Die NZZ auf Weltwoche- und BaZ-Niveau

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Die NZZ auf Weltwoche- und BaZ-Niveau

Von Christina Marchand, 11.06.2017

Eine unabhängige Studie beweist: die NZZ berichtet einseitig über Energie- und Klimathemen.

Eine gute Tageszeitung soll, anhand von aussagekräftigen Zusammenfassungen, schnell einen Überblick liefern, andererseits aber bei wichtigen Themen umfassend und differenziert informieren. Historisch stand die NZZ für diese Qualitäten und deshalb griffen vor allem Leser, denen Qualitätsjournalismus am Herzen liegt, zu dieser Zeitung. Wie eine aktuelle Medienanalyse der Universität Zürich nun zeigt, ist die NZZ zumindest bei Energiethemen nicht neutral und unabhängig. Im Abstimmungsmonitor wurden alle grossen Schweizer Tageszeitungen zur Berichterstattung über Abstimmungsvorlagen, z. B. aktuell zur Energiestrategie, untersucht (Abstimmungsmonitor: http://www.foeg.uzh.ch/de/analyse/dossier.html#3).

Ohne Fakten, ohne Expertenmeinungen

Die NZZ berichtet überwiegend negativ und reiht sich damit in die Liga der BaZ und der Weltwoche ein. Alle anderen untersuchten Deutschschweizer Zeitungen berichten neutral oder positiv! Das ist besonders bedenklich, da es sich bei der Abstimmung um eine Behördenvorlage handelt, welche im Allgmeinen eher neutral bis positiv aufgenommen werden. Zitat aus dem Bericht: „... Eine negative Tonalität zeigt sich bei den Schwesterblättern NZZ und NZZ am Sonntag (jeweils -17) sowie sehr viel deutlicher bei der Basler Zeitung (-43) und der Weltwoche (-77). Die NZZaS beispielsweise hält auf der Frontseite die geplante Energiewende für ‚gefährdet‘, wenn Elektroautos an Bedeutung zunehmen (14.5.).  ... Trotzdem lässt sich nicht generell sagen, dass ‚die Medien‘ gegen das EnG schreiben würden. Denn die medienkommentierende Kritik beschränkt sich im Wesentlichen auf die NZZ, NZZ am Sonntag, BaZ und Welwoche.“

Die Analyse zeigt ausserdem, dass diese Medien die negative Stimmung selber erzeugen, ohne dabei auf Fakten oder wirkliche Experten zurückzugreifen. „Bei rund 40% der Beiträge wird die Tonalität entscheidend durch die Medien selbst geprägt, und zwar in Form von Kommentaren und (Hintergrund-)Berichten, in denen Medien selber Bewertungen abgeben.“

Entwicklung schon seit Jahren

Diese Entwicklung der NZZ zeichnet sich schon seit einigen Jahren ab. Als Klima- und Energieinteressierte verfolge ich diese Themen seit 2008 nicht nur in den Medien, sondern auch in der Forschung und durch Gespräche mit Experten. Dadurch kann ich die Berichterstattung einordnen und vergleichen. Schon 2010 bemerkte ich, dass die NZZ nicht nur zur Klimaverhandlung in Cancun sehr wenig berichtete, sondern den Klimawandel in der Berichterstattung mehrheitlich ingnorierte. Die seltenen Berichte waren oft einseitig, teilweise kamen pseudowissenschaftliche Klimaleugner in gleichem Mass zu Wort wie anerkannte wissenschaftliche Experten.

Auch in den nächsten Jahren und aktuell zur Abstimmung über die Energiestrategie bestätigt sich meine Beobachtung. Wenn die NZZ ausführliche Artikel zum Thema Energie publiziert, dann meist einseitig. Negative Aspekte werden stark beleuchtet oder Angst vor der Energiezukunft wird geschürt. Aus dem Ausland werden oft Probleme geschildert. In vielen Artikeln werden Naturschützer, Wissenschaftler oder besorgte Bürger als Angstmacher, Neider oder auch Fantasten bezeichnet, während fossile Technologien für ihre Verlässlichkeit und Sicherheit gelobt werden. Im Folgenden möchte ich einige Beispiele nennen.

Von gefährlichen Windrädern und sicherer CO2-Abscheidung

Direkt vor der Abstimmung in diesem Jahr wurde in der Überschrift vor der drohenden Stromkrise in Australien gewarnt und dabei Windräder im Bild gezeigt. Im Artikel wurde dann zwar teilweise relativiert, aber der erste Eindruck für den flüchtigen Leser setzt erneuerbare Energie ganz klar mit Stromkrise in Verbindung. Ein weiterer Artikel warnt mit starken Worten vor dem Vorbild Deutschland. Wieder Windräder im Bild.

Im 2011 brachte die NZZ eine Reihe über die „Energie der Zukunft“. Anstatt hier nun über interessante neue Entwicklungen, die Fortschritte in der Technik usw. zu berichten, wurden erneuerbare Energien schlechtgeredet, Ängste geschürt, die Stromlücke betont und vor allem wurde immer wieder die sehr effiziente Windenergie schlechtgemacht.

Besonders in Erinnerung ist mir auch ein Artikel, in dem die Verflüssigung und Abtrennung von CO2 aus der Kohleverbrennung verharmlost und als erprobte und sichere Technologie bezeichnet (es gibt noch keine funktionierende Grossanlage) wurde, dagegen verteufelte ein anderer Artikel die millionenfach eingesetzte Windkraft. Woanders wird betont sachlich und unaufgeregt über die Schmelze der Antarktischen und Arktischen Eismassen berichtet und mit keinem Wort auf die Konsequenzen einer solchen Eisschmelze hingewiesen. Hauseigentümer, die Photovoltaik-Anlagen installieren, werden in einem Bericht in die Ecke von grünen Ideologen gestellt.

Fazit: NZZ bei Energiethemen hinterfragen

Ich habe über die Jahre sehr viele Leserbriefe an die NZZ geschrieben und immer wieder auf diese Missstände hingewiesen, allerdings ohne Erfolg. (Die Leserbriefe können in meinem Blog nachgelesen werden). Das Fazit ist für mich klar. Ich bezahle die NZZ nicht mehr, da ich diese Art von Journalismus nicht unterstützen möchte. Ich lese sie zwar ab und zu noch in der App, aber mehr um zu kontrollieren, wie berichtet wird.

Wie es in anderen Ressorts aussieht, kann ich nicht beurteilen, aber bin natürlich nach den Erfahrungen in „meinen Kernthemen“ sehr misstrauisch. Es würde mich interessieren, was Kollegen denken. Hat sich die NZZ generell an SVP-Themen angenähert? Wem ist gedient mit dieser einseitigen Berichterstattung. Wer steckt dahinter? Ich freue mich auf Kommentare.

Kommentare

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Genau das thematisiere ich seit Monaten. Vor allem mit Focus auf Digitale Themen werden absolut unzeitgemässe Artikel bei der NZZ publiziert. Als ob Firmen Abos mit vorgegebenen Texten, ohne Recherchen oder Prüfung kaufen würden.
Sehr Dubios, für ein Name der für Inhalt stand, heute für Werbung auf Facebook der NZZ mit Themen, die ich hier nicht erwöhne. Aber sehr fragwürdig. Auch auf meine E-Mails und Kritik, erhielt ich Antworten mit Versprechen, man kläre es ab. Bis heute klärt man ab.
Danke für den konstruktiven Artikel.
Denis

Das CO2-Gas erwärmt nicht die Erde, die Erde selbst erwärmt sich wenn überhaupt durch eine stärkere Sonnenstrahlung, die Erde selbst hat keine Durchschnittstemperatur, die Erde erwärmt/erkaltet sich nur in Teilgebiet verstärkt. Der wissenschaftliche Beweis, dass das C02-Gas einen Einfluss auf die Temperatur der Erde hat, fehlt bis zum heutigen Tag.
Als Klimaforscher kann sich jedermann benennen, wird gerne gesehen von der Hochfinanz, die mit der von ihnen initierten Idee eine globale Co2-Steuer einzuführen, welche das Petro-Dollarsystem hinüber zu einem Co2-Certifikatdollarsystem führen soll. Die FED -beherrscht durch die Hochfinanz und ihren Familienclans- generiert am Computer zufrieden Buchdollargeld für den Gegenwert der CO2-Certifikate welche von den Nationen benötigt werden - die Nationen ausser China, Russland und Indien haben sich verpflichtet via Pariser-Verträge bei höhren Ausstoss als der sich selbst auferlegt Limite entsprechende CO2-Certifikate zuerwerben -die Politker unterschreiben alles, wenn Sie der Bevölkerung höhere Abgaben zu Ihren Gunsten aufbürden können.

