pluralitäten der westlichen Zivilisation akzeptierende Identität zu entwickeln.

Trotz oder gerade wegen der Pluralisierung von Identität in den 1990er Jahren der identity politics regt sich Widerstand gegen solchen „Identitarismus“. Kaeser hierzu: „Multikulturalismus hat einen schlechten Verlauf genommen: in die Sackgasse der Identitätspolitik. (...) Ein seichter, politisch korrekter Multikulturalismus, dessen Denkfehler in einer separatistischen Interpretation liegt.“ In der Tat mag kaum jemand ein Verständnis von kultureller Identität mittragen, das in den Anspruch auf ein Recht mündet, ein abgeschottetes, angeblich reines und zementiertes Eigenleben zu führen.

Identities revisited

In „Zehn Punkte zur Leitkultur“ („Bild am Sonntag“ 30. April 2017) fordert der deutsche Innenminister Thomas de Maizière die Bevölkerung zur öffentlichen Integrations- und Identitätsdebatte auf. Hierzulande hingegen werden diese Themen kaum grundlegend diskutiert. Umso mehr sind schweizerische Bildungsinstitutionen unterschiedlicher Fachrichtungen zu Forschungsfeldern wie Identität(en), Alterität, Integration, Assimilation, Leitkultur gefragt.

An der Universität Basel besteht seit 2009 im Rahmen des „Centre for African Studies“ ein Nationalfondsprojekt, das als bilaterales Austauschprogramm von Doktorierenden und Betreuungspersonen im Perspektivenwechsel einen genaueren Blick auf das Fremde wie Eigene ermöglicht. Ab 2018 wird der Transfer von Kunstschaffenden und Wissenschaftern von Pro Helvetia mitgetragen. Worum geht es?

In Südafrika reflektieren literarische und visuelle Texte den soziokulturellen Paradigmenwechsel des Landes nach 1994. In jüngerer Zeit haben zahlreiche Autorinnen und Autoren das Verständnis dessen, was südafrikanisch ist, erweitert. Erst mit dieser Generation sind vormals tabuisierte Themen wie gleichgeschlechtliche oder ethnisch gemischte Beziehungen und die Marginalisierung der Frau aufgegriffen worden. Besonders im urbanen Raum machen alte Identitäten neuen Platz. Sie sind Teil eines umfassenden Wandlungsprozesses.

Wie die Interaktion von Geschichte, Kultur und Macht auf die Ausbildung von Identitäten wirkt, zeigt sich in Südafrika vor allem auch an der Schwierigkeit, eine neue kollektiv-nationale Identität auszubilden. Der Regenbogen der Rainbow-Nation wird nach 1994 zum Symbol einer vielfarbigen Einheit im zutiefst gespaltenen Land. Wie komplex und fragil diese Einheit ist, zeigt eine Arbeit von Athi-Patra Ruga im soeben eröffneten MOCAA Museum in Cape Town: Die bunten Luftballons auf dem schwarzweissen Zebra können jederzeit platzen.

Zoë Wicomb und Martin R. Dean

In diesem schweizerisch-südafrikanischen Forschungskontext fand jüngst ein Symposium zum Thema der individuellen und kollektiven Identitäten statt. Es bezweckte, die bilaterale Diskussion zu vertiefen und an die Öffentlichkeit zu tragen. Ausgangspunkt war das Schaffen der 1948 geborenen Schriftstellerin Zoë Wicomb.

Die Autorin und Literaturprofessorin an der Universität Strathclyde ist eine Namaqua und gehört somit zur vorkolonialistischen Urbevölkerung Südafrikas. In der Apartheid wurde sie als Coloured gelistet. Ihr dritter Roman, Playing in the Light (2006) und der Beitrag Shame and Identity. The case of the coloured in South Africa (1998) bieten aufrüttelnde Einblicke in das Leben Farbiger während und nach der Apartheid.

Lange verschwiegene Anpassungsgeschichten kommen in Wicombs Werk als Lebenslügen ans Licht. Hellhäutige Coloureds fühlten sich oft versucht, als weiss durchzugehen, um, ihre Herkunft verleugnend, ein besseres Leben für ihre Nachkommen zu sichern. Zuerst nicht hell, nach 1994 nicht dunkel genug, sind sie ausserdem durch ihre Parteinahme für die weisse National Party belastet. Ihre „Schande“ gründet letzlich in der Kategorie coloured, eingeführt mit dem Nationalist government’s Population Registration Act of 1950 und doppelt negativ besetzt als „not a white person or a black“. Wicombs aberkannte Identität in der segregierten Heimat führte sie ins Exil. Heute lebt sie in Südafrika und in Glasgow.

Zoë Wicombs literarisches Gegenüber ist der Autor Martin R. Dean, 1955 in Menziken geboren als Sohn einer Schweizerin und eines Vaters aus Trinidad. Genau genommen hat er zwei Väter aus Trinidad: den absenten biologischen und den präsenten sozialen Vater, den in die Schweiz ausgewanderten überangepassten Arzt, den seine Mutter in zweiter Ehe geheiratet hat.

Nach dem Tod des Stiefvaters macht sich Dean auf die Suche nach seinem Erzeuger und findet ihn in einem Asyl in London, sprachlos. In seinen autofiktionalen Texten, zuerst in Die verborgenen Gärten (1982), dann in Meine Väter (2003) und in Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und das Fremde (2015), vor allem aber in Allmähliches Verschwinden beschäftigt Martin R. Dean sich mit dem Phänomen der beschädigten Identität, das sich für ihn als Komplex von Vatersuche und Autorschaft zeigt.

