„Folterstaat“ Frankreich

Ulrich Meister's picture

„Folterstaat“ Frankreich

Von Ulrich Meister, 01.10.2018

Der junge Präsident Macron kann mit den Greueln des Algerienkrieges anders umgehen. Die Algerier noch nicht.

Jede Präsidentengeneration hat ihre späte Vergangenheitsbewältigung. Chirac schämte sich für die Verfolgung der französischen Juden unter dem Regime von Pétain. Mitterand wollte dies nicht tun. Er war noch Minister unter diesem Regime, auch für Afrika. Macron gab im September 2018 nun zu, dass der französische Staat im Algerienkrieg (1954–1962) die Folter gegen die algerische Guerilla angeordnet hatte, aber auch eigene französische Bürger, die friedlich für die Unabhängigkeit Algeriens militierten, durch die französische Besatzungsarmee foltern und töten liess.

Es war eine wichtige, wenn auch nur noch symbolische Geste. Man wusste dies alles. Die französische Foltervilla in Algier war allen Algeriern bekannt und der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen ist heute noch stolz darauf, dort gefoltert zu haben. Macron rehabilitierte dann auch die Harkis, die einheimischen Hilfstruppen der Kolonialarmee. Er verteilte 20 Ehrenlegionen und versprach 40 Millionen Euro für die Kinder. Von 150’000 Rekrutierten wurden 60’000 nach Frankreich mitgenommen und in Lagern untergebracht. Die Zurückgebliebenen wurden vom Front de libération nationale (FLN) als Verräter behandelt, also weitgehend umgebracht. Macron hat die Öffnung aller heiklen Archive versprochen.

Algeriens Präsident seit 1999, Bouteflika, hat die Unabhängigkeit seines Landes im marokkanischen Grenzort Oujda abgewartet. Da sich die alten Generäle des FLN – eine zeitlang prosowjetisch, da antifranzösisch – über die Machtteilung und das Erdölgeld nicht einigen konnten, blieb er der kleinste gemeinsame Nenner für ein Land, das nun in Fehden zwischen Generalssöhnen, in Korruption und damit fehlenden Kompetenzen gelähmt bleibt – seit 20 Jahren. Aber der Präsident ist krank, selbst nach wohltuenden Aufenthalten in seiner Genfer Klinik. Er hat sein eigenes Volk verraten. Und  trotz allem blieb Frankreich eine Referenz.

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ja, die Franzosen haben es mit der Vergangenheitsbewältigung nicht so masochistisch eilig wie die Deutschen. Sie sind in guter Gesellschaft des staatlich gewollten Ignorierens von Fehlverhalten ( Böhmen-Mähren, 1946, Japan 1945, UdSSR ab 1945, China ab 1955, Iran und Irak als mohammedanische Bruderländer.) Es gibt zweierlei Massstäbe: westliche, demokratische und nicht-westliche- autoritäre. Wie soeben vorgeführt in Deutschland durch die Türkei

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren