Die Medien und das Flugzeugdrama

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Die Medien und das Flugzeugdrama

Von Peter Studer, 27.03.2015

Wie haben sich die Redaktionen im Umgang mit dem unfassbaren Ereignis verhalten? Hier einige erste vorläufige Beobachtungen.

Titelseite von «Blick»: Das ist der Todespilot. Daneben grosses Bild von Andreas Lubitz, der unauffällig in Düsseldorf lebte, die Ausbildung zum Piloten unterbrechen musste. Polizei im Elternhaus. Ermittler überzeugt: Der Absturz war Absicht! Ein Bild aus glücklicheren Tagen des Co-Piloten. Auf Seiten 2 und 3 Gruppenbilder von Trauernden, aus mittlerer oder etwas grösserer Distanz; Blick auf die Regierungsbank in Berlin während des Gedenkens. Aufzeichnung des Voice-Recorders, erzählt vom französischen Staatsanwalt. Kasten über drohende juristische Schwierigkeiten für Lufthansa. Seite 4: Warnung vor schnellen Urteilen.

«Tages-Anzeiger» und «20 Minuten» aus dem Haus Tamedia, aber auch «Neue Zürcher Zeitung»: Der TA nennt den Namen des Co-Piloten, die NZZ bezeichnet ihn als Andreas L. Alle drei Blätter zeigen kein Bild des Co-Piloten und keine identifizierbaren Nahaufnahmen trauernder Angehöriger. Also kein medienethisch verpöntes «Witwenschütteln». Die «Basler Zeitung» bringt auf Seite 3 ein Bild des Co-Piloten – wie übrigens auch die «Süddeutsche Zeitung». Alle diese Blätter rekonstruieren den Lebenslauf von L., halten sich aber mit gesundheitlichen Spekulationen und Schuldzuweisungen zurück.

«10 vor 10» zeigte ein mit Schleier überdecktes Gesicht von L. und nannte ihn Andreas L.

Unterschiedlich ist die Diktion zur Gewissheit der Absturzursache. Einige deuteten an, es «solle» sich um bewusste Steuerung des Co-Piloten gehandelt haben, der TA ist sich sicher über den «mutwilligen» (ein in diesem Zusammenhang seltsames Adjektiv) Flugzeugabsturz, die NZZ über die «absichtliche Herbeiführung».

Im grossen und ganzen herrscht nüchterne Prosa vor. Beim Publikum geben Namensnennung und Abbildung des Co-Piloten am meisten zu reden. Manche Experten nennen die in den USA üblichen Zweierbesetzungen des Cockpits als mögliche Konsequenz.

Mir scheint, die Erwähnung des Co-Piloten – sogar mit vollem Namen – sei hier gerechtfertigt, zumal sich der französische Staatsanwalt mit Quellenangabe des Voice-Recorders sehr präzis geäussert und offenbar auch die Regierungen in Paris und Berlin überzeugt hatte. Andreas Lubitz ist damit zu einer Person der Zeitgeschichte geworden, die man deutlicher als einen lebenden Verdächtigen, dem noch die «Unschuldsvermutung» zusteht, nennen darf.

A propos Schuld, genau und wörtlich: Die steht natürlich noch nicht fest, falls – etwa aufgrund einer psychiatrischen Krankheitsdiagnose – dem Verursacher die Zurechnungs- und Schuldfähigkeit ganz oder teilweise abgesprochen werden sollte. Wenn es ethisch vertretbar ist, den Namen zu nennen, ist es auch erlaubt, ein in der Form einigermassen neutrales, nicht herabsetzendes Bild zu zeigen, wie das Bundesgericht in anderem Zusammenhang vor Jahren bestätigt hat. Herabsetzend wäre gewiss die Foto der blutverschmierten Leiche des Co-Piloten.

Abgesehen davon ist auch die Privatsphäre der trauernden Eltern des Täters vor Zudringlichkeiten der Medien zu schützen. Und die der trauernden Angehörigen von Opfern sowieso. Hier waren einige Bilder grenzwertig, wenn man die Stellungnahme 2012/73 des Schweizer Presserats nach dem schweren Busunglück im Wallis als Massstab nimmt: Drei Boulevard-Redaktionen hatten damals ganze Porträtgalerien toter belgischer Schulkinder gedruckt – ohne Zustimmung der Eltern. Der Presserat gab belgischen Protesten recht und hielt fest, dass Fotos verstorbener Unfallopfer nur gezeigt werden dürfen, wenn die Angehörigen sie explizit freigeben. Den Co-Piloten freilich sehe ich in einer anderen geschichtlichen Kategorie.

