Die verhüllte Shoa

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Die verhüllte Shoa

Von Urs Meier, 21.11.2015

Kasimir Malewitschs «Schwarzes Quadrat» ist Bezugspunkt einer Doppelausstellung. Die tiefgründigsten Antworten auf diesen Big Bang der Malerei gibt Gerhard Richter.

Die Fondation Beyeler zeigt gegenwärtig die Doppelausstellung «Auf der Suche nach 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei» und «Black Sun». In letzterer ist ein Saal reserviert für Gerhard Richter, und von diesem Künstler stammen die vier mit «Birkenau» betitelten Gemälde, um die es hier gehen soll. – Doch zuerst ein Gang durch die ehrgeizig konzipierte Veranstaltung.

Big Bang vor hundert Jahren

«0,10» war Titel und Code der 1915 in einer St. Petersburger Galerie gezeigten Avantgarde-Kunstausstellung. Zu sehen waren dort nicht nur Gemälde im Stil des Kubismus und Futurismus, sondern auch einige Werke von irritierend radikaler Abstraktheit – darunter das zur Ikone der Moderne gewordene «Schwarze Quadrat» von Kasimir Malewitsch. Zum hundertjährigen Jubiläum von «0,10» hat die Fondation Beyeler diese als kunsthistorischer Big Bang geltende Schau mit grossem Aufwand rekonstruiert oder re-inszeniert.

Gleichzeitig zeigt das Haus die Nachwirkungen und Reflexe des «Schwarzen Quadrats» im seitherigen Jahrhundert der Malerei. Unter dem von einem Werk Damien Hirsts entliehenen Titel «Black Sun» (das letztere eine grossformatige schwarze Kreisscheibe, gebildet aus unzähligen toten Fliegen) sind Arbeiten versammelt, die durch Form, rigorose Abstraktion oder auch durch die in ihnen zum Ausdruck kommende künstlerische Haltung einen Bezug zu Malewitschs Durchbruch erkennen lassen.

Von der Abstraktion zur Negation

In der Mitte des zentral gelegenen Richter-Raums befindet sich die Skulptur «12 Scheiben (Reihe)» von 2013. Die hochformatigen klaren Rechteck-Gläser sind von vier schlanken Schienen gehalten und stehen nicht parallel, sondern unregelmässig leicht gegeneinander verdreht. Das massive Gebilde macht sich fast unsichtbar, spielt dem es umrundenden Betrachter bewegliche Spiegelungen zu und erzeugt beim Blick durch die ganze Reihe der hintereinander gestapelten Scheiben eine Aura des Nebulösen, des Ungefähren.

von rechts nach links: Gerhard Richter, Birkenau, 2014, Privatsammlung, 12 Scheiben (Reihe), 2013, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Fondation Beyeler, CR 913-32 – CR 913-37, 2010, Privatsammlung, © 2015 Gerhard Richter, Foto: Mark Niedermann
von rechts nach links: Gerhard Richter, Birkenau, 2014, Privatsammlung, 12 Scheiben (Reihe), 2013, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Fondation Beyeler, CR 913-32 – CR 913-37, 2010, Privatsammlung, © 2015 Gerhard Richter, Foto: Mark Niedermann

 

Das farblose, bildlose Glas vermeidet jegliches bildliche Darstellen und wird zur Darstellung der Negation, zur aufwendigen Installation eines Nicht-Bildes. Kunst zeigt sich als Antikunst und umgekehrt. Mit der Zwölfzahl und der Monumentalität suggeriert das Objekt Bedeutungen. Mit seinen optischen Eigenschaften fordert es dazu auf, sich ihm experimentierend zu nähern. Und mit seiner Aufstellung in der Mitte des mittleren Saals geben ihm die Ausstellungsmacher eine Schlüsselposition in der gesamten Veranstaltung. Richters Glasobjekt erscheint als letzte Antwort auf das «Schwarze Quadrat» und letzte Steigerung auf dem Weg der bildnerischen Abstraktion.

Wäre dies das letzte Wort in der Gegenüberstellung von «0,10» und «Black Sun», so liefe sie darauf hinaus, ein Ende der Abstraktion in der reinen Negation zu konstatieren. Ein «letztes Wort» sind die «12 Scheiben» jedoch schon von der Entstehungszeit her nicht. Die gegenüber als Vierergruppe gehängten grossen Ölbilder «Birkenau» datieren von 2014. Der Bildtitel ruft sofort den Doppelnamen Auschwitz-Birkenau wach; und so ist er auch gemeint.

Annäherung an Shoa-Bilder nach fünfzig Jahren

Hinter der Bildserie «Birkenau» stehen vier Fotografien, in denen das Grauen der Gaskammern festgehalten wurde. Zwei anonymen KZ-Häftlingen, die dem sogenannten Sonderkommando angehörten, gelang es 1944 trotz strengsten Verboten, diese Aufnahmen zu machen und nach draussen zu schmuggeln. Die Fotografien befinden sich heute im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Gerhard Richter hütete in seinem persönlichen Bildarchiv seit den 1960er Jahren Kopien davon.

Erst vor kurzem wagte er die malerische Auseinandersetzung mit diesen Zeugnissen. Richter malte die vier Fotos zuerst auf grossen Leinwänden nach – ein Verfahren, das er schon oft angewendet hat. Die so entstandenen Bilder übermalte er anschliessend in seiner Rakel-Technik, in der mehrere Farbschichten übereinander verstrichen werden. Vom ursprünglichen Motiv ist nichts mehr zu sehen.

