Failed States – Teil 2

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Failed States – Teil 2

Von Arnold Hottinger, 09.03.2017

Die Region von Libyen bis Pakistan und von Somalia bis zum Irak zeigt vergleichbare Erscheinungen des Niedergangs. – Ein zeitgeschichtlicher Überblick in sechs Teilen.

Der erste Teil skizzierte die Spannungen in Nahost zwischen stammesgesellschaftlichen und nationalstaatlichen Ordnungen. Weiter kam das Dilemma der unter autoritären Herrschern gleichzeitig erwünschten und nicht möglichen Modernität zur Sprache. Somalia war der erste Fall eines Failed State in der Region.

AFGHANISTAN

Die Parallelen zwischen Somalia und Afghanistan sind deutlich. Eine schwache nationale Regierung in Kabul, die ihre Macht nicht in der gesamten Stammesgesellschaft des Landes etablieren konnte, geriet in Zwist mit einem Nachbarn über Landesteile, die von diesem beherrscht werden.

Hier handelte es sich um die pakistanischen Teile Pashtunistans jenseits der kolonialen Durant-Linie. Die nationale Regierung in Kabul konnte sich aber nicht durchsetzen. Hungersnöte traten auf. Ein starker Mann versuchte nach einem Putsch eigenmächtig zu regieren. Diese Phase war nur kurz in Afghanistan, fünf Jahre unter Daoud Khan (1973–78). Sie wurde beendet durch einen zweiten Putsch pro-sowjetischer – weil dort ausgebildeter – Armeeoffiziere. Die Offiziere und die kleine Kommunistische Partei improvisierten ein zweiköpfiges „kommunistisches“ Modernisierungsregime nach sowjetischem Vorbild, jedoch mit einem paschtunischen und einem tadschikischen Oberhaupt, die einander bekämpften, Hafez Amin mit der „Khalq“ gegen Babrak Karmal mit der „Parcham“-Faktion der lokalen Kommunistischen Partei.

Sowjetischer Einmarsch

Das rücksichtslose Vorgehen Hafez Amins gegen die von der Bevölkerung als islamisch empfundenen Stammes- und Landestraditionen führte zu Aufständen, die das Regime erschütterten. Die Sowjetunion marschierte ein, um den kommunistischen Bestand zu retten; das war an Weihnachten 1979. Es erhob sich ein Volkswiderstand unter islamisch-islamistischem Vorzeichen gegen die „heidnische“ Sowjetunion, und er wurde von aussen unterstützt.

Das Ausland verfolgte jedoch seine eigenen Ziele. Pakistan beabsichtigte die „Islamisierung“ der Macht im Nachbarland in der Hoffnung, dass Afghanistan dadurch zum „Hinterland“ Pakistans gegenüber Indien werde. Die pakistanischen Offiziere sprachen von der Notwendigkeit „strategischer Tiefe“ gegenüber dem viel grösseren Indien. Die USA suchten ihre Revanche gegen die Sowjetunion für die Niederlage in Vietnam. Die Europäer, soweit sie am Rande mitwirkten, strebten ihrerseits nach einem „modernen“, in die aufgeklärte Welt passenden Nationalstaat Afghanistan.

Die Russen verliessen das Land 1988, nachdem ungefähr zwei Millionen afghanische Zivilisten in den Kämpfen ihr Leben verloren hatten. Doch der Krieg dauerte an, weil die afghanischen Warlords sich um die Macht stritten.

Statt Versöhnung die Taliban

Die Aussenwelt hatte entscheidend mitgeholfen, die Russen zu vertreiben. Sie unterliess es jedoch, die Afghanen dazu zu veranlassen, untereinander Frieden zu schliessen. Mohammed Nadschibullah, den Moskau als Machthaber in Kabul zurückgelassen hatte, hielt sich nach dem Abzug der russischen Truppen gegen die weiterhin vom Westen unterstützten Mudschahedin, bis die Sowjetunion selbst zu Fall kam und ihn im August 1991 fallen liess.

Vielleicht wäre damals eine Versöhnung zwischen Nadschibullah und den ihn bestürmenden Warlords möglich gewesen, wie sie die Uno anstrebte. Dies hätte den Staat Afghanistan gerettet. Da die Aussöhnung nicht stattfand, wurde Kabul zum Zankapfel der Warlords und durch Beschiessung weitgehend zerstört. Diese Kämpfe wurden erst beendet durch eine neue islamistische Macht, die von 1994 an ihren Eroberungszug begann: diejenige der Taliban.

