Die neuen Radikalen

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Die neuen Radikalen

Von Urs Meier, 27.06.2019

Heutige Protestkultur ist bei allem Utopismus pragmatisch. Genau dieser Widerspruch macht sie stark und cool.

Obschon es weltweit immer mehr Menschen gutgeht, leben viele mit dem Wissen um drohende Krisen. Klimaerwärmung und soziale Kälte sind die Pole einer globalen Verunsicherung. Dagegen regen sich Widerstände: in Gestalt einer neuen Direktheit der Auseinandersetzung; verkörpert in neuen politischen Figuren; massenwirksam in neuen Formen des Protests.

Der holländische Historiker Rutger Bregman ist zum Idol der Aufmüpfigen avanciert, ähnlich wie eine Greta Thunberg oder eine Alexandria Octavio-Cortez, genannt AOC. Bregman machte am diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos Furore mit seiner umstandslosen Forderung nach massiv erhöhter Besteuerung der Reichen und konsequenter Beendigung von Steuervermeidung. Bei «Fox News» warf er im Februar 2019 dem Moderator Tucker Carlson vor, dieser wolle nicht über Steuergerechtigkeit reden, weil er selbst ein Millionär sei, der sich von Milliardären habe kaufen lassen. Das Gespräch, bei dem der Interviewer ausrastete, wurde im TV nicht gesendet, verbreitete sich aber wie ein Lauffeuer auf Social Media. 

Das Thema Steuern hat auch die rasante Karriere von AOC angetrieben: Auf 70 Prozent will die linke Demokratin in den USA den Steuersatz für Einkommen ab zehn Millionen Dollar anheben. Und mit einem «Green New Deal» will sie eine radikale Energiewende herbeiführen. Die nötigen Investitionen sollen auch mit eigens dafür von der Notenbank geschöpftem Geld finanziert werden. Um diese «Modern Monetary Theory» ist eine heftige Debatte entbrannt; der einstige US-Finanzminister Larry Summers, Demokrat auch er, spricht von «Voodoo-Ökonomie». 

Nachdem sich am 20. August 2018 die Schülerin Greta Thunberg mit ihrem Karton mit der Aufschrift «Skolstrejk för klimatet» vor dem schwedischen Parlament postiert hatte, wurde sie rasch zur Symbolfigur und Sprecherin einer weltweit nach Millionen zählenden Bewegung. Ihre Botschaft ist sehr einfach: Man muss nicht reden, sondern handeln, und zwar jetzt. Das Phänomen Greta polarisiert. Von den einen als «Prophetin» verehrt, wird sie von anderer Seite als instrumentalisiertes Kind denunziert.

Gemeinsam ist den neuen Radikalen das Desinteresse an grossen ideologischen Entwürfen. Sie sprechen Probleme an und fordern zum Gegensteuern auf. Dabei wissen sie sehr wohl, wie überwältigend komplex die anvisierten Themen sind. Und gerade deswegen benutzen sie einfache Parolen: Steuern rauf, Schlupflöcher dichtmachen, Umverteilung, Energiewende, Klimaneutralität. Wenn man nur will und beherzt zu handeln wagt, so ihr Credo, sind die Krisen zu meistern. Jugendlicher Optimismus und Elan kennzeichnen ihre Appelle und Programme. Bregman ist einunddreissig, AOC neunundzwanzig und Greta sechzehn Jahre alt. Sie blasen den Entscheidungsträgern in Politik sowie Wirtschaft den Marsch und begeistern ein massenhaftes, vorwiegend junges Publikum.

Die Prognose sei gewagt: Die von neuen Radikalen stimulierten Bewegungen werden zwar am «stahlharten Gehäuse» des modernen Kapitalismus (Max Weber) und an den trägen politischen Systemen fürs erste abprallen – aber dennoch nicht ohne Wirkung bleiben. Die Proteste sind utopisch genug, um beim Zusammenstoss mit schwer zu bewegenden Realitäten ihre visionäre Kraft nicht zu verlieren. Zugleich sind sie immerhin so pragmatisch, dass sie das Visionäre nicht von vornherein abkoppeln von realen Gegebenheiten. Das millionenfache Erlebnis der Bewegten, die Welt für einmal anders denken zu können, wird den Humus bilden, auf dem allmählich eine neue Praxis gedeiht. 

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