Eine deutsche Legende

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Eine deutsche Legende

Von Klara Obermüller, 15.05.2019

Die Ausstellung über Emil Nolde im Hamburger Bahnhof in Berlin wirft ein irritierendes Licht auf die deutsche Erinnerungskultur.

Lange Zeit galt der Maler Emil Nolde als Inbegriff des verfemten Künstlers. Seine Bilder nahmen in der berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“ von 1937 einen prominenten Platz ein. Gerüchte um Noldes Nähe zum Nationalsozialismus tauchten zwar schon früh auf, liessen sich aber nur schwer belegen. Nachdem Siegfried Lenz mit seinem 1968 erschienenen Roman „Die Deutschstunde“ dem trotz Malverbot unbeirrt vor sich hin arbeiteten Künstler ein Denkmal gesetzt hatte, wagte an dem Bild, das Nolde von sich selbst hinterlassen hatte, kaum mehr jemand zu rütteln.

Doch in den Archiven der Nolde-Stiftung in Seebüll lag die ganze Zeit eine andere Wahrheit unter Verschluss. Bernhard Fulda und sein Team haben diese Bestände nun aufgearbeitet und in einer grossartigen Ausstellung dargelegt, dass Nolde, obwohl als Künstler verfemt, bis Kriegsende Parteimitglied, glühender Verehrer Hitlers und überzeugter Antisemit gewesen war. Wie dies zusammenging, bleibt sein Geheimnis. Tatsache ist, dass er nach dem Krieg nichts mehr davon wissen wollte und stattdessen, wie so viele andere Alt-Nazis auch, tatkräftig an der Legendenbildung in eigener Sache mitwirkte.

Uns Nachgeborene stellen diese Erkenntnisse vor die beunruhigende Frage, wie wir uns Noldes Werk gegenüber inskünftig verhalten wollen. Sind seine Blumenaquarelle, seine Wolkenstudien und Seestücke weniger schön, seit wir um Noldes wahre Gesinnung wissen? Sollen sie aus den Museen verschwinden oder, wie in der Berliner Ausstellung, nur noch als Belege für die ideologische Verirrung eines grossen Künstlers herhalten?

Für Bundeskanzlerin Merkel lag die Antwort auf der Hand: Sie liess die beiden Noldes umgehend aus ihrem Büro entfernen. Eins der Bilder – ein gewaltiger Brecher, der auf das Ufer zurollt – hängt jetzt in der Berliner Ausstellung. Seither ist die Diskussion über den Umgang mit politisch oder moralisch kontaminierter Kunst nicht mehr abgebrochen. Auch ich habe mir so meine Gedanken gemacht und bin zum Schluss gekommen: Ich würde die Bilder lassen, wo sie sind – nicht weil ich der Meinung bin, dass grosse Kunst unbedingt mit moralischer Integrität einhergehen muss, sondern weil sie untrennbar mit deutscher Geschichte verbunden sind, sowohl in ihrer niederträchtigsten als auch in ihrer erhabensten Form.

Kommentare

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Ich meine, dass schon unterschieden werden sollte, wo die Bilder von Nolde hängen. In staatlichen Repräsentationsräumen haben sie nichts zu suchen. Die Handlung von Bundeskanzlerin Merkel ist deshalb nachvollziehbar. Allerdings wäre zu begrüssen gewesen, wenn die Bundeskanzlerin ihren Schritt auch eingehend erklärt hätte. Es gibt hingegen keinen Grund, die Werke von Nolde aus Ausstellungen und Museen zu entfernen. Genau das sind nämlich die Orte, wo eine kritische Auseindersetzung mit Werk und Werten des Künstlers stattfinden kann und muss.

Stimme Markus Schneider zu. Es kommt wirklich darauf an, wo und in welchem Zusammenhang Bilder solcher Künstler gezeigt werden.
Im Büro von Frau Merkel haben sie sicher nichts mehr verloren.

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