Auch sie waren von aussen gefördert: Pakistan und Saudi-Arabien suchten die Taliban für ihre politischen Ziele einzuspannen und unterstützten sie zu daher. Vorübergehend waren auch die Amerikaner beteiligt. Zwischen 1994 und 2001 errangen die Taliban Macht über beinahe das ganze Land. Die letzten Gegner der Taliban von Gewicht, Ahmed Schah Masoud und seine nördliche Koalition, erhielten Hilfe aus Zentralasien. Drei Tage vor dem Grossanschlag von New York und Washington (11. September 2001) wurde Masoud durch Abgesandte Osama Bin Ladens, der bei den Taliban Zuflucht gefunden hatte, ermordet.

Amerikanische Invasion und Nato-Präsenz

Nine-Eleven schien die Lage grundlegend zu verändern. Amerika führte „Krieg gegen den Terrorismus“. Es gab eine amerikanische Invasion. Die Taliban wurden vertrieben. Doch ihr Gast, Bin Laden, konnte entfliehen, und die Taliban organisierten sich neu in Pakistan und im pakistanischen Grenzraum mit pakistanischer Hilfe. In der Folge kehrten sie nach Afghanistan zurück.

Den asymmetrischen Krieg gegen die Taliban konnten die Amerikaner und Nato-Truppen nicht gewinnen. Sie selbst begannen von einem bevorstehenden Abzug und von Verhandlungen mit den Taliban zu reden, während sie gleichzeitig eine Regierungsarmee für Kabul ins Leben riefen, die so teuer war, dass das Land Afghanistan sie mit Sicherheit nicht selbst finanzieren konnte.

Die Taliban sahen sich selbst als erfolgreich und waren nicht ernsthaft an Verhandlungen interessiert. Das heisst wohl auf lange Sicht – ein Ende ist noch nicht erreicht –, dass die Amerikaner ohne Sieg abziehen und den Krieg damit verlieren werden. Was aber schwerlich das Ende der bisher 37 Jahre des Krieges in dem unglücklichen Land bedeuten wird. Die „westlichen“ Kräfte der Umwelt und auch innerhalb Afghanistans werden sich weiterhin auswirken und schwerlich zulassen, dass die Taliban das Land auf die Dauer unangefochten beherrschen.

Übersicht zur Serie "Failed States"

Teil 1: Stammesgesellschaft und Nationalstaat, Religion und Moderne, Fall Somalia (erschienen am 7. März 2017)

Teil 2: Fall Afghanistan

Teil 3: Fall Jemen (erschienen am 11. März 2017)

Teil 4: Fall Libyen (erschienen am 13. März 2017)

Teil 5: Rolle der Armeen: Fall Syrien (erschienen am 15. März 2017)

Teil 6: Rolle der Armeen: Fälle Irak, Saudi-Arabien, Ägypten (erschienen am 17. März 2017)

Kommentare

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Die verschiedenen Aufständischen haben sich innerhalb von 6 Jahren nicht auf eine gemeinsame politische Führung einigen können. Auch militärisch kam es immer nur zu kurzfristigen Bündnissen, je nach Ziel.
Die jetzige Entwicklung stellt zwar eine Verschärfung dar, ist aber eine logische Entwicklung aus diesem unseligen Konflikt.

Ohne Experte für diese ganzen Gruppen zu sein, scheint es so zu sein, dass sich die Gruppen untereinander in ihren Zielen zu stark unterscheiden. Konflikte sind hier nur die logische Folge.
Wenn z.B. die Freie Syrische Armee den Konflikt gegen B. al-Assad gewonnen hätte, wäre der nächste bewaffnete Konflikt mit der Al-Nusra-Front und anderen Gruppen aufgeflammt.
Ein endloser Konflikt in den nun auch schon länger die Türkei mit Bodentruppen eingreift. Zum verzweifeln.

Herr Hottinger, Sie sind der beste Kenner dieser nicht mehr funktionierenden, aber immer noch in der UNO vertretenen Staaten. Allein, Sie dürfen politische
korrekt nicht sagen, dass alle denselben religiösen Hintergrund haben. Darf ich?

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