Generell wurde auf die Probleme bei der Annahme der Initiative in den Mainstream Medien viel zu wenig aufmerksam gemacht. Jedem seine Meinung, nur, die Angstmacherei der Pro Berichte ist sicherlich auch nicht neutral. Sind sie sich den Folgen des JA bewusst?? Sind sie sich den Folgen des JA und der Abgabe der Macht an den Staat bewusst? Da wurde in allen Medien viel zu wenig über die Konsequenzen berichtet.

Ich habe nach dem Lesen versucht, diesen Artikel irgendwo einzuordnen aber es gelingt mir nicht. Aus meiner Sicht haben die anderen Medien, welche hier als neutral oder positiv klassifiziert werden, die Objektivität genau so verloren. Hier wurden nämlich nur und ausschliesslich beschönigende Fakten zitiert, kritische Lesermeinungen zensiert und nicht ins positive Bild passende Fakten an den Rand gestellt oder ganz ausgelassen. Ich stelle mir nun also die Frage, wie objektiv wird auf dieser Seite berichtet? Denn nicht nur bei den Gegnern, sondern auch bei den Befürwortern wurden die nicht ins Konzept passenden Aussagen oder Fakten unter den Tisch gekehrt.
Und dass es eben nicht so goldglänzend schön funktionieren wird, wie man uns weis gemacht hat, zeigen spätestens die letzten Töne aus Bundesbern und von der Energiewirtschaft. Ich finde, man sollte jetzt nicht mit dem Finger auf andere zeigen sondern versuchen, das Bestmögiche aus der Lage herauszuholen. Danke

Als Autor der «Abstimmungsmonitor»-Analyse zum Energiegesetz freue ich mich, dass die Analyse Grundlage für weiterführende Diskussion geworden ist. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass im Kommentar von Christina Marchand nicht immer genügend deutlich gemacht wird, welche Resultate sich direkt aus der «Abstimmungsmonitor»-Analyse ableiten lassen und wo es sich um Interpretationen von Christina Marchand handelt.
Der «Abstimmungsmonitor» zeigt und hält fest, dass die NZZ und die NZZaS dem Energiegesetz gegenüber überwiegend negativ berichten. Damit sind diese beiden Medien, wie auch die BaZ und die Weltwoche, die einzigen der untersuchten Medientitel, die eine negative Tonalität gegenüber dem Energiegesetz hatten. Der Bericht zeigt aber auch, dass die Tonalität bei NZZ und NZZaS (Indexwert -17) nicht so negativ ist wie bei der Basler Zeitung (-43) und der Weltwoche (-77) und dass mehrere Medientitel ebenfalls keine ambivalente Tonalität aufweisen (d.h. Pro-/Kontra-Stimmen exakt gleich viel Raum geben), sondern eine stark positive (z.B. Blick +44). Insofern erscheint mir der Vorwurf überzogen, «eine aktuelle Medienanalyse der Universität Zürich» zeige nun, die NZZ sei «zumindest bei Energiethemen nicht neutral und unabhängig».
Es ist zwar so: Ergebnisse von früheren «Abstimmungsmonitor»-Analysen, zum Beispiel zur «Grünen Wirtschaft» oder zur Atomausstieg-Initiative» (beide Analysen werden nicht zitiert), zeigen ebenfalls eine stark negative Tonalität in der NZZ (http://www.foeg.uzh.ch/de/analyse/dossier.html). Aber gerade bei Volksinitiativen beobachten wir – auch bei anderen Themen wie z.B. der Sozialpolitik und auch bei anderen Medien – relativ klare Kontra-Positionierungen.
Problematisch ist zudem die Verwendung des folgenden Zitats aus dem «Abstimmungsmonitor»: «Bei rund 40% der Beiträge wird die Tonalität entscheidend durch die Medien selbst geprägt, und zwar in Form von Kommentaren und (Hintergrund-)Berichten, in denen Medien selber Bewertungen abgeben.» Diese Aussage beinhaltet nicht weniger und auch nicht mehr, als dort steht. D.h. dass (auch) unter anderem die NZZ neben vermeldenden Beiträgen, Interviews oder Gastbeiträgen (alle mit akteurs-geprägter Tonalität) Beiträge veröffentlicht, in denen sie selber Bewertungen einspeist. Das können Kommentare sein, aber auch Hintergrundberichte oder auch andere Berichte, in denen zwischendurch Bewertungen einfliessen. Aus dem Zitat (und aus der Messung) lässt sich aber nicht ableiten, wie dies Christina Marchand schreibt, dass die Analyse zeige, «dass diese Medien die negative Stimmung selber erzeugen, ohne dabei auf Fakten oder wirkliche Experten zurückzugreifen.» Denn auf welche Fakten sich Kommentare und Hintergrundberichte abstützen und welche Fakten sie weglassen, wurde nicht gemessen. Ebenfalls haben wir in der Analyse zwar gemessen, welche Akteure in einem Beitrag vorkommen (z.B. Experten), aber nicht gemessen, ob es sich um «wirkliche» Experten handelt (wer wären denn «unwirkliche» resp. «falsche» Experten?). Auch hier: Der Vorwurf, Medien wie die NZZ würden «ohne Fakten, ohne Expertenmeinungen» (so auch der Zwischentitel) berichten, erscheint mir überzogen und müsste zwingend mit weiteren Quellen und Untersuchungen belegt werden. Lohnenswert sind sicherlich noch stärker qualitative Tiefenbohrungen, in denen die Faktentreue jedes einzelnen verwendeten Arguments genau überprüft wird.
Kurz: Christina Marchands Beitrag greift ein wichtiges Thema auf (die Medienkritik) und ist eine spannende Einordnung, die aber die «berichtenden» und die «kommentierenden» Teile besser voneinander hätte abgrenzen können. Wir alle können von einer weiterführenden Debatte um die Qualität der Medien profitieren.

Mutig, die "alte Tante" etwas zu durchleuchten. Es schadet nicht und wird auch nichts veraendern. Aufgeschreckt hat mich seinerzeit die Idee des VR, Herrn Somm auf den Chefredaktorsessel zu hieven. Beindruckend der erfolgreiche Protest der Journalisten. Doch fuer mich offen die Frage, wie kam es ueberhaupt zu dieser unmoeglichen Nominierung - "unmoeglich" schreibe ich, da ich die Erguesse des Historikers, seinen Applaus fuer Trump in der BaZ aergerlich verfolge - des Mannes der voll die Blocherlinie pflegt. Kann es sein, es gab einen Zusammenhang zu der FDP, dem damaligen Praesidenten Philipp Mueller, der, wenn es ihm opportun erschien, sich gerne an die SVP Schulter lehnte, man sich fragen musste, wohin geht die Reise dieser Partei. Selbst vor Jahren ehemaliger Schreiberling, ab und zu auch fuer die NZZ, beschleicht mich das Gefuehl, dass auch die NZZ die Tugenden die sie beruehmt werden liess, nach und nach verliert, mehr beliebigen denn Qualitaetsjournalismus liefert. Recherche ist muehsam, anstrengend, kostet Zeit und Geld. Passt nicht in die Zeit des immer schneller, dazu noch geiz ist geil, sparen um Gewinne zu erzielen. Auf der Strecke bleibt oft die Qualitaet. Schade. Bloss wer stoppt den Trend ?

Ich würde nicht sagen, die NZZ hat sich an die SVP-Meinung und -Themen angenähert, sondern hat generell einen Rechtsrutsch vollzogen. Als ich vor bald 10 Jahren vom Tagi-Abonnent zum NZZ-Abonnent wurde, verfolgte sie noch einen liberalen Kurs (zumindest empfand ich das damals so). Dann aber änderte sich der Kurs der NZZ nach meiner Wahrnehmung immer mehr in eine neoliberale, rechtskonservative, ideologische Hetze gegen alles, was nicht auf ihrem Kurs lag. Als lokalpolitisches Beispiel erinnere ich an die Geschichte der Spurreduktion am Bellevue vor einigen Jahren. Ohne die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass diese 4. Spur durch das autofreie Limmatquai überflüssig wurde, erschienen in der NZZ einige Artikel gegen diese Spurreduktion mit dem einzigen Argument, dass die damals zuständige Stadträtin Ruth Genner und der ganze Stadtrat aus Ideologen bestünden. An inhaltlich nachvollziehbare Argumente gegen diese Spurreduktion kann ich mich nicht errinnern. Wer sind da die Ideologen?
Ich habe dann das NZZ-Abo gekündigt und informiere mich lieber bei Journal 21, Infosperber und ähnlichen Plattformen und bezahle diesen den gesparten NZZ-Abo-Betrag.

Als Autor der "Abstimmungsmonitor"-Analyse zum Energiegesetz freue ich mich, dass die Analyse Grundlage für weiterführende Diskussion geworden ist. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass im Kommentar von Christina Marchand nicht immer genügend deutlich gemacht wird, welche Resultate sich direkt aus der "Abstimmungsmonitor"-Analyse ableiten lassen und wo es sich um Interpretationen von Christina Marchand handelt.

Der "Abstimmungsmonitor" zeigt und hält fest, dass die NZZ und die NZZaS dem Energiegesetz gegenüber überwiegend negativ berichten. Damit sind diese beiden Medien, wie auch die BaZ und die Weltwoche, die einzigen der untersuchten Medientitel, die eine negative Tonalität gegenüber dem Energiegesetz hatten. Der Bericht zeigt aber auch, dass die Tonalität bei NZZ und NZZaS (Indexwert -17) nicht so negativ ist wie bei der Basler Zeitung (-43) und der Weltwoche (-77) und dass mehrere Medientitel ebenfalls keine ambivalente Tonalität aufweisen (d.h. Pro-/Kontra-Stimmen exakt gleich viel Raum geben), sondern eine stark positive (z.B. Blick +44). Insofern erscheint mir der Vorwurf überzogen, "eine aktuelle Medienanalyse der Universität Zürich" zeige nun, die NZZ sei "zumindest bei Energiethemen nicht neutral und unabhängig".

Es ist zwar so: Ergebnisse von früheren "Abstimmungsmonitor"-Analysen, zum Beispiel zur "Grünen Wirtschaft" oder zur "Atomausstieg-Initiative" (beide Analysen werden nicht zitiert), zeigen ebenfalls eine stark negative Tonalität in der NZZ (http://www.foeg.uzh.ch/de/analyse/dossier.html). Aber gerade bei Volksinitiativen beobachten wir – auch bei anderen Themen wie z.B. der Sozialpolitik und auch bei anderen Medien – relativ klare Kontra-Positionierungen.

Problematisch ist zudem die Verwendung des folgenden Zitats aus dem "Abstimmungsmonitor": "Bei rund 40% der Beiträge wird die Tonalität entscheidend durch die Medien selbst geprägt, und zwar in Form von Kommentaren und (Hintergrund-)Berichten, in denen Medien selber Bewertungen abgeben." Diese Aussage beinhaltet nicht weniger und auch nicht mehr, als dort steht. D.h. dass (auch) unter anderem die NZZ neben vermeldenden Beiträgen, Interviews oder Gastbeiträgen (alle mit akteurs-geprägter Tonalität) Beiträge veröffentlicht, in denen sie selber Bewertungen einspeist. Das können Kommentare sein, aber auch Hintergrundberichte oder auch andere Berichte, in denen zwischendurch Bewertungen einfliessen. Aus dem Zitat (und aus der Messung) lässt sich aber nicht ableiten, wie dies Christina Marchand schreibt, dass die Analyse zeige, "dass diese Medien die negative Stimmung selber erzeugen, ohne dabei auf Fakten oder wirkliche Experten zurückzugreifen." Denn auf welche Fakten sich Kommentare und Hintergrundberichte abstützen und welche Fakten sie weglassen, wurde nicht gemessen. Ebenfalls haben wir in der Analyse zwar gemessen, welche Akteure in einem Beitrag vorkommen (z.B. Experten), aber nicht gemessen, ob es sich um "wirkliche" Experten handelt (wer wären denn "unwirkliche" resp. "falsche" Experten?). Auch hier: Der Vorwurf, Medien wie die NZZ würden "ohne Fakten, ohne Expertenmeinungen" (so auch der Zwischentitel) berichten, erscheint mir überzogen und müsste von Christina Marchand zwingend mit weiteren Quellen und Untersuchungen belegt werden (der hintere Teil in Christina Marchands Beitrag geht in diese Richtung). Lohnenswert sind sicherlich noch stärker qualitative Tiefenbohrungen, in denen die Faktentreue jedes einzelnen verwendeten Arguments genau überprüft wird.

