Gemalter Jazz

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Gemalter Jazz

Von Urs Meier, 01.03.2018

Basquiat ist ein legendenumranktes Phänomen. In Frankfurt kann man ihn kennenlernen. Eine unbedingte Empfehlung.

Er war ein junger Wilder der Malerei, ein Komet am Himmel der Kunst, der mit 27 Jahren im Drogenrausch erlosch. Jean-Michel Basquiat: 1960 in Brooklyn in eine puertoricanische Familie geboren, als 18jähriger Schwarzer buchstäblich mit Haut und Haar in die brodelnde Kunstszene Lower Manhattans eingetaucht. Zehn Jahre blieben ihm. Sie reichten, um eine der wichtigsten Markierungen in der Kunst des späten 20. Jahrhunderts zu setzen.

New Yorker Avantgarde

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main widmet Basquiat zurzeit eine grandiose Ausstellung. Gleich zu Beginn des Parcours fällt der Blick auf die lebensgrosse Gestalt des jungen Bohémiens. Auf einer wandfüllenden Fotografie geht Basquiat in seinen langen dunklen Mantel gehüllt an einem der kryptischen Graffiti-Texte vorbei, mit denen er die Szene ein erstes Mal auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Der Besucher bekommt den Eindruck, sich mit ihm ins Soho von 1981 hinein zu bewegen. Und genauso ist die Ausstellung konzipiert: als Streifzug durch das heruntergekommene, aber heftig pulsierende Soziotop der damaligen New Yorker Avantgarde und als Begegnung mit dem kurzen, aber sprühenden Künstlerleben Jean-Michel Basquiats.

Die jungenhafte Person mit breitem Lachen und Rasta-Frisur ist in jedem Exponat anwesend. Man glaubt ihn kennenzulernen in dieser Schau, und wer sich nicht mitreissen liesse von so viel Entdeckerfreude und Gestaltungslust, nicht bezaubert wäre vom Optimismus und der Grossherzigkeit dieses Kerls, müsste doch arg abgestumpft sein.

Das Fluidum der Szene, das ihn trug und in einen permanenten Schaffenstaumel versetzte, ist zugleich Essenz und Geheimnis von Basquiats Werk. Was da vibrierte, war ein chaotisches Kollektiv, befeuert von Punk-Rock, Free Jazz und Hip-Hop, von Pop-Literatur, Dada-Reminiszenzen und Protestkultur, von Improvisation, Experimentalfilm und Happening, von kurzlebigen Clubs, wilden Parties und illegalen Drogen.

Jean-Michel Basquiat, Dos Cabezas, 1982, Acrylic and oil stick on canvas with wooden supports, Private collection, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Basquiat malte nach der ersten Begegnung Andy Warhol und sich selbst im Doppelporträt.
Jean-Michel Basquiat, Dos Cabezas, 1982, Acrylic and oil stick on canvas with wooden supports, Private collection, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Basquiat malte nach der ersten Begegnung Andy Warhol und sich selbst im Doppelporträt.

Dem Kollektiv gaben neben Basquiat weitere herausragende Künstler Impulse und mit der Zeit auch internationale Ausstrahlung. Mit Andy Warhol und Keith Haring war Basquiat eng befreundet; sie haben des öftern gemeinsam Kunst gemacht. Robert Mapplethorpe, Nan Goldin, Madonna, Debbie Harry, Grace Jones, William Burroughs waren weitere Szenefiguren, die entweder schon berühmt waren oder vor fulminanten Karrieren standen. Sie alle und zahlreiche weitere erzeugten in der Periode von Basquiats Künstlerleben jene einzigartige, von Kreativität berstende Atmosphäre.

Stadt am Rand des Bankrotts

Idyllisch war das Leben in dem später zur Legende gewordenen Kunst-Hotspot allerdings in keiner Weise. New York City war in den siebziger und achtziger Jahren in weiten Teilen eine verkommene Stadt. Sie stand mehrfach am Rand des Bankrotts und war von epidemischer Kriminalität heimgesucht. Grosse Teile des Stadtgebiets galten als No-Go-Areas. Gebäude, Strassen und Infrastruktur waren verrottet. Immobilienbesitzer steckten reihenweise nächtens ihre Häuser in Brand, um die verarmten Bewohner zu vertreiben und die Versicherungssummen zu kassieren.

Die meisten der jungen Kunstschaffenden waren Habenichtse, die sich irgendwie durchschlugen und oft gegenseitig aushalfen. So auch Basquiat, der in den späten Siebzigern reihum bei Freunden lebte. Ab und zu gab ihm jemand ein bisschen Geld, damit er Malutensilien kaufen konnte. Als er in der Behausung eines Freundes jedoch alle Einrichtungsgegenstände samt Fenstern, Türen und selbst Kleidern bemalte, war ein ziemlich rascher Umzug fällig.

Jean-Michel Basquiat, Untitled (Crown), 1982, Acrylic, ink and paper collage on paper, Private collection, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Die dreizackige Krone taucht in vielen Werken als ein auf Basquiat selbst gemünztes Emblem der Würde auf.
Jean-Michel Basquiat, Untitled (Crown), 1982, Acrylic, ink and paper collage on paper, Private collection, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat. Licensed by Artestar, New York. Die dreizackige Krone taucht in vielen Werken als ein auf Basquiat selbst gemünztes Emblem der Würde auf.

