Eine kranke Wahl

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Eine kranke Wahl

Von Ignaz Staub, Washington DC - 04.11.2016

Noch weiss niemand, wie die Kluft, die Amerika trennt, dereinst überbrückt werden soll. Neben Therapie hilft vielleicht der Humor.

„Make America Sane Again“, steht auf kleinen Plakaten, die unübersehbar auf Laternenpfählen rund um den Dupont Circle kleben: „Macht Amerika wieder gesund“. Die Botschaft wirbt für den 55-jährigen Präsidentschaftskandidaten Russell Hirshon, den Chef einer lokalen Werbeagentur, der sich weniger als Politiker denn als Aktionskünstler versteht. „Ich will deine Stimme nicht und schon gar nicht dein Geld“, steht auf seiner Website, welche die Wählerschaft dazu aufruft, statt für Politiker für karikative Zwecke zu spenden: „Schätzungen zufolge sind für die letzte Präsidentenwahl 2,6 Milliarden Dollar ausgegeben worden. Es ist an der Zeit, Wahlspenden in eine andere Richtung zu lenken.“

Flut von Hässlichkeit

Russel Hirshon ist nicht der Einzige, der sich um die geistige Gesundheit der Nation sorgt. „Diese Wahl hat Amerikaner zornig und krank gemacht“, schreibt in der „Washington Post“ ein Kolumnistenpaar und erinnert an den 1971 erschienen Roman von William Peter Blatty sowie den 1973 in die Kinos gekommenen Film „The Exorcist“ – „eine Story von Besessenheit und Teufelsaustreibung, die den Glauben erschüttert“. Die unablässige Flut von Hässlichkeit, welche die amerikanische Politik überschwemme, gleiche Blattys Beschreibung von Besessenheit und deren schlimmen Folgen für die Seele, argumentieren Michael Wear und Carolyne Davis.

Die beiden Kolumnisten erinnern an eine Umfrage des Pew Center vom vergangenen Juli, laut der 60 Prozent der Befragten aussagten, sie hätten die Wahlen völlig satt: „Seither haben sich der Zorn und der Streit zwischen politischen Gegnern bis zum Siedepunkt erhitzt und viele Wähler sagen, sie würden den Respekt für die demokratischen Institutionen unseres Landes und ihre Mitmenschen verlieren.“

Kranke Seelen

Therapeuten, so Wear und Davis, würden zunehmend Patienten behandeln, die wegen Ängsten, welche die Wahlen auslösten, in ihre Praxen kämen und die Psychologische Vereinigung des Landes habe Ratschläge publiziert, wie mehr als die Hälfte der Amerikanerinnen und Amerikaner, die unter Wahlstress litten, mit diesem Problem fertig werden könnten: „Wir werden, buchstäblich, in unseren Seelen krank.“

Seelische Verletzungen aber würden dazu führen, dass die Betroffenen Menschlichkeit und Würde in ihrer eigenen Person sowie bei anderen Leuten nicht mehr wahrnehmen könnten und in Versuchung gerieten, ihre Gegner zu dämonisieren und sie vernichten statt erlösen zu wollen. Eine Politik aber, die auf Verzweiflung beruhe, sei eine Gefahr für die Demokratie: „Wie können wir nach dem 8. November (dem Wahltag, Anm. d. Red.) zu heilen beginnen?“

Das Übel bekämpfen

Als mögliche Therapie zitieren Michael Wear und Carolyne Davis eine Erkenntnis des amerikanischen Theologen und Aktivisten Walter Wink (1935-2012). „Übel kann bekämpft werden, ohne sich darin zu spiegeln“, steht im Buch „Die herrschenden Mächte“ des Bibelforschers: „Unterdrückern kann widerstanden werden, ohne sich mit ihnen gemein zu machen. Feinde können wehrlos gemacht werden, ohne sie zu zerstören.“

Wenn es um Moral und moralische Führung gehe, reiche es aber nicht aus, lediglich das Heim auszukehren: „Unsere Dämonen zu vertreiben, lässt nur das Haus leer. Soll der Traum der amerikanische Demokratie überleben, so brauchen wir eine neue Politik, die von Werten gestützt und genährt wird, die über die Politik hinausgehen.“

DIe „Politjunkies“

Eine besondere Form von Wahlstress ist gemäss der „Washington Post“ die Sucht, jederzeit und überall auf dem Laufenden zu bleiben, was sich im Wahlkampf tut. Die Sucht befällt auch Personen, die zuvor keine „Politjunkies“ waren, von der Wahl zwischen Hillary Clinton und Donald Trump aber in einer Art betroffen werden, wie sie das nie für möglich gehalten hätten. Süchtige konsultieren zumindest stündlich verschiedene Nachrichtenquellen – von Fernsehsendern wie CNN oder der BBC über spezialisierte Websites wie „Politico“ oder Nate Silvers „538“ bis hin zu verschiedenen Absendern von Tweets. Sie ersticken fast in der Informationslawine.

