Herkunft im Fokus

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Herkunft im Fokus

Von Christoph Kuhn, 09.11.2017

Beim Anschauen von Kunstwerken ist ein zweiter Blick gefragt.

Die Ausstellungen der Gurlitt-Sammlung in Bern und Bonn steht momentan im Zentrum der Aufmerksamkeit kunstinteressierter Medien. Nicht unbedingt wegen der Qualität der gezeigten Werke. Eher wegen der Begleitumstände, als da wären: mysteriöse Persönlichkeit des verstorbenen Sammlers Cornelius Gurlitt, der eigentlich nur der Verwalter der Sammlung seines Vaters war; zwielichtige Persönlichkeit eben dieses Vaters, Hildebrand Gurlitt, der mit Billigung der Nazis Kunsthandel betrieb; Fragen nach der Provenienz der ausgestellten Werke, mit deren Beantwortung sich die entsprechenden Fachgremien der Museen schwer tun.

Die Provenienz-, also die Herkunftsfrage steht, bei allem was man liest und hört, zuoberst auf der Liste der Probleme, die von der nun gezeigten Kunstsammlung verursacht werden. Wie kamen die Gurlitts zu dieser Zeichnung? Von wem haben sie jenes Gemälde? Waren die Verkäufe rechtens? War Erpressung im Spiel? Gab es kriminelle Machenschaften?

Bildende Kunst hat den Nimbus des Schönen und Guten – wenn es ihn je ungeteilt hatte – längst verloren. Naiv, nur aufs Ästhetische fixiert, kann man Ausstellungen nicht mehr anschauen. Unweigerlich kommen einem Geschichten über raffinierte Fälschungen in den Sinn, wenn man vor berühmten Bildern steht. Und man denkt an Kunst als Kapitalanlage, als Geldwaschmittel, als Spekulationsobjekt.

Und jetzt also die Frage nach der Herkunft. Sie betrifft oft Kunstwerke, die während und zwischen den beiden Weltkriegen entstanden sind, hin- und hergeschoben, versteckt, geschützt, geraubt wurden. Schaut man sich die entsprechenden Bilder heute in einer Sammlung, zum Beispiel in der Gurlittschen, an, wird man sich einen veränderten Blick zulegen müssen: einen Doppelblick, der einerseits aufzunehmen sucht, was er gezeichnet und gemalt vor sich sieht, und anderseits den Weg „sehen“ möchte, den das Bild genommen hat.

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Rund um die Gurlitt-Sammlung wurde nun vier Jahre lang ein riesiger Wirbel wegen Raubkunst und Provenienzforschung veranstaltet. Millionen öffentlicher Gelder wurden verpulvert um die Herkunft "verdächtiger" Werke aufzuklären. Die Polemik ging sogar so weit, dass ernsthaft gefordert wurde, Bern solle das "vergiftete Erbe" ausschlagen. Und dann das peinliche Resultat der aufwendigen Untersuchungen: Von den 1500 Werken der interessanten Sammlung konnten genau 6 als Raubkunst sichergestellt und den Nachkommen der Beraubten zurückgegeben werden. Das ist recht so. Nur: Vier der sechs Bilder standen schon nach oberflächlicher Betrachtung durch Fachleute als Raubkunst fest. In seinem Buch "Der Fall Gurlitt" (Europa Verlag München 600 s. SFr. 52.-) zeigt Maurice Philip Remy nach eingehender Recherche auf, dass die Sammlung, die der inzwischen verstorbene Hildebrand Gurlitt dem Kunstmuseum Bern vermacht hatte, keinesfalls als "Raukunst-Sammlung" bezeichnet werden kann. Wie denn auch: Die als geraubt nachgewiesenen Werke machen darin genau 0,4% aus. Mehr noch: Remy ist auch der Meinung, Gurlitt sei von den deutschen Zollbehörden zu Unrecht festgenommen und erst recht seine Sammlung ohne jegliche Rechtsgrundlage beschlagnahmt worden. So sieht s aus. Rund um die Raubkunstdebatte hat sich derweil eine veritable und profitable Provenienzforschungs-Industrie etabliert. Seis drum: Die Besitzer hochwertiger Kunst vermögen ja die Kosten der Forschung meist problemlos zu tragen. Falsch ist es jedoch, die Provenienzforschung nur auf den Bereich der Nazi-Raubkunst zu beschränken. Der grösste Teil der geraubten Kunst befindet sich nämlich in Historischen Museen ehemaliger Kolonialmächte und des ganzen "Westens". Der Fall des nun doch noch an Bolivien zurückgegebenen "Ekeko" aus dem Historischen Museum Bern ist dabei nur ein Beispiel. Und der peinliche Tanz, den die Museumsleitung vor der Rückgabe aufführte, zeigt klar, welche Dimensionen an Unrecht sich hinter solchen "Präzedenzfällen" verbergen: In den Museen lagern Unmengen von Kunstgütern, die während Jahrhunderten in Afrika, Asien und Lateinamerika zusammen-geraubt worden sind – Milliardenwerte. Würde da mit ähnlichem Aufwand Provenienzforschung betreiben, die Museen würden sich rasch leeren. Auffällig: In viele Museen ist schon nur das Fotografieren "verdächtiger" Objekte verboten. Warum wohl? Und interessant: Die Museumsleitungen behaupten oft keck, wären ihre Objekte nicht aus Afrika oder Asien abtransportiert worden, würden sie heute kaum mehr existieren. Das tönt doch verdächtig nach jenen Nazi-Raubkunst-Händlern, die sagen, sie hätten durch ihre Auf- und Weiterverkäufe der "entarteten Kunst", diese vor den Nazis gerettet. N. Ramseyer, BERN

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