Solche Praktiken von nicht domestizierter Drauflos-Kunst dokumentiert das in der Schirn ausgestellte Objekt „Untitled (Fun Fridge), 1982“, ein gemeinsam mit Keith Haring und anderen über und über bemalter Kühlschrank. Dass dieses Objekt beim ursprünglichen Besitzer anscheinend keinen Zornesausbruch auslöste (sonst wäre es vermutlich nicht erhalten geblieben), hat bestimmt damit zu tun, dass sich für Basquiat bis zum Jahr des Fun Fridge einiges geändert hatte.

Den Olymp gestürmt

1982 nämlich war das Jahr des endgültigen internationalen Durchbruchs für Basquiat. Als jüngster Teilnehmer war er an die Documenta 7 eingeladen, wo er zusammen mit Cy Twombly, Andy Warhol, Keith Haring, Jenny Holzer, Matt Mullican, Cindy Sherman und anderen als Vertreter der aktuellen New Yorker Szene vorgestellt wurde. Die Documenta war der Olymp der modernen Kunst. Innert dreier Jahre hatte der Junge aus Brooklyn ihn gestürmt. Doch für den 22jährigen Basquiat muss vor allem der Umstand gezählt haben, an der Seite Twomblys gezeigt zu werden. Cy Twombly war für ihn spätestens seit 1979, nach dem Besuch der grossen Twombly-Retrospektive im Whitney Museum of American Art in New York das wichtigste Vorbild.

Als Maler war Basquiat ein Autodidakt. Er hatte nie eine Kunstschule absolviert, war aber seit früher Kindheit ein unersättlicher Museumsbesucher und Leser, ein rastloser Sammler von Anregungen. Er sagte von sich selbst, er sauge alles auf wie ein Schwamm. Dabei verband er ganz selbstverständlich Hoch- und Populärkultur aller Epochen und Sparten, bezog afrikanische Traditionen mit ein und nutzte alle verfügbaren Medien. Er lebte nicht nur ständig mit Film und TV, sondern arbeitete neben dem laufenden Fernseher und reagierte spontan auf visuelle Impulse des Bildschirms. Oder er hörte Musik beim Malen, tanzte durchs Atelier und übertrug die Bewegung auf die Bildfläche.

Jean-Michel Basquiat painting, 1983, © Roland Hagenberg
Jean-Michel Basquiat painting, 1983, © Roland Hagenberg

Jazz war Basquiats Welt, Bebop seine Vorliebe und Charlie Parker sein Idol. Er besass eine Sammlung von 3’000 Jazzplatten. Gelegentlich gab er gar eins seiner Bilder her, um es gegen eine seltene Scheibe einzutauschen. Die genuin schwarze Musik war für ihn Ausdruck und Medium seiner eigenen Situation. Zwar mochte die Kunstszene in Lower Manhattan in rassischer Hinsicht gewissermassen farbenblind sein. Doch selbst im gesellschaftlich vergleichsweise fortschrittlichen New York konnte niemand, der schwarz war, ohne ständige Konfrontation mit Diskriminierung leben.

Stolz auf schwarze Kultur

Die Rassenproblematik ist in vielen von Basquiats Bildern thematisiert. Black Power und die Bürgerrechtsbewegung waren für ihn als jungen Schwarzen schon Geschichte, und als im eigentlichen Sinn „seine“ Geschichte taucht sie in Basquiats Sujets häufig auf. Für ihn war schwarze Geschichte jedoch keine Chronik des Leidens, sondern eine des Stolzes.

Wie er die Heroen der Auflehnung feiert, so stellt er auch die Errungenschaften schwarzer Kultur heraus, und zwar der traditionell-afrikanischen wie der modern-urbanen. Für letztere steht als wichtigste Manifestation der Jazz. Basquiats Jazz-Begeisterung ist genau so stark ästhetisch-musikalisch wie existentiell-persönlich und politisch begründet.

Obwohl Basquiat für sämtliche Einflüsse aus seiner Umwelt künstlerisch empfänglich war, hat doch der Jazz für seinen Stil und seine Bildfindungen eine erstrangige Rolle gespielt. Man kann das beim Gang durch die Ausstellung nachempfinden. Da ist das Improvisieren über Themen, das experimentelle Ausformen von Motiven und Phrasen. Die treibenden Rhythmen des Bebop sind an der unruhigen Pinselhandschrift ablesbar, ein flächig-wilder Farbauftrag reagiert auf die ungezügelte Emotionalität des Jazz.

Basquiats Bildkompositionen und die von ihm oft verwendeten Collage- und Assemblageverfahren wirken auf den ersten Blick manchmal wie unbeholfene Basteleien und erweisen sich dann doch als sichere, ausdrucksstarke Gestaltungen – den gleichen Eindruck machen auch Jazz-Arrangements, jedenfalls die besten von Miles Davis und Charlie Parker, den Hausgöttern Basquiats.

Vor nicht ganz dreissig Jahren, am 12. August 1988, stirbt Jean-Michel Basquiat mit siebenundzwanzig in seinem Loft an der Great Jones Street. Manche Œuvres, besonders die explizit „zeitgeistigen“, pflegen nach wenigen Jahrzehnten bereits gehörig Patina anzusetzen. Bei Basquiat ist das nicht der Fall. Seine Arbeiten sind frisch geblieben, sie sprechen zu einem und lassen die faszinierende Persönlichkeit erahnen, die hinter ihnen steht.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: Basquiat – Boom for Real, noch bis 27. Mai 2018

Die Website der Schirn präsentiert ein ausgezeichnet gestaltetes Digitorial über Basquiat.

Der Katalog bietet mit Texten ohne Kunstsprech eine hervorragende Einführung zum Leben und Werk Basquiats.

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