Horst Krüger: Das zerbrochene Haus (1966)

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Horst Krüger: Das zerbrochene Haus (1966)

Von Urs Bitterli, 01.05.2020

Zu Beginn der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts reist ein Journalist von Frankfurt am Main nach Eichkamp, einem Vorort im Osten von Berlin. Der Journalist heisst Horst Krüger, und ihm verdanken wir einen der wichtigsten deutschen Lebensberichte des 20. Jahrhunderts.

Horst Krüger ist auf der Suche nach seiner Kindheit, die er in Eichkamp verbracht hat. Er ist kurz nach dem Ersten Weltkrieg geboren, hat hier die Volksschule, dann in Berlin das Grünewald-Gymnasium besucht. Nach dem Abitur hat er ein Studium in Philosophie und Germanistik begonnen. Im Jahre 1942 wird er von der Gestapo wegen des Verdachts auf Hochverrat verhaftet, dann aber auf Bewährung freigelassen. Er wird zur Wehrmacht eingezogen, kämpft in Frankreich und Russland und wird in der Schlacht um Monte Cassino schwer verwundet. Kurz vor Kriegsende desertiert er, wird von den Amerikanern gefangen genommen und in ein Lager bei Cherbourg überführt.

Im ersten Kapitel seines Lebensberichts „Das zerbrochene Haus“ schildert Horst Krüger seinen Besuch in Eichkamp zwanzig Jahre nach Kriegsende. Wenig hat sich in der Siedlung seit seiner Kindheit verändert. Die alten Reihenhäuser aus der Zwischenkriegszeit mit ihren kleinen Vorgärten stehen noch. Die schmalen Strassen tragen noch die gleichen Namen: Fliederweg, Lärchenweg, Buchenweg. Fast will es scheinen, als lebten noch die Kleinbürger von ehemals im Ort. Doch das Haus, in dem er zuletzt, als Soldat im Urlaub, die Eltern besucht hat, steht nicht mehr. Horst Krüger ist der Letzte seiner Familie. Seine Schwester Ursula hat sich 1938 das Leben genommen; seine Eltern sind 1945 gestorben.

Wohlgeordnete, langweilige Welt

Horst Krüger erinnert sich. Er sieht seine Eltern vor sich. Zuerst den Vater, einen friedlichen und gutmütigen Menschen, staatstreu und ohne besondere Begabung, der im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden ist und sich nach glanzlosem Aufstieg zum Chefbeamten ein bescheidenes Eigenheim leisten kann. Dann seine Mutter, eine fromme Katholikin, tugendhaft, immer etwas kränkelnd, mit bescheidenen musischen Interessen und ausgeprägtem kleinbürgerlichem Standesbewusstsein.

Der kleine Horst wächst in einer wohlgeordneten und langweiligen Welt auf, in der, vom sonntäglichen Kirchgang und den Besuchen und Gegenbesuchen von Bekannten abgesehen, nichts geschieht. Alles, was Unruhe stiften und Unsicherheit bewirken könnte, wird aus dieser Welt ferngehalten. Politische und gesellschaftliche Fragen werden nicht diskutiert. Der Lärm der Hauptstadt mit ihren politischen Kundgebungen, Aufmärschen und Attentaten dringt nicht nach Eichkamp. Man lebt zwar in der Nähe einer Arbeitersiedlung, aber man grenzt sich sorgfältig vom „roten Pack“ ab. Man muss zwar immer wieder Hausangestellte, die schwanger werden, entlassen, aber Sexualität ist kein Thema. Man hat zwar Emotionen, aber sie dürfen die Grenzen höflicher Konversation nicht sprengen. „Das mit dem Kindekriegen“, schreibt Krüger, „habe ich zu Hause nie erklärt bekommen. Meine Eltern waren nicht nur unpolitisch, sondern auch unerotisch und asexuell. Vielleicht gehört das alles zusammen, über die Liebe wurde genauso geschwiegen wie über die Politik. Es war wohl alles zu niedrig.“

Wie konnte es geschehen?

