Eine ästhetische Dimension der Politik?

Gret Haller's picture

Eine ästhetische Dimension der Politik?

Von Gret Haller, alt Nationalratspräsidentin - 24.11.2020

Jetzt wird das Personal der neuen Biden-Regierung bekannt. Die Bilder der Neuen sind eindrücklich – warum eigentlich?

Nein, es ist nicht der grosse Anteil von Frauen und Nicht-Weissen, obschon das politisch sehr wichtig ist. Aber das lässt sich numerisch analysieren. Was mich an den Bildern der nun schon bekannten Funktionsträgerinnen und -trägern frappiert hat, muss etwas anderes sein. Ich habe die Bilder gerne angesehen, hatte Freude an diesen Gesichtern, und das hat mich auf die Idee gebracht, sie mit jenen der Amtsträger (hier belasse ich es bewusst bei der männlichen Form) der letzten vier Jahre zu vergleichen.

Bilder des nun abtretenden US-Präsidenten habe ich in den Zeitungen immer möglichst rasch durch Umblättern aus meinem Blickfeld vertrieben. Aber nicht nur das: Kam der O-Ton des Mannes im Radio, fuhr meine Hand ganz intuitiv zur Lautunterdrückung auf dem Bedienungsgerät. Irgendwie empfand ich diese Töne als Beleidigung, immer auch als Beleidigung von mir als Frau, aber darüber hinaus vor allem als Beleidigung meiner politischen Identität, die ich einerseits als europäisch und andererseits als republikanisch bezeichnen möchte.

Zurück aber zu den Bildern und weg von den Tönen. Soweit mir die neuen Leute von Biden aus früheren Aktivitäten bekannt sind und ich ihre politischen Überzeugungen deshalb einschätzen kann, gestehe ich durchaus ein, dass ich in die Bilder möglicherweise auch etwas hineininterpretiere, das nicht aus den Bildern selber hervorgeht. Dennoch ist da etwas, das die neuen Bilder von jenen der letzten vier Jahre unterscheidet. Ist es so etwas wie ein „offener Blick“? Nein, das wäre zu einfach oder eine Überinterpretation.

Wahrscheinlich ist es etwas, das früher da war und jetzt nicht mehr: Zorn, Wut, Empörung oder Widerstand strahlen diese Fotos nicht aus. Und bereits muss ich eine Einschränkung machen: Natürlich ist Empörung eine wichtige politische Kategorie. Aber Empörung muss von unten kommen, um politische Diskussionen auszulösen. Wer ein politisches Amt innehat, muss solche Strömungen aufnehmen und sie in ihrer oder seiner politischen Meinungsbildung berücksichtigen. Wenn politische Amtsträger die politische Polarisierung zum Programm erheben, zerstören sie die Demokratie und mit ihr auch die Freiheit.

Nochmals von einer versuchten politischen Analyse zurück zu dem, was ich eben beim Betrachten der Bilder erlebt habe. Ja, es ist etwas nicht mehr da in diesen Bildern. Und vielleicht ist es genau das, was mich an den Bildern vom US-Personal der letzten vier Jahre gestört, wenn nicht gar beängstigt hat. Die neuen Bilder rufen bei mir eine Art von Vertrauen in das hervor, was ich von politischen Amtsträgern erwarte.

Die transatlantischen Unterschiede in vielen Bereichen werden bleiben. Ich will sie hier nicht aufzählen. Aber jenseits von allen Inhalten ist bei mir die Frage aufgetaucht, ob Politik auch eine ästhetische Dimension hat. Eine Dimension, die sich uns über Bilder erschliesst?

Liebe Gret Haller, ich denke auch bei Ihnen ist der Wunsch Vater/Mutter des Gedankens. Ich sehe das etwas nüchtern. Die USA wird egoistisch, rückständig und unsozial bleiben. Unabhängig welche Regierung am Ruder ist. Gut ist natürlich dass dieser Trump-Alptraum endlich vorbei geht. Aber es fehlt an den grundsätzlichen Reformen in diesem Land. Z.B. eine Einwohnerkontrolle, Stimmrechtsregister, feste Wahlkreise und die Installierung zvilier Rechte (Stimmrechte können ja relativ einfach entzogen werden). Nein die USA sind keine Vorbild für eine gerechteres Welt und deren Anspruch zum Export der Demokratie ist masslose, eigene Überschätzung. In diesem Sinne, Hoffnung stirbt zuletzt. Gruss von einem Auslandschweizer.

