Ernst Jünger - Strahlungen (1949)

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Ernst Jünger - Strahlungen (1949)

Von Urs Bitterli, 12.11.2014

Der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger ist durch seinen Bericht „In Stahlgewittern“ aus dem Ersten Weltkrieg berühmt geworden. Während des Zweiten Weltkriegs war er in Paris stationiert und hat auch darüber berichtet.

Das lange Leben des Schriftstellers Ernst Jünger, geboren 1895 und gestorben 1998, überspannt ein volles Jahrhundert. Bekannt geworden ist Jünger vor allem durch seine Tagebücher, insbesondere durch jene, die er während der beiden Weltkriege geführt hat.

Zwei Tagebücher

Am Ersten Weltkrieg nahm er als Freiwilliger teil, stand fast immer im Fronteinsatz, wurde mehrmals schwer verletzt und für Tapferkeit vor dem Feinde mit den höchsten Orden ausgezeichnet, die das wilhelminische Deutschland zu vergeben hatte. Die Tagebücher zum Ersten Weltkrieg sind 1920 unter dem Titel „In Stahlgewittern“ herausgekommen und immer wieder neu aufgelegt worden.

Ernst Jüngers Tagebücher zum Zweiten Weltkrieg tragen den Titel „Strahlungen“ und befassen sich vor allem mit der Zeit, da Jünger als Besatzungsoffizier dem deutschen Militärbefehlshaber in Paris unterstellt war. Die „Strahlungen“ erschienen im Jahre 1949; auch diese Tagebuchaufzeichnungen sind wiederholt neu aufgelegt und in französischer Übersetzung vor wenigen Jahren in die renommierte „Bibliothèque de la Pléiade“ aufgenommen worden.

Keine Anteilnahme, kein Mitgefühl

Über den Ersten Weltkrieg, der mit modernstem Kriegsmaterial und brutaler Unerbittlichkeit geführt wurde, haben viele Schriftsteller berichtet, unter ihnen Erich Maria Remarque in seinem Weltbestseller „Im Westen nichts Neues“ und Henri Barbusse in seinem Bericht „Le feu“. Jüngers Aufzeichnungen „In Stahlgewittern“ beeindrucken durch einen unterkühlten Realismus der Darstellung, der Anteilnahme oder Mitgefühl nicht zulässt.

Während sich bei den meisten Berichterstattern angesichts der maschinellen Gründlichkeit des Tötens irgendeinmal die politische oder moralische Schuldfrage stellt, verschliesst sich Jünger solchen Zweifeln ganz. Die Frage nach der Kriegsschuld beschäftigt ihn ebenso wenig wie die Frage nach den Gründen der Niederlage. Für ihn liegt der Sinn des Krieges im Kriege selbst.

Gegen die Weimarer Republik

Im Krieg sieht Jünger eine gesteigerte Form des Kampfes ums Dasein, in dem sich die künftige Elite einer Nation heranbildet. Von dieser Grundhaltung ist Jünger nie abgewichen. Im Gegensatz zu Thomas Mann, der sich, von ähnlichen nationalkonservativen Vorstellungen ausgehend, zum Bekenntnis zur Weimarer Republik durchzuringen verstand, blieb Jünger sich selber treu. Er bekämpfte die Weimarer Republik und verfasste eine Reihe weiterer Schriften, in denen er vom militanten Nationalismus der „Stahlgewitter“ nicht abwich.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, hätte sich der hochdekorierte Offizier Jünger vom Dienst befreien oder in die Etappe versetzen lassen können; aber ihn drängte es, ganz vorne mit dabei zu sein. Als Hauptmann und Kommandant einer Infanteriekompanie der Reserve nahm er 1940 am „Blitzkrieg“ teil, der in wenigen Wochen zur völligen Niederlage Frankreichs führte.

Briefzensur

Noch vor dem Beginn der eigentlichen Kampfhandlungen, zur Zeit des „Drôle de guerre“, als sich die Armeen abwartend gegenüberlagen, vollbrachte der 45jährige Jünger eine Heldentat, die ihm einen weiteren Orden sicherte. Sein Kampfesmut spricht auch aus folgendem Erlebnis, von dem zu Beginn der „Strahlungen“ berichtet wird. „Nicht fern vom berühmten Häuschen“, schreibt Jünger, „stand der General am Wege, grüsste die Kompanie und fragte, während ich im Vorübergehen meldete, nach meinem Wohlergehen. ‚Danke gut, Herr General. Darf man denn hoffen, dass man noch ins Feuer kommt?‘ ‚Sie kommen, Sie kommen – bei Saint-Quentin.‘“

Ins Feuer sollte Ernst Jünger nicht mehr kommen, aber sein Leben blieb auf andere Art riskant. Am 22. Juni 1940 kam es zum Abschluss des deutsch-französischen Waffenstillstandes; in der Folge wurden Nord- und Westfrankreich der deutschen Besatzung unterstellt, während das Zentrum und der Süden der Vichy-Regierung des Marschall Pétain unterstanden, die in immer stärkere Abhängigkeit von Hitlerdeutschland geriet.