Horst Krüger ist nicht nach Eichkamp gefahren, um die Zuverlässigkeit seines Erinnerungsvermögens zu überprüfen. Er ist hergekommen, um Antwort auf eine Frage zu finden, die ihn umtreibt. Wie konnte es geschehen, lautet diese Frage, dass Hitler bei diesen so kleinkarierten und ganz und gar unheroischen Kleinbürgern Erfolg haben konnte? „Ich bin ein Bürger der Bundesrepublik“, schreibt Krüger, „ich komme aus dem Westen, ich komme nach Eichkamp, weil mich die Frage quält, wie das eigentlich war, was wir heute alle nicht mehr begreifen können. Jetzt, meine ich, müsste man es verstehen.“

Über den äusseren Anlass, der den Autor von „Das zerbrochene Haus“ dazu bewog, Eichkamp aufzusuchen, erfährt der Leser mehr im letzten Kapitel des Buches. Es trägt den Titel „Gerichtstag“ und befasst sich mit dem ersten Auschwitz-Prozess, der im Dezember 1963 in Frankfurt am Main begann und zwanzig Monate dauerte. Der Prozess diente der juristischen Aufarbeitung des Holocaust. Angeklagt waren Angehörige der SS-Wachmannschaften des grössten nationalsozialistischen Vernichtungslagers. Ein Jahr zuvor war Adolf Eichmann, der Hauptverantwortliche des Massenmords an den Juden, in Israel zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Der Eichmann-Prozess hatte ein weltweites Echo gefunden. Der erste Auschwitz-Prozess stiess in Deutschland auf gemischtes Interesse, war man doch mancherorts der Meinung, mit dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess 1945/46 sei die deutsche Schuld abgegolten.

Diesen Hitler gibt es noch immer

Während vier Wochen wohnt der Journalist Horst Krüger auf Einladung des Generalstaatsanwalts dem Prozess bei und berichtet darüber. „Ich will nur dasitzen und zuhören“, schreibt er im letzten Kapitel von „Das zerbrochene Haus“, „zusehen und beobachten. Es ist eine letzte Möglichkeit, der Vergangenheit in Fleisch und Blut, der Geschichte in ihren Akteuren zu begegnen, die Täter und ihre Opfer nicht als Standbilder des Schreckens oder des Leidens wie du und ich.“ Der Journalist sitzt im Gerichtsaal und hört sich die Zeugenaussagen an, die aus dem Lautsprecher kommen. Schreckliche Vergangenheit wird zur Gegenwart.

Erinnerungen an die eigene Militärzeit kommen hoch. Was wäre wohl aus ihm geworden, fragt sich Krüger, wenn auf seinem Marschbefehl statt Smolensk Auschwitz gestanden hätte? Wäre auch er zum Massenmörder geworden? Über hundert Menschen sind im Gerichtssaal versammelt: Juristen, Zeugen und Angeklagte, Zuschauer. Horst Krüger sieht sich um und stellt fest, dass die Angeklagten wie harmlose Bürger aussehen und von den andern Anwesenden kaum zu unterscheiden sind. Als er den Gerichtssaal verlässt und ins Menschengewühl der geschäftigen Grossstadt eintaucht, verfolgt ihn der Gedanke, dass mit diesem Prozess das Böse im Menschen nicht besiegt ist, dass es diesen Hitler noch immer gibt. „Er herrscht noch im Dunkeln“, schreibt er am Schluss seines Buches, „im Untergrund; irgendwie hat er uns allen einen Sprung beigebracht. Die einen hasten dem Geld nach, und die andern gehen zum Auschwitz-Prozess, die einen decken zu und die andern auf – das sind zwei Seiten derselben  deutschen Medaille. Dieser Hitler, denke ich, der bleibt uns – lebenslänglich.“

Verlogenen Wohlanständigkeit

Die andern Kapitel des Buches führen uns wieder in Krügers Jugend und nach Eichkamp zurück. Im Kapitel „Ein Requiem für Ursula“ kommt der Autor auf den Selbstmord seiner Schwester zu sprechen. Er  erinnert sich  an ihren langen Todeskampf und an den Versuch der Eltern, den Vorfall zu vertuschen. Ursula hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen, hat ihren Entschluss nicht erklärt. Aber der Autor macht deutlich, dass sie in ihrer Familie keine seelische Heimstätte  fand. Vom Nationalsozialismus ist hier nicht mehr die Rede, wohl aber von der verlogenen Wohlanständigkeit und Enge dieses Kleinbürgertums, das der totalitären Versuchung nichts entgegenzusetzen hatte.