Kommentare

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Hier meine Meinung als Flugkapitän, welcher schon hunderte Unfallberichte studiert hat. Falls es jemanden interessiert, denn bisher wurden ja durchwegs Privatpiloten kleiner Sportflugzeuge (Sepp Moser & Co.) von den Medien als "Sachverständige" hinzugezogen.

Es ist schon bemerkenswert, dass ausnahmslos alle Deutschen und Schweizer Journalisten mit grösster Überzeugung glauben, der Copilot hätte das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht.

Auch wenn die Sache auf den ersten Blick so brutal einfach ausschaut; untersucht wurde bisher noch überhaupt gar nichts. Reine Spekulation.

Selbst der FDR (Flight Data Recorder), welcher genau aufzeigen könnte, was sich abgespielt hatte, ist spurlos verschwunden! Aus seiner gepanzerten Ummantelung einfach ausgebüxt. Noch nie dagewesen in der zivilen Luftfahrt; eine leere Blackbox!
Hätte Airbus ein Interesse daran, die Sache zu vertuschen? Man weiss es (wieder) nicht.

Harte Fakten interessieren die heutigen Schnellschreiberlinge der Instant-News-Gilde kaum. Ein Mörder muss her. Lynchen kann man ihn leider nicht mehr. Seine Leiche wurde bereits an der Felswand pulverisiert. Siehe nachfolgendes Video eines F-4 Jets, welcher mit 800 km/h gegen eine AKW-Mauer fliegt.

https://www.youtube.com/watch?v=RZjhxuhTmGk

Dass durch die Verbreitung der (Selbst-)Mörderthese den Hinterbliebenen der 150 Opfer die schwierige Trauerarbeit noch schwerer gemacht wird, interessiert keinen Journi. Who cares? Hauptsache Quote.

Die Faktenlage zeigte von Anfang an, dass der drittklassige, französische Staatsanwalt in seinem Enthusiasmus und seiner plötzlichen Spotlight-Rolle gigantische Falschaussagen gemacht hat. Abgesehen davon, dass er aviatische Ausdrücke falsch übersetzte, sprach er auch davon, dass die Stimme vom CVR (Cockpit Voice Recorder) mit Sicherheit die des Copiloten war. Das ist bis heute noch nicht geklärt.

Zudem trug der Pilot (es kann übrigens auch der Kapitän gewesen sein) die Sauerstoffmaske. Diese trug er, weil das Cockpit möglicherweise von giftigen Dämpfen aus der Klimaanlage erfüllt war. Diese Dämpfe hatten in der Vergangenheit schon einige Flugzeuge (auch Airbusse A320) zur Notlandung gezwungen. Die Piloten mussten danach mit Atemwegserkrankungen ins Spital verbracht werden.

Der mutmassliche Massenmörder und erwiesenermassen äusserst unerfahrene Copilot (630 Stunden total...) hatte den elektrischen Verriegelungsmechanismus der Cockpittür möglicherweise auf die falsche Seite gekippt. In seiner kurzen Karriere hatte er diesen Hebel vieleicht ein Dutzend Mal betätigt; nur diesmal unter toxischer Einwirkung oder durch einen Druckabfall (vielleicht deswegen die Sauerstoffmaske) verursacht. Wenn man den Schalter falsch bedient, ist die Cockpittür eine Zeitlang verriegelt. Lange genug, um abzustürzen.

Lufthansa hatte in den letzten zwölf Monaten einige Male Computerprobleme mit ihren A320. Im Herbst 2014 ging ein Airbus völlig selbständig in einen Sturzflug über. Einfach so... Die Piloten mussten, als letzte Rettung, alle (!) Computer ausschalten und manuell notlanden. Auch andere Airbusse (u.a. A330 von Qantas) hatten genau dieses Problem. In Australien verletzten sich viele Passagiere durch den abrupten Sturzflug.

Dass Airbus nicht gerne darüber redet ist verständlich. Das Business ist riesig. Und Lufthansa, als Grosskunde, ist hier in einem riesigen Dilemma.
Das erklärt vielleicht auch die seltsamen Statements der CEOs von LH und Germanwings. Diese Herren waren unter einem unvorstellbaren Druck, als sie ihre ersten Aussagen vor den Mikros der Weltpresse machten.

Wir Piloten diskutieren diesen Fall seit einer Woche vom technischen Standpunkt her. Und da ergeben sich viel naheliegendere Unfallursachen, als ein Selbstmord eines Copiloten (der angeblich schon vor seiner Zeit bei LH psychiatrisch behandelt wurde). Übrigens: Um die harten Eignungsprüfungen bei Lufthansa zu bestehen, ist es unmöglich, zuvor in psychiatrischer Behandlung gewesen zu sein. Impossible!