Nun hängen in strenger Reihung vier gleichartige hochformatige Bilder wie überdimensionierte Grabplatten. Beherrschende Farben sind Aschgrau und Weiss, hinzu kommen ein paar Lachen und Schlieren von dunklem Rot, das sich mit dem Weiss stellenweise zu leblosem Rötlich vermischt, zudem an wenigen Stellen das Grün einer trockenen Flechte als schüttere Spur von Leben.

Mit den vier Tafeln antwortet Gerhard Richter auf die anonymen Fotografien aus dem Brennpunkt der Shoa und damit auf die klandestinen Bilder dessen, was nicht zu ertragen ist und man deshalb im eigentlichen Sinn nicht sehen kann. Indem Richter für seine Darstellung die Methode der Übermalung und die Form der Abstraktion gewählt hat, entgeht er der Banalisierung und Verharmlosung des Grauens. Er stellt es vor Augen, ohne es zu zeigen.

Der Betrachter, der von der Geschichte der «Birkenau»-Serie erfährt, sieht die ausgestellten Bilder als Station eines Schaffensprozesses, an dessen Anfang der Künstler sich dem Schock der Fotografien ausgesetzt hat. Diese Erschütterung muss auch die Übermalung begleitet haben. Sie ist in den gänzlich ungegenständlichen Tafeln, da man ja um deren Usprung weiss, deutlich zu spüren.

Das Abstrakte als Verhüllung

Die Frage, was die vier Leinwände ohne das Wissen um ihre Entstehung aussagen würden, ist müssig. Denn das Werk hat den Titel «Birkenau», und den Grund dafür kann man erfahren. Gerhard Richter hat das nicht verheimlichen wollen, und so sehen wir eben nicht nur vier düster monumentale Tafeln, sondern ein Mahnmal mit klarer Zuordnung und Aussage. Ihr Grau steht für die Asche von 1,1 Millionen Menschen, die in Auschwitz-Birkenau ermordet und verbrannt wurden.

Gerhard Richter gilt als Spieler und Experimentator, als Ironiker und Meister der kühlen Subversion. Eduard Beaucamp hat ihn 2012 folgendermassen charakterisiert: «Ein gelassener Epigone wie Gerhard Richter, der allen Erfindungen und Ideen misstraut, hat schliesslich die Verfassung der Malerei vollständig flexibilisiert: Das artistische Spiel mit fast allen zeitgenössischen Modalitäten ist der einzige Sinn und Inhalt seiner Kunst.»*

Aus dieser Äusserung spricht zwar Bewunderung für Richter, aber mit der Qualifizierung seiner Kunst als epigonal und inhaltlos auch eine gewisse Herablassung. Ob Beaucamp daran auch nach der Serie «Birkenau» noch festhalten würde?

Es dürfte angesichts dieser Bilder schwer halten, weiter zu behaupten, ein Spiel mit zeitgenössischen Formen und und Positionen sei der einzige Inhalt von Richters Kunst. Gerade vor dem Hintergrund des Konzepts von «Black Sun», das die radikale Abstraktion im Gefolge von Malewitschs «Schwarzem Quadrat» als einen Hauptstrang und eine Entwicklungslogik der Gegenwartskunst ausweist, manifestiert sich in «Birkenau» eine künstlerische Haltung, die sich mit dem Inhalt auseinandersetzt und daraus ihre bildnerische Energie gewinnt.

Das heisst nun nicht, Richter habe mit «Birkenau» so etwas wie «engagierte Kunst» gemacht. Er problematisiert vielmehr deren Haltung, indem er darauf verzichtet, die Shoa vorzuzeigen. Auch ist das Abstrakte seiner Kunst nicht die Abstraktion der KZ-Wirklichkeit, sondern es ist deren Verhüllung. Das Verborgene ist da, es ist übermalt; man soll es nicht sehen, weil man es nicht sehen kann.

Profanes Bilderverbot

Die Ästhetik des Grauens liegt darin, dass man das Unerträgliche nicht sehen kann. Auch wenn es einem immer wieder – etwa bei den Terrorattacken in Paris – aus den Medien entgegenstarrt: Sehen können tut man es nicht. Und wird man trotzdem dazu gezwungen, beispielsweise als Augenzeuge, so braucht man ein Leben, um das Gesehene zu verarbeiten.

Es ist solcher Ernst, der aus der abstrakten Bildsprache der Serie «Birkenau» spricht. Sie hält sich an ein ins Profane gewendetes religiöses Bilderverbot. Ausformuliert, würde dieses etwa lauten: Wie es religiös unstatthaft ist, Gott darstellen zu wollen, weil keine Darstellung an seine Grösse und Absolutheit heranreicht, so ist es verfehlt, die Shoa – und andere von Menschen verübte Gräuel – in Bildern erfassen zu wollen. Mit seinen Übermalungen der Birkenau-Sujets hat Gerhard Richter nicht nur das Unerträgliche verhüllt, sondern auch über die Grenzen des Bildlichen meditiert.

 

* FAZ, 2.3.2012, S. 34, zit. nach Wikipedia, Art. Gerhard Richter

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel: «Auf der Suche nach 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei» und «Black Sun», noch bis 10. Januar 2016

 

 

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