Die Wahlbesessenen, so die „Post“, habe es schlimm erwischt und es sei leicht einzusehen, weshalb: „‚Das ist die seltene, wichtigste Wahl unseres Lebens‘, die sich tatsächlich auch so anfühlt. Auf beiden Seiten sind apokalyptische Töne zu hören. Der Oktober war voller ‚Oktober-Überraschungen‘ und eine Wahl, die über Twitter ausgetragen wird, kann nur bestärken, was die technologische ‚Zwangsschleife‘ genannt worden ist.“ Dem „Wall Street Journal“ zufolge werden in den USA derzeit weniger Fernsehserien, Bücher oder Filme konsumiert, da es anscheinend Leute gibt, die sich nur noch für die Wahlen interessieren – wenn‘s sein muss, rund um die Uhr oder zumindest vom Aufwachen bis zum Schlafengehen.

Die Medien profitieren

Es ist kein Wunder, dass sich die Medien fragen – allen voran Kabelkanäle wie CNN, MSNBC oder Fox News – wie gross ihre Einbussen an Publikumszuspruch und Profiten sein werden, wenn die Wahlen einmal vorbei sind. Erfahrungsgemäss steigt in den USA das öffentliche Interesse vor einem Urnengang markant an, um danach spürbar wieder abzunehmen. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang ein zynischer Spruch des Chefs des Fernsehsenders CBS: „Der Wahlkampf mag für Amerika nicht gut sein“, bemerkte Les Moonves: „Aber er tut CBS verdammt gut.“

CNN zum Beispiel, das dieses Jahr mit einem Gewinn von einer Milliarde Dollar rechnet, geht davon aus, dass seine Zuschauerzahl 2017 um bis zu einem Viertel abnehmen wird – eine optimistische Annahme, denn nach der Wahl 2008 zwischen Barack Obama und John McCain hatte der Sender fast die Hälfte seines Publikums verloren. Weniger gravierend waren damals die Verluste für die rechten Fox News, deren Programm in erster Linie darauf abzielte, die Regierung von Barack Obama zu attackieren. Fox verlor 2009 im Vergleich zum Vorjahr lediglich sieben Prozent seiner Zuschauerschaft.

Gescholtener Karikaturist

Die „New York Times“ vermeldete Mitte der Woche, sie habe in den vergangenen drei Monaten, das heisst während der heissen Phase des Wahlkampfs, 116‘000 zusätzliche Abonnenten für ihre Online-Ausgabe gewinnen können – eine Zunahme um fast zehn Prozent. Auch die „Washington Post“ hat dieses Jahr online fast jeden Monat die Zahl der Zugriffe steigern können. Im September etwa haben 83,1 Millionen Menschen die Website der Zeitung besucht.

Wie immer Amerikas Wahl in vier Tagen ausgeht, es wird im Falle eines Sieges von Donald Trump niemand sagen können, man habe es nicht im Voraus gewusst. Bereits 1987 persiflierte Karikaturist Garry Trudeau im Comic Strip „Doonesbury“ Trumps erste Gehversuche in der Politik, was dem Zeichner in der Folge die Kritik des Opfers eintrug, ein „drittklassiges Talent“ zu sein, das versuche, auf seine Kosten berühmt zu werden.

Atemberaubend unvorbereitet

Zwar bezeichnete Trump seine Aktivitäten in den 80er Jahren als „Versuchsballon“. Auch Trudeau lässt ihn im Strip seine politischen Ambitionen entschieden dementieren, auf die Frage eines Reporters, der sich nach einer allfälligen Kandidatur für den Kongress erkundigt, aber antworten: „Präsident. Denken Sie Präsident.“ In der nächsten Folge des Strips erläutert der New Yorker Bau-Unternehmer anhand einer Grafik, wie im hypothetischen Fall einer Kandidatur seine Agenda aussehen würde: „Erster Job: ein Weisses Haus, auf das wir stolz sein können.“ Die Grafik zeigt den zu einem Wolkenkratzer aufgeblasenen Sitz des amerikanischen Präsidenten.

Gary Trudeau schreibt, im Falle Donald Trumps, den er als „orange, hyperaktiv und atemberaubend unvorbereitet“ charakterisiert, brauche er nichts zu erfinden und versuche es auch gar nicht: „Einige Leute meinen, Trump sei jenseits von Satire, aber wir Profis wissen, dass er Satire ist, rein und ungekürzt, für uns alle zu gebrauchen und zu geniessen, wofür wir nicht undankbar sind. Für unser Land aber können wir nur weinen.“

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