Gerechter Himmel!

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Gerechter Himmel!

Von Iso Camartin, 25.02.2019

Über 80 Opern soll es geben - und gewiss nicht weniger Varianten für das Sprechtheater -, in welchen Kleopatra VII., die letzte Pharaonin Ägyptens, die zentrale Protagonistin ist.

Genau im Jahr, in welchem Johann Sebastian Bach in Leipzig als Thomaskantor an seinem ersten Kantaten-Jahrgang arbeitete, sass Georg Friedrich Händel in London an einem wichtigen Opernprojekt. Sein «Dramma per musica» trug den Titel «Giulio Cesare in Egitto».

Die literarische Vorlage stammte von Francesco Bussani, verfasst wurde sie bereits 1677. Der Sekretär der Londoner Opernakademie Nicola Francesco Haym bearbeitete den Text für Händel um 1723 und reicherte ihn mit zusätzlichen Arientexten für die berühmten anreisenden Sängerinnen- und Sängerstars an. Die Oper hatte am 20. Februar 1724 Premiere im «King’s Theatre» am Londoner Haymarket. Sie wurde und blieb einer der grossen Erfolge in der Karriere des Opernkomponisten Händel.

Zwischen Historie und Legende

Historisch ist die Figur der ägyptischen Königin, die zur Geliebten des römischen Herrschers Julius Caesar wird und nach dessen Tod auch den Nachfolger Antonius um den Finger wickelt, eine zwielichtige Gestalt. Weder schreckt sie zur Erhaltung ihrer Macht vor der Ermordung eigener Familienmitglieder zurück. Noch hat sie Bedenken, im römischen Machtpoker ganz nach eigenen Vorteilen sich zur Bettgenossin der gerade mächtigen Eroberer zu machen. Bereits in der Kaiserzeit wird sie für rechtschaffene römische Patrioten zur weder Sitte noch Moral achtenden «ägyptischen Hure».

Die Nachwelt, zumal in der Literatur und in der Malerei, wird sich ausgiebig mit dem Freitod Kleopatras befassen. Hat sie sich umgebracht, weil ihr Geliebter Antonius nach der verlorenen Seeschlacht von Actium aus Schmach sich selbst tötete? Oder weil Oktavian, der angeblich ihre dritte Liebesofferte an einen Machthaber zurückwies, die erniedrigte Kleopatra nach seinem Sieg über die Ägypter in einem Triumphzug mit nach Rom schleppen wollte, um die Pharaonin dem Spott der Römer preiszugeben? Die römischen Historiker sind sich darüber alles andere als einig. Umso freiere Hand haben die Dichter.

Den schönsten Nachruf auf Kleopatra hat jedenfalls Shakespeare geschrieben mit seinem Stück «Antony and Cleopatra»: Das Alter mache sie nicht welk und Gewohnheit nicht schal; sie würde immer nähren, wo andere Frauen «übersättigen»; sie mache hungrig, wo sie am meisten befriedige; die gemeinsten Dinge würden bei ihr zur Zier, sodass sogar die heiligen Priester nichts besseres wüssten, als ihre Wollust zu segnen. – Wenn das nicht Eigenschaften sind, die eine Frau unausweichlich machen!

Kleopatra in Zeiten des Glücks

Händels Oper ist – ganz wie es zur Barockoper gehört – ein Wechselbad der Gefühle. Es wird gejubelt und geklagt, gelobt und getröstet. Die Schufte und die Wohlgesinnten, die Hassenden und die Liebenden haben ihre grossen Momente. In der Schlussszene im Hafen von Alexandria feiert man die Belohnung der Gerechten und die Bestrafung der Übeltäter, bevor Kleopatra als Königin von Ägypten in ihre Rechte eingesetzt wird und Caesar als siegreicher Kriegsheld nach Rom zurückkehrt.

Händel hat allein Kleopatra in dieser Oper insgesamt mit 8 Arien ausgestattet, welche von dieser Figur die gesamte Gefühlsskala abverlangen, von spielerischer Unbedarftheit zu verzweifeltem Aufbegehren, von königlichem Stolz und herrscherlicher Unbeugsamkeit bis zu listiger Verstellung, flehendem Bitten und liebender Zuneigung. Von der Einfühlungsgabe ebenso wie von der Kehlenvirtuosität einer grossen Sängerin ist hier alles gefordert.

Zu den Glanzstücken der Oper gehört auch die hier ausgewählte Arie aus dem 2. Akt, nachdem Kleopatra sich Caesar gegenüber als Liebende zu erkennen gegeben hat. Man warnt den Kaiser vor einem auf ihn geplanten Attentat. Dieser eilt davon, um sich dem bewaffneten Affront und den Verschwörern entgegenzustellen. Jetzt entpuppt sich Kleopatra als die wahre Liebende, die in grösster Sorge um den Verlust ihres Geliebten ihren Kummer dem Himmel anvertraut.

Bitte um Erbarmen

Händels Kleopatra-Arie «Se pietà di me non senti – Wenn du kein Erbarmen mit mir fühlst» gehört zu den lyrischen Meisterstücken des Komponisten. Man traut dieser Kleopatra zwar alle Verstelltricks und Täuschungsmanöver zu, um ihre wahren Absichten gegenüber ihrer von Konkurrenz und Neid geprägten Umwelt unkenntlich zu machen. Hier aber scheint die Seele sich unverdeckt und in ihren echten Gefühlen zu offenbaren.

Das ist eine der tief berührenden Arien zum Thema: Not und Angst lehren beten! Der Text ist kurz und lässt dem sich ausbreitenden Bedürfnis nach Erhörung umso mehr Raum. «Wenn du kein Erbarmen mit mir fühlst, gerechter Himmel, so sterbe ich. Beende meine Qualen, oder diese Seele wird ihren Geist aushauchen.» Es ist eine sogenannte Da-capo-Arie, bei welcher der Anfangstext wiederholt wird. Einleitend und als Zwischenspiele hören wir eine Begleitung, klagend bittende Streicher in einem Dialog mit einem obligaten Fagott. Man könnte meinen, es sei dieses Fagott die mitleidende Stimme des abwesenden Liebhabers Caesar, der für seine Geliebte «conforto e speme – Trost und Hoffnung» sein möchte.

Die gestalterischen Herausforderungen an die Interpretin sind hier gewaltig, will sie die Gefühle der leidenden Kleopatra geradezu in die je eigene Innenwelt aller Zuhörenden hineinziehen. Ich kenne keine heutige Sängerin, die diese Aufgabe eindrücklicher vollbringt als die grosse Mezzosopranistin Magdalena Kozena. In einer hinreissenden, durchgehend erstklassig besetzten Gesamtaufnahme der Oper «Giulio Cesare» unter Marc Minkowski mit seinen «Les Musiciens du Louvre» kann man die restlichen sieben Kleopatra-Arien hören. Ein Gefühlsmarathon der wie selten lohnenden Art, jedenfalls für Menschen, die den Rätseln der Schönheit auf der Spur bleiben wollen.

https://www.youtube.com/watch?v=tvWmMUu9O58

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