Auch er selbst, erinnert sich Krüger in seinem Lebensbericht,  hat dieser Enge zu entfliehen gesucht. Weder in seiner Familie noch im Hitlerstaat hat er sich wohlgefühlt. So freundet er sich am Grunewald-Gymnasium mit einem Mitschüler namens Wanja an, einem Halbjuden und Halbrussen aus proletarischen Verhältnissen, der einer kommunistischen Gruppierung angehört. Horst wird ihm hörig. Er stellt sich als Kurier zur Verfügung, verteilt Flugblätter und wird wenig später von der Gestapo verhaftet. Zwar kommt er bald wieder frei, doch nur, um zum Militärdienst einberufen zu werden.

„Na gut, dann siegt mal schön“

Über Militärdienst und Desertion berichtet Krüger nur wenig. Ausführlicher ist von Wanja die Rede, dem er zwanzig Jahre später wieder begegnet. Es herrscht Kalter Krieg, Deutschland ist gespalten. Wanja ist Auslandkorrespondent der DDR-Zeitung „Neues Deutschland“ geworden.

Im Dezember 1964 treffen sich die beiden in Ostberlin. Sie spüren, dass sie sich fremd geworden sind. Aus Wanja ist ein linientreuer Parteigenosse geworden, der sich mit dem Satz verabschiedet: „Der Sozialismus wird siegen.“ Worauf Horst Krüger erwidert: „Na gut, Wanja, dann siegt mal schön.“

Er ist kein Held

Der Lebensbericht von Horst Krüger folgt nicht dem Muster, an das sich Autobiografien in der Regel halten. Hier wird nicht in chronologischer Abfolge dargestellt, wie ein Individuum sich entwickelt und zu sich selber kommt. Der Autor folgt keiner kontinuierlichen voranschreitenden Lebensspur, sondern wechselt mehrfach Zeit und Ort seiner Darstellung und präsentiert episodische Bruchstücke der Erinnerung, die sich erst beim Leser zum Gesamtbild formen.

Leicht könnte Krüger sich auf seine Verhaftung durch die Gestapo und auf seine Desertion berufen und sich als Held des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus darstellen. Aber er ist kein Held. Er ist  bloss ein Mensch, der ins Getriebe der Geschichte geraten ist und aus einer tiefen Seelennot heraus das existentielle Bedürfnis empfindet, vor sich selbst und vor andern Rechenschaft abzulegen, um weiterleben zu können. Der Autor hat dies so formuliert: „Ich schloss mich nicht aus, ich hielt mich nicht heraus, ich liess es nicht bei Entrüstung sein, es stellte sich mir zwanghaft die Frage nach der eigenen Vergangenheit.“

Das Know-how von Hitlers Gefolgsleuten nutzen

Horst Krügers „Zerbrochenes Haus“ erschien im Jahre 1966. Man muss sich die damaligen Zeitumstände vergegenwärtigen, um Bedeutung und Wirkung dieses Buches ganz zu begreifen. Im ersten Jahrzehnt nach Kriegsende war in Deutschland die Meinung weit verbreitet, das Dritte Reich sei nicht nur militärisch, sondern auch politisch besiegt. Die grössten Übeltäter, argumentierte man, seien bestraft, und es gelte nun, vorauszublicken, statt sich mit der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wer Nationalsozialist oder Mitläufer gewesen war, verschwieg dies. Emigranten wie Hanna Arendt und Golo Mann, die nach Deutschland zurückkehrten, stellten erstaunt fest, dass sich unter ihren Gesprächspartnern kaum jemand finden liess, der sich zu seiner nationalsozialistischen Vergangenheit bekannt hätte. Auch gab es verschiedene Strategien, die Rolle, die man unter Hitler gespielt hatte, zu beschönigen, zu verharmlosen oder zu rechtfertigen.

Generäle erklärten in Fernsehinterviews, man hätte Stalin besiegen und den Vormarsch der Bolschewisten in Europa stoppen können, wenn nicht Hitler den Oberbefehl an sich gerissen hätte. Hochgestellte Gefolgsleute des „Führers“ sagten aus, sie seien sich bewusst gewesen, einem Unrechtsstaat zu dienen, hätten aber mitgemacht, um Schlimmeres zu verhüten. In den so genannten Landser-Romanen, die nach 1945 in den Illustrierten erschienen, wurden die Soldaten von Hitlers Wehrmacht als tapfere und treue Kameraden geschildert, deren Vaterlandsliebe vom Regime aufs Übelste missbraucht worden sei. Diese „Exkulpationssolidarität“ verband die Menschen jener Generation untereinander, welche den Aufstieg Hitlers in den späten zwanziger Jahren ermöglicht hatten. Die Verweigerung einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit wurde von Konrad Adenauer eher unterstützt als bekämpft. Es sei Zeit, erklärte der Kanzler 1949 unter dem Applaus des Bundestags in einer Regierungserklärung, „Vergangenes vergangen sein zu lassen“. Für die politische Führung stand zu diesem Zeitpunkt eine Diskussion der „Schuldfrage“ nicht im Vordergrund. Wichtiger war es, das „Know-how“ ehemaliger Gefolgsleute Hitlers zu nutzen und die gesellschaftliche Integration des jungen Staatswesens nicht zu gefährden.

Selbstquälerischen Reise in die Vergangenheit

Erst zu Beginn der sechziger Jahre machte sich in Deutschland im Umgang mit der jüngsten Geschichte ein Wandel bemerkbar. Im Jahre 1958 wurde in Ludwigsburg eine Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen geschaffen. Zwei Jahre später fand der Dokumentarfilm des deutsch-schwedischen Journalisten Erwin Leiser «Mein Kampf» vor allem bei der jüngeren Generation in Deutschland, aber auch in der Schweiz, eine enormes Echo. Zwischen 1965 und 1969 kam es im Deutschen Bundestag zu mehreren Verjährungsdebatten, deren Ergebnis die Aufhebung der Verjährung von Verbrechen des Völkermordes war. Zur selben Zeit begann sich die deutsche 68er-Generation kritisch mit der Lebensgeschichte ihrer Eltern auseinanderzusetzen.

In diesem  Vorgang, den man mit dem nicht sehr glücklichen Begriff der „Vergangenheitsbewältigung» bezeichnet hat, kommt Horst Krügers Buch „Das zerbrochene Haus» eine ganz besondere Bedeutung zu. Krüger urteilt weder als Historiker, noch als Soziologe oder Philosoph. Er schreibt nicht Geschichte, er entwickelt keine Faschismustheorien, er stellt keine Schuldfrage. Sein Buch ist zuerst und vor allem Ausdruck einer tiefen persönlichen Betroffenheit. Man spürt: Hier ist einer, der sich in der Welt des deutschen Wirtschaftswunders bequem hätte einrichten können, zu einer selbstquälerischen Reise in die Vergangenheit aufgebrochen. Hier stellt sich einer rückhaltlos seiner Erinnerung; er verdrängt sie nicht, er nutzt sie nicht zur Rechtfertigung und zu Ausflüchten. In einem Kommentar zu seinem Buch hat Krüger den Ertrag seiner Reise in die Vergangenheit zusammengefasst. „Ich entdeckte», schreibt er, „was mir zuvor selber nicht so bewusst war, dass das Phänomen des unpolitischen deutschen Kleinbürgertums, das in seiner sozialen Unsicherheit, in seiner Labilität und Bedürftigkeit nach Irrationalismen das fruchtbare Vorfeld für die innere Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland abgab“.

Vergegenwärtigen statt bewältigen

Horst Krügers „Das zerbrochene Haus“ wurde, als es 1966 erschien, zu einem grossen  Erfolg bei der Generation  von jüngeren Lesern, die den Nationalsozialismus nicht mehr bewusst erlebt, mitgestaltet und durchlitten hatten. Kürzlich ist das  Buch in einer schön gestalteten Neuauflage erschienen. Noch immer ist es lesenswert, und noch immer gilt, was Marcel Reich-Ranicki einst schrieb: „Die deutsche Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen. Man kann sie höchstens vergegenwärtigen. Ebendies hat Krüger getan.“

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Eine winzige Korrektur:
Betr. Ihre Intro:
Eichkamp ein Vorort im Osten von Berlin

Meines Wissens ist Eichkamp ein Teil des westlichen Berlin (nahe Grunewald) und beginnt, grob gesagt, hinterm Funkturm...

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