Festland erschreiben

Mit seiner schweizerisch-indisch-karibisch-norddeutschen Herkunft entwirft Dean eine „variantenreiche Beschreibung von Nichtidentität“ und bekräftigt: „Identität ist Fiktion. Eine heuristische Annahme, um besser leben, überleben und ableben zu können. Von nationaler, ethnischer, geschlechtlicher, familiärer oder beziehungsmässiger Identität zu sprechen ist ebenso risikobehaftet wie die Rede von einem Ich (...). Am opaksten ist Identität als negative, wenn sie fehlt. Wenn sie beschädigt wird, wenn sie in Frage steht, wenn sie angegriffen wird, wenn sie verunmöglicht wird.”

Identität ist Erzählung, ein Hybrid aus biografischem und fiktionalem Stoff. „Die Bekanntschaft mit meinem sprachlosen Vater wie auch das eigene Vaterwerden schloss erst mit diesem Roman (Meine Väter) die Vaterlücke. Mit dieser Narration vervielfältigte, erfand und bestätigte ich meine Identitäten.” Der soziale Vater bot räumliche Nähe, aber weit weniger Berührungspunkte. „Weder sein Arzttum noch seine fraglose Eingliederung in eine fremde Umwelt haben mich interessiert. Er war mir darin stets wie ein Ausgelöschter, während ich um meine Deutlichkeit rang.”

Martin R. Deans Fazit: Affektkontrolle als listige Unterwerfung des überangepassten sozialen Vaters führt zum „allmählichen Verschwinden”, zur Selbstaufgabe um den Preis der Anpassung. Fremdheit ist ein Verhältnis, das jemand zu sich und seiner Umwelt hat. Identität(en) erbt man nicht, man erschreibt sie sich, auch gegen Zuschreibungen. Martin R. Dean musste sich erst „Festland erschreiben”.

In ihrem auferlegten Leben und Überleben im Text sind sich Zoë Wicomb und Martin R. Dean nicht unähnlich. Zwischen vollständiger Anpassung und schreibendem Widerstand, angereichert mit Verlusterfahrungen, entwickeln sie Identitäten im Wandel. Ihr Erzählen reflektiert individuelle und kollektive Kulturen.

Westindien in KwaZulu-Natal

Lindy Stiebel (University of KwaZulu Natal, Durban) stellt eine reichhaltige Pflanzer-Literatur vor, die in Südafrika eine Identitätenvielfalt wie in Westindien entstehen liess. Nach 1860 kamen die ersten passenger Indians nach Natal, ausgebildete Inder, die sich als Geschäftsleute in Durbans Grey Street niederliessen oder, wie Mahatma Gandhi, als Anwälte tätig wurden. Viel häufiger aber waren die identured servants Kontraktarbeiter, die sich für ihre Überfahrt jahrelang auf Zuckerplantagen verdingten – eine Form von Sklaverei. Die Teilung in eine kleine reiche Elite von Pflanzern und eine Vielzahl ausgebeuteter armer Sklaven erinnert an die US-amerikanischen Südstaaten und ihre Literatur.

Hier wie dort sind Erinnerung, Gedächtnis, Leiden, Vergangenheit und Identitäten zentrale Themen einer Aufarbeitung. Plantation Literature ist ein nostalgisches Genre. Zum 150. Jahrestag der Ankunft indischer Kontraktarbeiter erscheinen 2010 eine Vielzahl neuer Bücher: Aziz Hassims Revenge of Kali (2009), Rubendra Govenders Sugar Cane Boy (2008) oder Tholsi Mudlys A Tribute to our Forefathers (2011). Wie im amerikanischen Süden sehen sich südafrikanische Schriftsteller als Bewahrer der Vergangenheit, als Hüter des memory project. Heute sind die meisten Indian South Africans südafrikanische Bürger seit Geburt. Ihre girmitya- oder coolie-Texte verheissen vielen eine Identität als transnational, ascendant cosmopolitans. Westindien lebt in der Karibik und in Südafrika. Martin R. Dean fühlt sich plötzlich auch in diesen Geschichten zuhause.

Schweizstunde

Die Konklusion sei Hugo Lötschers „Schweizstunde” überlassen:

„Wenn wir alle Identitäten, die erwähnt wurden, in Betracht ziehen, ist es einleuchtend, dass niemand nur eine Identität hat, eher dass wir alle Identitäten je nach unseren linguistischen, ethnischen, sozialen, religiösen oder sexuellen Beschaffenheiten haben. Von erstaunlicher Progressivität ist ein Dokument des Integrationsbüros der Stadt Zürich: ‚Jeder Mensch hat unterschiedliche Identitäten und verschiedene Heimaten.’ Heimat im Plural. Im Duden findet sich beim Schlagwort Heimat der Hinweis: ‚Plural nicht üblich’. Aber was einst unüblich war, ist üblich geworden, nicht nur was Heimat, sondern auch was Identität anbelangt.“

Das Symposium „Identities“, gefördert vom “Fonds für Internationale Forschungsbeiträge”, fand Ende August 2017 in San Pietro di Stabio statt.

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