Im Hauptquartier des deutschen Militärbefehlshabers in Paris war Ernst Jünger damit beauftragt, die Briefpost der deutschen Soldaten zu kontrollieren und die Korrespondenz zum Tod verurteilter Geiseln zu lesen. In seiner grosszügig bemessenen Freizeit besichtigte er die Sehenswürdigkeiten der französischen Hauptstadt, spazierte im Jardin des Plantes oder im Parc de Bagatelle oder machte Ausritte im Bois de Boulogne. Da ihm das Privileg gewährt worden war, in Zivilkleidung auszugehen, kam er in engeren Kontakt zur Pariser Bevölkerung. Er verkehrte mit Intellektuellen im Dunstkreis der Vichy-Regierung, pflegte lebhafte Beziehungen zum weiblichen Geschlecht, speiste in den elegantesten Restaurants und suchte in den Antiquariaten nach schön gebundenen Büchern. Auch hatte er Umgang mit der deutschen Botschaft und mit hohen Offizieren, von denen einige, wie der spätere General der Bundeswehr Hans Speidel, dem Widerstand gegen Hitler nahestanden.

Wichtiges und umstrittenes Dokument

Von allen diesen Erlebnissen und Begegnungen berichtet Jünger in den „Strahlungen“, die eine wichtige Quelle zum kulturellen Leben von Paris während der Okkupation darstellen. Wer unter den damaligen Umständen ein Tagebuch führte, setzte sich grösster Gefahr aus. Zwar wählte Jünger für viele der Personen, die er im Tagebuch erwähnte, Decknamen und äusserte sich in verschlüsselten Andeutungen; aber im Falle einer Entdeckung seiner Aufzeichnungen wäre er verloren gewesen, sind doch seine Vorbehalte gegenüber dem Unrechtsregime zu offensichtlich.

Die Pariser Tagebücher der „Strahlungen“ sind nicht nur ein wichtiges, sondern auch ein sehr umstrittenes Dokument. Nicht dass man den Wahrheitsgehalt der Aufzeichnungen bezweifelte; es ist vielmehr, ähnlich wie bei den „Stahlgewittern“, die Art der Schilderung, die schockiert. Jünger führte ein überaus privilegiertes Leben in einer Stadt, deren Bewohner in ihren Freiheiten stark eingeschränkt waren und unter Hunger und Unannehmlichkeiten aller Art litten. Man konnte auf den geringsten Verdacht der Unbotmässigkeit hin verhaftet, gefangen gehalten und exekutiert werden. War man Jude, war die Gefahr gross, in ein Vernichtungslager deportiert zu werden.

Unterkühlter Realismus

Jünger war hervorragend informiert: Er wusste von der Judenverfolgung, von den Geiselerschiessungen, von den Euthanasieverbrechen, von den Gräueln hinter der Front in Russland. Er beobachtete genau, hörte aufmerksam zu, registrierte sachlich - aber seine Tagebuchaufzeichnungen zeigen geringes Verständnis für die Leiden der unterdrückten Bevölkerung und wirken in ihrer kühlen Distanz und Abgehobenheit nicht selten herzlos oder arrogant.

Bezeichnend für Jüngers unterkühlten Realismus ist die Schilderung einer Exekution, welcher er als Offizier beiwohnen muss. Hier ein Ausschnitt: „Der Getroffene steht noch am Baum; in seinen Zügen drückt sich eine ungeheure Überraschung aus. Ich sehe den Mund sich öffnen und schliessen, als wollte er Vokale formulieren und mit grosser Mühe noch etwas aussprechen. Der Umstand hat etwas Verwirrendes, und wieder wird die Zeit sehr lang. Auch scheint es, dass der Mann jetzt sehr gefährlich wird. Endlich geben die Knie nach. Die Stricke werden gelöst, und nun erst überzieht die Totenblässe das Gesicht, jäh, als ob ein Eimer von Kalkwasser sich darüber ausgösse. Der Arzt tritt flüchtig hinzu und meldet: ‚Der Mann ist tot.‘ Der eine der beiden Wächter löst die Handschellen und wischt ihr blitzendes Metall mit einem Lappen vom Blute rein. Man bettet den Leichnam in den Sarg; es ist mir, als spielte die kleine Fliege in einem Sonnenstrahl darüber hin.“

Der berüchtigte Eintrag

Berühmt und berüchtigt ist ein Tagebucheintrag der „Strahlungen“ vom 27. Mai 1944, kurz vor der Invasion in der Normandie, zur Zeit, als die alliierte Luftwaffe wiederholt Industrieanlagen, Bahnhöfe und Brücken in und um Paris bombardierte. Ernst Jünger pflegte dann auf das Dach seines Hotel zu steigen, um sich das Schauspiel anzusehen. Er schreibt: „Überfliegungen. Vom Dache des ‚Raphael‘ sah ich zweimal in Richtung von Saint-Germain gewaltige Sprengwolken aufsteigen, während Geschwader in grosser Höhe davonflogen. Ihr Angriffsziel waren die Flussbrücken. Art und Aufeinanderfolge der gegen den Nachschub gerichteten Massnahmen deuten auf einen feinen Kopf. Beim zweiten Mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Türmen und Kuppeln lag in gewaltiger Schönheit, glich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, von Schmerz bejahte und erhöhte Macht.“

Man muss vielleicht, um das Schockierende solcher Passagen der „Strahlungen“ ganz zu begreifen, die Aufzeichnungen eines Pariser Schriftstellers aus derselben Zeit zum Vergleich beiziehen. Jean Guéhenno, Lehrer an einem Pariser Lycée und feinsinniger Kenner der deutschen Literatur, litt zutiefst unter der Niederlage und unter der deutschen Besatzung und schrieb in seinem „Journal des années noires“ unter dem Datum des 24. März 1944: „Man vernimmt jeden Tag neue Schreckensmeldungen. Junge Regimegegner sind in Nîmes und in verschiedenen Dörfern des Midi erhängt worden. Bauern, die verdächtigt wurden, die Maquisarden verpflegt zu haben, sind erschossen und ihre Höfe sind angezündet worden. In Paris sind grausame Razzien durchgeführt worden.“

"Eiskalter Genüssling des Barbarismus"

Und unmittelbar nach der Invasion schrieb Guéhenno: „Eines steht fest: Frankreich war ausserstande, sich allein von seinem Elend zu befreien, und wir werden unsere Freiheit und wiedergewonnene Ehre jenen jungen Männern verdanken, die aus England, aus Amerika, aus Kanada, vom Ende der Welt hierher gekommen sind, um sich zu schlagen und um ihr Blut mit demjenigen jener jungen Franzosen zu vermischen, die sich nicht verknechten liessen. So entsteht Geschichte, und so entsteht jener Mensch der Zukunft, dem die Freiheit aller Menschen auf Erden ein gemeinsames Anliegen ist.“

Die Kriegstagebücher Ernst Jüngers und die Persönlichkeit ihres Autors sind bis heute sehr umstritten gewesen. Thomas Mann, der die Vertreter der „Inneren Emigration“ ebenso wenig liebte wie diese ihn, nannte Jünger „einen eiskalten Genüssling des Barbarismus“ und Marcel Reich-Ranicki meinte: „Ein Schriftsteller von Rang ist der Jünger, aber ein barbarischer Schriftsteller.“ In Deutschland ist die Kritik an Jünger dominant geblieben, während man in Frankreich dazu tendiert, im Schriftsteller einen „Ausnahmedeutschen“, „un bon Allemand“, zu sehen. Aber auch in Frankreich gibt es Kritik. Als Jünger in die renommierte „Bibliothèque de la Pléiade“ aufgenommen wurde, konnte der Übersetzer und Literaturkritiker Georges-Arthur Goldschmidt nicht verstehen, dass einem „ein wenig faschistoiden, grosstuerischen Mystagogen“ solche Ehre zufalle.

Das hohe Alter indessen brachte Ernst Jünger Ehrenbezeugungen genug, und er wurde zu einer Symbolfigur der deutsch-französischen Versöhnung hochstilisiert. Im April 1993 wurde er im Elysée-Palast vom französischen Staatspräsidenten Mitterrand empfangen. An der Feier zum hundertsten Geburtstag, 1995, nahmen 160 geladene Gäste, darunter Bundespräsident Roman Herzog und Bundeskanzler Helmut Kohl, teil. Aus der Schweiz reisten Dino Larese und François Bondy an. Ernst Jüngers Tod, drei Jahre später, wurde zu einem in ganz Europa beachteten Ereignis. Der Dramatiker Rolf Hochhuth schrieb: „Er war der letzte lebende Deutschschreibende, der noch zur Weltliteratur gehörte. Mit ihm geht eine Ära auch der deutschen Geistesgeschichte zu Ende, die nie zu schreiben ist, ohne auch Jüngers exemplarische Existenz darzustellen.“

Jünger ist fraglos ein grosser Geist. Aber er kostet in geradezu beschämender Weise aus, die sprachlichen Mittel der Insektologie auf die Conditio humana anzuwenden. Das schwerwiegendste Zeugnis, das sich dem Jünger'schen Welt- und Menschenbild vielleicht gegenüber stellen lässt, ist m.E. der etwa zeitgleich zu den "Strahlungen" konzipierte Konzentrationslagerbericht von Viktor E. Frankl "...trotzdem Ja zum Leben sagen". Liest man das, so wird das mangelnde Mitgefühl eines Jünger und sein - in der Wirkung - vollkommener moralischer Bankrott, mehr als offenkundig.

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