Kurz: Christina Marchands Beitrag greift ein wichtiges Thema auf (die Medienkritik) und ist eine spannende Einordnung, die aber die «berichtenden» und die «kommentierenden» Teile besser voneinander hätte abgrenzen können. Wir alle können von einer weiterführenden Debatte um die Qualität der Medien profitieren.

Genau. Die Berichterstattung über die Energiestrategie der NZZ hat bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht und ich habe die NZZ abbestellt. Für mich ist die NZZ in die Nähe der SVP-Parteiberichterstattung gerückt. Schade!

Besonders tragisch ist die Tatsache, dass die Berichterstattung der NZZ sich fast ausschlisslich auf Warnungen und abwertende Kommentare beschränkte.
Da wurden keine Alternativen oder Energi-Strategien im Falle einer Ablehnung aufgezeigt. Die Argumente der Gegner schlechtreden, selber aber keine aufzeigen, das ist gelinde gesagt unfair!
Zum Glück lässt sich so in der Schweiz keine Abstimmung gewinnen.

Der NZZ gebührt Dank dafür, dass sie sachlich, fundiert und unaufgeregt über Klima- und Energiethemen berichtet.
Sie lässt sich davon weder von den Verfechtern der Kohle-,Gas-, Atomenergie, noch von den teilweise sehr militanten Kämpfern für die erneuerbaren Energien abbringen.
Dafür gebührt ihr Dank.
Betroffenheit, Frau Marchand, ist keine tragfähige Basis für ein klares Urteil.

Hallo Herr Becker

Es geht hier nicht um Betroffenheit. Es geht darum, dass sie NZZ eben nicht sachlich, fundiert und unaufgeregt berichtet. Im Gegenteil. Sie berichtet unsachlich, nicht fundiert und sehr aufgeregt und dazu noch einseitig. Zumindest bei den Energie- und Klimathemen. Das beweist die neutrale Medienanalyse der Universität von Zürich und viele Gespräch von mir mit Experten aus diesem Bereich.

Interessant, Betroffenheit, also das Gefuehl, da ist etwas nicht im Lot, das ist keine Basis um kritik zu ueben. Dann, lieber Herr Becker, erklaeren Sie uns doch bitte mit wenigen oder vielen Worten was eine tragfaehige Basis sein koennte um die "alte Tante", unbestritten deren grosse Verdienste, etwas auszuleuchten und kritische Worte zu publizieren. Bin gespannt auf Ihre Antwort. Saludos de Pego / Costa Blanca

Bin zwar grundsätzlich einverstanden mit der Anslyse, doch es gehörte schon immer zum mündigen Leser, dass er solche Unterscheidungen, was er - auch in der NZZ - liest, und was nicht. Leitartikel von Herrn Gujer machen keinen Sinn, weil er nicht kohärent argumentieren kann - nicht lesen. NZZ zur USR3 - ein Witz. Aber gleichzeitig gibt man sich in anderen Bereichen sehr Mühe, liefert gute Anslysen und das ist viel wert. Die alte Dame ist halt ein buntes Blatt voller Widersprüche geworden, das kann durchaus auch anregend sein.

Danke. Deckt sich genau mit meinen eigenen Beobachtungen. Man betreibt systematischen Täterschutz bei der NZZ. Klimaveränderung wird verharmlost, dabei wären die Folgen für Investoren überaus relevant (ZB. Gefährdete Immobilien in Miami oder New York, London usw.) Das exponentielle Wachstum der erneuerbaren Energien, die ihren Marktanteil alle fünf Jahre verdoppeln, ist die grösste industrielle Revolution unsrer Zeit abgesehen vom Internet. Die NZZ merkt es nicht mal, lieber zeigt man sich solidarisch mit der Öl und Gaswirtschaft oder der Atomlobby und verschweigt die Milliarden an Steueravzügen und Subventionen, die die Oel-Förderfirmen und Pipeline-Betreiber erhalten. Und als Ersatz polemisiert man dann gegen Subventionen für erneuerbare Energien, die inzwischen in den meisten Ländern gar nicht mehr bestehen, weil die Vergabe von neuen Kraftwerken durch Ausschreibungen ersetzt wurde.

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