Giorgio Morandis stille Bilder

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Giorgio Morandis stille Bilder

Von Urs Meier, 18.06.2014

In mönchischer Bescheidenheit und strenger Kontemplation hat er ein schmales, höchst eigenständiges Œuvre hervorgebracht. Der italienische Künstler starb vor genau fünfzig Jahren.

Auf Fotos sieht er aus wie ein zurückgezogener Gelehrter. Obschon zu Lebzeiten vielfach geehrt und ausgezeichnet, wich er allem Aufheben um seine Person aus. Er wurde 1890 in Bologna geboren und starb daselbst 1964. Menschen, die ihn gekannt haben, sprechen von einem «mönchischen» Leben. Das lag nicht sosehr daran, dass er mit seinen Schwestern in einem bescheidenen Haus wohnte und den angestammten Ort kaum verliess, sondern vielmehr an seiner Kunst.

 

Giorgio Morandi: Natura morta, 1951, Ölfarben auf Leinwand (Foto: Kunstmuseum Winterthur)
Giorgio Morandi: Natura morta, 1951, Ölfarben auf Leinwand (Foto: Kunstmuseum Winterthur)

Morandis Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen, namentlich der Spätphase, sind Wunder an hoch komplexer Vereinfachung, an Konzentration auf die Essenz des Sehens und Darstellens.

Stillleben der alltäglichen Dinge

Je länger, je mehr konzentrierte er sich motivisch auf Stillleben mit Kombinationen seiner immergleichen Requisiten: Flaschen, Dosen, Krüge, Schalen – einfache Objekte, auf einer Tischfläche zusammengerückt vor neutralem Hintergrund. Morandi zeigt diese «Nature morte» in weichem Licht. Die Gegenstände erscheinen trotz ihrer Alltäglichkeit und den kleinen Bildformaten wie urzeitliche Monumente, man glaubt den Staub auf den unberührten Arrangements zu riechen. Doch entgegen dem italienischen Gattungsnamen sind sie nicht tot, sondern sie leben durch feinste Schattierungen der stillen Grau-, Braun-, Beige- und Weisstöne.

Morandi beschäftigte sich zu Beginn seiner Künstlerlaufbahn mit dem Futurismo und der Pittura metafisica (Carrà, de Chirico), wurde eine zeitlang auch vom Kubismus angeregt (Picasso), ging aber immer konsequenter seinen Weg als künstlerischer Einzelgänger. Er malte gewissermassen auf abstrakte Art gegenständlich. Anders als im Kubismus wird bei Morandi das Objekt nie zur blossen bildnerischen Form entmaterialisiert. Seine Gefässe und seine selteneren Häuserkuben bleiben stets alltägliche widerständige Dinge mit Patina und Eigengewicht.

Verbunden mit alten Meistern

Immer wieder orientierte sich Morandi an alten Meistern wie Giotto, dann aber auch an Chardin, Corot und Cézanne. Besonders die künstlerische Verwandtschaft mit Chardin ist oft hervorgehoben worden: Beide sind Solitäre in ihrer Zeit, beide haben zeitlebens die stabilitas loci, das klösterliche Verharren am einmal gewählten Ort, eingehalten, beide haben sehr langsam gemalt, und beider Werk speist sich aus einer profunden Auseinandersetzung mit den Besonderheiten der Gattung Stillleben.

 

Jean-Baptiste Siméon Chardin (1699-1779): Der Silberbecher, Öl auf Leinwand, um 1767/68 (Foto: Wikimedia Commons)
Jean-Baptiste Siméon Chardin (1699-1779): Der Silberbecher, Öl auf Leinwand, um 1767/68 (Foto: Wikimedia Commons)

Morandi hat ganz ähnlich gearbeitet wie manche fernöstliche Meister der Kalligraphie und Malerei. Nach mehrwöchiger geistiger Vorbereitung und ingeniösen Versuchen mit Licht und Farbe sowie den Finessen der Arrangements im Atelier seien, so hat er erzählt, die Bilder jeweils in ganz kurzer Zeit entstanden. War er nicht zufrieden, so kratzte er anschliessend die Farbe von der Leinwand. Pro Jahr machte er nur wenige Bilder. Sammler und Galerien, die unbedingt bei ihm kaufen wollten, pflegte er zu vertrösten: Mehr könne er nicht malen; sie müssten sich eben gedulden.

Moderne und Tradition

Die Zeit, die in die Erschaffung dieser kleinen, stillen Bilder geflossen ist, gilt es bei ihrer Betrachtung gewissermassen wieder freizusetzen. Morandis Landschaften und vor allem seine Stillleben zu sehen, ist für viele Kunstfreunde über den ästhetischen Genuss hinaus auch eine Übung in weltlicher Kontemplation.

Mit den nicht hoch genug zu schätzenden Aquarellen und Bleistiftzeichnungen nimmt Morandis Kunst nochmals eine andere Wendung. Die Materialität der Gegenstände ist nur noch angedeutet, und die Blätter selbst treten als gestaltete Objekte in den Vordergrund. Farbige Flächen hier, Bleistiftlinien da erzeugen im Zusammenspiel mit akkuraten Leerräumen die fein austarierten Bildwirkungen. In diesen trotz beiläufigem Gestus höchst disziplinierten Werken folgt Morandi – vielleicht ohne ihn zu kennen – Arthur Rimbauds programmatischem Satz «Il faut être absolument moderne», während er in seinen Gemälden bei aller selbstverständlichen Modernität dann doch eine lebendige Verbindung zu älteren Bildwelten pflegt, die bis zurück in die Frührenaissance reicht.

Morandi im Kunstmuseum Winterthur

1956 reiste Morandi das einzige Mal in seinem Leben ins Ausland, und zwar nach Winterthur und Zürich. Er wollte in der Sammlung Oskar Reinhart und im Zürcher Kunsthaus die Werke von Chardin, Corot und Cézanne studieren. Doch der primäre Grund für die Reise war seine Bekanntschaft mit dem Konservator des Winterthurer Kunstmuseums, Heinz Keller, der eine der ersten wichtigen Morandi-Ausstellungen ausserhalb Italiens ausrichtete. Den Haag und London (1954) und die erste Documenta in Kassel (1955) waren vorausgegangen. Im Jahr 2000 widmete das Kunstmuseum Winterthur diesem Grossen der Nachkriegsmalerei erneut eine bedeutende Ausstellung.

Das Kunstmuseum Winterthur kann sich rühmen, zu den ersten Museen zu zählen, die Morandis Bilder kauften und zeigten. Ausserhalb Italiens ist diejenige in Winterthur die grösste Sammlung seiner Gemälde. Sie gehören zu den Preziosen des Hauses.

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