Die Töne der Schmerzen

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Die Töne der Schmerzen

Von Iso Camartin, 13.03.2016

Von Johann Sebastian Bach wissen wir, dass bestimmte seiner Kantaten ihm in besonderer Weise am Herzen lagen.

Er war darum sehr einfallsreich in seinen Überlegungen, wie er eine ihm gelungen scheinende Arie nicht der Vergessenheit ausliefere, sondern eine Wiederverwendung in neuem Kontext finden könnte. So kommt es, dass Bachs schönste Einfälle uns in unterschiedlichen Stücken begegnen und erfreuen.

Barocke Kunst der Wiederverwendung

Auch seinem Zeitgenossen  Georg Friedrich Händel, in London mit ganz anderen Fragen und Bedürfnissen belastet als Bach in Leipzig, war es ein Anliegen, beliebt gewordene Arien seiner Frühwerke für neue Opernprojekte oder Oratorien zu retten und als Erfolgsgarantie in neue Werke einzuschleusen.

Ein besonders schönes Beispiel für diese Praxis ist Händels populär gewordene Arie „Lascia ch’io pianga – Lass mich weinen“. Das erste Mal taucht die Musik – noch ohne Worte und als eine Tanzeinlage im Stil einer Sarabande – um 1705 in Händels früher Oper Almira auf. Ein sechster Sinn verriet Händel, was ihm Erfolg bringen könnte. In Italien nahm er deshalb drei Jahre später diese Musik als Arie der Figur des „Piacere – der Lebensfreude“ in sein Oratorium Il Trionfo del Tempo e del Disinganno auf. In diesem Text fleht die Lebensfreude die Schönheit an, sie möge doch die Dornen meiden und nur die Rose pflücken („Lascia la spina, cogli la rosa“), Frost und graue Hässlichkeit kämen im Leben noch früh genug. Schmerz und Alter liessen nicht auf sich warten. Unerwartet schnell, wenn das Herz sie nicht erwarte, seien sie da.

Dornen oder Tränen?

Für Rinaldo, seine erste italienische Oper in London, griff Händel 1711 wieder auf diese Musik zurück. Die Figuren sind der Gerusalemme liberata des Torquato Tasso entnommen. Hier singt diese Arie Almirena, die Tochter des christlichen Generals Goffredo. Die Wiedereroberung Jerusalems durch die Christen steht bevor. Almirena soll den Kreuzritter Rinaldo heiraten. Bis es jedoch so weit ist, muss nach mittelalterlicher Manier gekämpft und gelitten werden. Himmel und Hölle haben ihre Hand im Spiel. Die Zauberin Armida, Muslimin und Geliebte des Königs von Jerusalem Argante, entführt die schöne Almirena. Jetzt steht der Held am Scheideweg: Soll der christliche Ritter Rinaldo für die Befreiung Jerusalems gegen die Muslime kämpfen. Oder doch zuerst sich auf die Suche nach seiner schönen Almirena machen? Rinaldo wird mit Zauberkunst von seinen Ritterpflichten abgelenkt. Almirena hat in ihrer Gefangenschaft inzwischen König Argante zum Verehrer. Sie denkt gut nach über die Liebe: Wenn der König sie wirklich liebe, solle er sie doch freilassen, statt sie gefangen zu halten. Der König ist unschlüssig – Almirena setzt die stärkste Waffe ein: ihre Tränen. „Lascia ch’io pianga / mia cruda sorte“: Lass mich weinen über mein grausames Schicksal! Lass mich sehnen nach meiner Freiheit!“

Der Schmerz, den Almirena in der Gefangenschaft und in der Trennung vom Geliebten fühlt, soll die Fesseln ihrer Gefangenschaft zerbrechen. Der König wird Erbarmen zeigen. Nach Almirenas Bitte bekennt der König: Liebe lege Worte von Zauberkraft auf schöne Lippen. Einer „bocca amorosa“, einem liebenden Mund, der so zu flehen verstehe, könne man das Verlangte nicht verweigern. – Händels Musik hat die Unwiderstehlichkeit innigen Flehens in sich aufgenommen. In einem langsamen, getragenen Rhythmus, als ginge es vor Aussichtslosigkeit nur noch ins Grab, kommt die Arie daher. Schmerz muss Pausen machen, immer wieder innehalten, die Leidende muss Atem holen, damit die Seufzer sich in den Äther heben können. Der Wille des Königs Argante wird durch Almirenas wiederholtes Bitten, durch dreifache Rückkehr dieses unvergleichlichen „Lascia...- erlaube doch!“ geradezu machtlos. Solchem Schmerz und so innigem Bitten kann kein Menschenherz widerstehen, zumal nicht das eines Liebenden!

Auch als Filmmusik bewegend

Wie sehr diese Musik harte Herzen weich zu machen vermag, wurde 1994 bewiesen, als Gérard Corbiau‘s  Film Farinelli, il Castrato in die Kinos kam. An der Stelle, wo Farinelli diese Arie singt – sein eigenes Los als ein Gefangener seines Schicksals als Kastrat beklagend – kämpft der alte kranke Händel - wie die Zuschauer im verdunkelten Kinosaal - mit den Tränen. Dieser Musik trotzt man weder durch Pflichten und noch durch hehre Aufgaben. Man hört sie – und schwimmt im Tränenfluss beseelt mit!

Auf youtube findet man ergreifende Interpretationen dieser Arie, etwa mit Cecilia Bartoli oder mit Joyce DiDonato. Wer es lieber von einer Männerstimme gesungen hört, sucht dort erfolgreich nach jener des Countertenors Philippe Jaroussky.

Youtube

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Kommentare

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Wie sich das alles fügt, und einem die wunderbare Musik gleich im Ohr erklingt,
wenn jemand so schön zu erzählen, und
erzählend zu erklären weiss.
Die Aufnahme mit Jaroussky ist mir eine der liebsten.
Den Film habe ich leider immer noch nicht gesehen, werde es aber demnächst tun. Internetseidank.

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