Liebe Gret, Dank für diesen erfreulichen Beitrag. Ich habe das gleiche empfunden. Dies allerdings nur so nebenbei. Dabei steckt mehr dahinter, wie Du so treffend festgehalten hast. Herzlichen Dank für diesen Input und liebe Grüsse Franz Biffiger

Liebe Gret Haller

Bilder sagen mehr, als der Fotografierte oft wahrhaben möchte. Und zwar im negatieven, aber auch positiven Sinne.
Mit ist das zum ersten Mal bei Michail Gorbatschow aufgefallen. Wo und in welcher Funktion er über den Bildschirm oder in Zeitungsfotos erschien, er hatte ein ehrliches Gesicht. Nicht das verkniffene Gesicht eines Breschnew, nicht die herablassende Arroganz von Josip Stalin. Gorbi sagte, was er meinte. Er hat nicht um den Brei herum geschwatzt, sondern blieb bei einer Sache klar in seiner Meinung, moderat und immer bereit, seinen Gegnern zuzuhören. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt ein ehrliches Gesicht, aber auch eine konsequente Haltung und ist gaubwürdig in ihrem echten humanistischen Denken.

Auch John F. Kennedy hatte ein ehrliches Gesicht, im Gegensatz zu Richard Nixon.

Die Wähler von Politikerinnen und Politikern sollten sich ab und zu fragen: Wenn jetzt der Herr Dings oder die Frau Bums vor der Türe stünden und klingelten - würden Sie ihn oder sie einlassen?
Ein gerissener Politiker, eine manchmal populistisch wirkende Frau können vieles erreichen. Aber Vorbild ihrer Völker werden sie nie.

Danke übrigens, dass Sie sich immer noch für Politik und Menschen in öffentlichen Funktionen interessieren!

Bernhard Schindler (85 Jahre alt)

Liebe Gret Haller, lassen wir uns nicht von Bildern allzusehr vereinnahmen. Klar war Trump und seine Crew zum Kotzen.
Aber seien wir uns im Klaren, dass es an den Taten gemessen vielleicht noch schlimmer kommen kann. Das Übergangsteam des gewählten Präsidenten Joe Biden ist eines der vielfältigsten aller Zeiten " mit dem Untertitel "Biden möchte, dass seine Regierung" wie Amerika aussieht. „Bisher sind 46 Prozent des Übergangspersonal von Biden Farbige", "Mehr als die Hälfte des Übergangspersonal - 52 Prozent - sind Frauen." Aber es sind genau null Prozent von ihnen gegen Krieg, nukleare Abenteuer, Hungersanktionen und Imperialismus. Null Prozent sind gegen die US-Oligarchie oder ihre soziopathischen Geheimdienste. Null Prozent unterstützen die allgemeine Gesundheitsversorgung oder die Umverteilung des immensen Reichtums der Nation, um die Armut in den Vereinigten Staaten zu beenden. Null Prozent Unterstützung bei der Beendigung des Drogenkrieges, der Beendigung des Gefängnis-Industriekomplexes, der Beendigung des US-Polizeistaats und der Beendigung der Massenüberwachung. Null Prozent sind gegen die israelische Apartheid, gegen die Internet-Zensur und gegen die Propaganda der Massenmedien über die US-Plutokratie.

Natürlich, liebe Gret, reagiere ich genau so wie Du auf die Bilder und Töne, die nun über den Atlantik zu uns kommen, und ich bin sehr dankbar für den Wechsel. Trotzdem stimme ich Patrick Jud voll zu. Es ist zu fürchten, dass sich die USA nun noch imperialistischer verhalten werden, dass der Reichtum weiterhin unerträglich ungleich verteilt bleibt, dass die Wallstreet weiterhin das Sagen hat usw., ich will Patrick Jod nicht wiederholen. Darum: messen wir "die Neuen" vor allem an ihren Taten!

Liebe Gret Haller, seit Jahren waren Sie für mich eine der glaubwürdigsten Vertreterinnen eines aufgeklärten Feminismus.
Zur Lage in den USA fällt mir aber nur Folgendes ein:
All die alten weissen Männer, die nach langem Jammern und Feilschen jetzt sagen: „In Ordnung. Sie wollen Gleichheit? Fein. Die Jobs, die wir erfunden haben, sind dort drüben, das Kapitol für die Regierung, die wir erfunden haben, ist dort drüben, die Bank für das Wirtschaftssystem, das wir erfunden haben, ist auf der anderen Straßenseite, das Kriegsministerium ist zwei Blocks entfernt und die Kirche des patriarchalischen Gottes ist um die Ecke. Willkommen zur Gleichstellung! “

Und einige reiche Leute, die zuschauten, beugten sich vor und flüsterten einander zu: „Süß, verdoppeln Sie die Belegschaft! Wir können ihren Lohn halbieren! “

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren