Die US-Wahl als Reality Show

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Die US-Wahl als Reality Show

Von Ignaz Staub, 01.08.2019

Noch ist es zu früh und zu unübersichtlich, um abschätzen zu können, wie gross die Chancen der Demokraten 2020 sind, Donald Trump zu besiegen.

Zwar wird Amerikas Präsident erst am 3. November 2020 gewählt. Zumindest auf demokratischer Seite aber ist das Rennen um den Einzug ins Weisse Haus schon voll entbrannt. 24 Kandidatinnen und Kandidaten unterschiedlichen Kalibers wetteifern darum, gegen Amtsinhaber Donald Trump antreten zu dürfen, der sich nach wie vor oder bereits wieder im Kampfmodus befindet.

Und der jüngst den mehrheitlich afroamerikanischen Wahlbezirk eines demokratischen Widersachers im Kongress als «von Ratten infiziertes Drecksloch» bezeichnet hat. Worauf ein Leitartikler der lokalen «Baltimore Sun» unverblümt kommentierte: «Es ist besser, etwas Ungeziefer in deiner Nachbarschaft zu haben, als selber eines zu sein.»

Noch gleicht der Wahlkampf der Demokraten einem Schönheitswettbewerb, der – wie im Lande üblich – in erster Linie über das Fernsehen ausgetragen wird. Dies in Form von Debatten, die es den weniger Bekannten unter den Teilnehmenden unter Umständen ermöglichen, an Profil und Popularität zu gewinnen. Ein Dutzend solcher TV-Debatten gibt es, sechs dieses und sechs nächstes Jahr. Bis Ende Juli sind vier Auseinandersetzungen ausgestrahlt worden, ohne dass sich eine Spitzenreiterin oder ein Favorit hätte herauskristallisieren können.

Nach jedem Urnengang schlagen sich Amerikas Medien reumütig an die Brust und geloben, es nächstes Mal besser zu machen. Einer dieser Vorsätze ist es, über die Präsidentenwahl nicht mehr wie über ein Pferderennen zu berichten. Statt unzähligen Umfragen zu vertrauen und die Beteiligten entsprechend zu rangieren, nimmt sich die Presse vor, auf die Substanz der Wahlprogramme einzugehen und die einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten entsprechend zu gewichten.

Dass es bisher jedoch häufig beim guten Vorsatz geblieben ist, zeigt die Berichterstattung über den Vorwahlkampf. Gut zu sehen war es diese Woche am Beispiel der beiden Fernsehdebatten, die CNN an zwei Abenden inszenierte. Wie ein wichtiges Sportereignis wurde das Ganze mit Riesentamtam beworben und der Kabelsender übertrug sogar live, welche Teilnehmenden für welchen Termin ausgelost wurden. An jedem Abend durften je zehn Kandidatinnen und Kandidaten während zweieinhalb Stunden auf der Bühne gegeneinander antreten.

Auf jeden Fall war am Ende die Form meist wichtiger als der Inhalt und die Mehrzahl der involvierten Journalisten und befragten Experten mutierten erneut zu Theaterkritikern. Wie es jüngst auch beim Auftritt von Sonderermittler Robert Mueller vor dem Kongress in Washington D.C. der Fall war. Mueller lieferte nicht das erhoffte Spektakel ab, sondern wiederholte nüchtern die Schlussfolgerungen seines Berichts zur russischen Einflussnahme auf die Präsidentenwahl 2016 und zur Rolle Donald Trumps bei der Behinderung der Justiz, was die Aufklärung des Falles betrifft.

Nach dem «Buch», wie Muellers 480-seitiger Bericht auch genannt worden ist, war anlässlich seines auf fast allen grossen Fernsehkanälen übertragenen Auftritts mit einem spektakulären «Film» gerechnet worden. Doch der Streifen, der mit der Forderung nach der Amtsenthebung Donald Trumps hätte enden sollen, wollte sich nicht einstellen und eine Fortsetzung steht ausser Frage.

Auch von den Fernsehdebatten der Demokraten erwarten die Medien überwiegend Spektakel. Zwar hat die «New York Times» die Auseinandersetzung am Dienstag dieser Woche als «eine der substanziellsten Debatten des Vorwahlkampfs in jüngerer Zeit» gelobt und «Substanz» zum überraschenden Gewinner des Abends gekürt. Die Debatte hat aber auch aufgezeigt, wie zunehmed zerstritten zwischen Traditionalisten, Zentristen und Progressiven die Demokratische Partei ist und wie schwer es ihr wohl fallen wird, Mitte Juli 2020 am nationalen Parteitag in Milwaukee (Wisconsin) eine Kandidatin oder einen Kandidaten zu präsentieren, der oder die eine valable Alternative zu Donald Trump darstellt.

Die Demokraten, argumentiert Matt Taibbi in «Rolling Stone», hätten jahrelang Zeit gehabt, eine Antwort auf Trump zu finden, die grundsätzlich, überzeugend und neu sei. Doch statt eine eigene Vision zu entwickeln, hätten sie sich bisher lediglich an Althergebrachtes geklammert: «Einmal gegen Donald Trump verlieren, Schande über die Wähler. Zweimal gegen ihn verlieren? Es wäre der Tod der Demokratischen Partei und ein neues blaues Auge für Amerika, das zunehmend dabei ist, sein Wahlsystem in eine Slapstick Reality Show zu verwandeln.»

Noch gibt es Hoffnung. Für den demokratischen Parteitag hatte sich ursprünglich Las Vegas beworben. Die Spielerstadt in der Wüste Nevadas ist Amerikas wohl bekannteste «Sin City». Las Vegas rühmt sich, «der letzte aufrichtige Ort der Erde» zu sein, weil es nicht verhüllt, worum allein es ihm geht: um Geld, Geld, Geld. Und Geld ist in Amerikas Politik Macht, jene Macht, welche die Demokraten um jeden Preis brechen wollen.

Dagegen ist Milwaukee, «Brew City», für seine zahlreichen Brauereien bekannt. Wie pflegt eine der demokratischen Kandidatinnen, Senatorin Amy Klobuchar aus Minnesota, über Donald Trump zu scherzen? Er sei, sagt die Politikerin mit Schweizer Wurzeln, «all foam and no beer»: nur Schaum und kein Bier. Trotzdem könnte sich ihre Partei nächstes Jahr bös verschlucken.  

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