Dass wir uns hier richtig verstehen; ich nehme den Copiloten nicht in Schutz. Dieser ist mir eigentlich ziemlich egal. Mir geht es darum, dass der Unfall aufgeklärt wird. Wir fliegen täglich mit diesen Dingern herum und Sie, als zahlender Passagier haben das Anrecht auf Aufklärung.

Der Selbstmord als Unfallursache wäre für Airbus die klinisch sauberste Sache. Fragt sich nur, wann der nächste Airbus abstürzt.
Deswegen ist die grosse Mehrheit der Linienpiloten sehr skeptisch, was die saubere Aufklärung der französischen BEA über den Absturz eines französischen Airbus in Frankreich angeht. Es ist ein déjà-vu vom Air France AF447 Absturz im Atlantik. Ein Airbus A330.

Nun, Verschwörungstheorien sind generell für Dumpfbacken. Aber einfach der Bild-Zeitung und dem Tagi zu vertrauen zeugt m. M. auch nicht grad von intellektueller Grösse.

Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung. Ich weiss nur, dass seit einer Woche in der Presse über die Fliegerei diskutiert wird, ohne auch nur einen Hauch einer vagen Ahnung dieser Materie zu haben. Manche Sachverständige haben nicht mal einen Pilotenschein; ihre Kenntnisse holen sie von youtube und ihrem Heim-Flugsimulator-Computerprogramm, welches Sie in den Zustand versetzt, zu wissen wie man ein Flugzeug fliegt.

Ich kann nur hoffen, dass die Berichterstattung der Medien über andere Berufsfelder etwas fundierter ist. Allerdings muss man daran zunehmend zweifeln.

Gruss aus dem Jumbo-Cockpit.

PS: Boeing ist übrigens nicht zwingend besser; einfach anders.

... mittlerweile ist der FDR (Flight Data Recorder) aufgetaucht. Und die ersten Auswertungen bestätigen den Selbstmord des Copiloten.

Diese Meldung rückt die Lufthansa in ein schlechtes Licht. Im Moment wenigstens, denn untersucht ist die Geschichte erst in etwa zwei Jahren.

Und so lange ist auch meine Betrachtungsweise rein spekulativ.

Es ist nur schade, dass sich alle auf den Co-Piloten fokussieren, und niemand auf die Idee kommt, den Piloten in den Mittelpunkt zu rücken. Laut den Aufzeichnungen hat er bis zuletzt versucht, in das Cockpit einzudringen und die Katastrophe zu verhindern. Warum berichtet man nicht über den Helden, der als Vorbild dienen kann, sondern über denjenigen, der den Absturz anscheinend zu verantworten hat und sicherlich nicht nachgeahmt werden sollte?

Sehr richtig, Herr Stefan Franck.
Dem Kommandanten wäre es nämlich wahrscheinlich gelungen, die Situation zu retten, wenn die verschlossene Türe ihn nicht daran gehindert hätte.
Das führt zur eigentlichen Ursache der Katastrophe: Die post-9/11-Einrichtung der von innen verschliessbaren Cockpit-Türe. Also weitere Opfer des War On Terror.

Werner T. Meyer

Wie Deutschland halt ist, es geht zum Teil auch ins etwas sehr Banale, so zum Beispiel heute, als ein Sender eine Reportage über einen jungen, offenbar sehr verzweifelten und auch wütenden Mann machte, gemäss seinen Worten ein 'Freund' einer der zu Tode gekommen Damen, 'mit welcher er seit einem Jahr bekannt sei, und sie eigentlich daran gewesen seien, diese 'Beziehung' zu festigen'.

Sein Leben sei nun damit auf immer von Verlust geprägt und geschädigt. In Ungefähr. Ob sie überhaupt je daran dachte, spielt dabei eine völlig irrelevante Rolle, man hat eine Story und er kam im TV.

Persönlich bin ich nicht gegen die Medien, auch nicht ihre Freiheit, zu berichten, worüber sie immer möchten. Mein Problem ist eher, zahlender Konsument zu sein, für Medien, deren Sendeinhalt, Politik, und Alles Andere auch, ich nicht beeinflussen kann.

Und wenn ich schon die gleichen Bilder auf Allen Sendern sehen muss, sollte ich nicht auch noch für den Kommentar, zum Beispiel, eines staats-subventionierten Aargauer Lokalsenders mitbezahlen müssen, wo die Lokalen doch eigentlich einen ganz anderen Auftrag erhielten, damals, als man sie dafür schaffte, loklale und regional orientierte Sender zu sein.

Spätestens aber seit Herr Giezendanner und Herr Gilli Freunde wurden, und Giezendanner einmal sagte, es sei gut, für die Politiker, dass es lokale/regionale Sendeanstalten gäbe, habe ich den Glauben daran verloren, dass es irgendwann vielleicht wieder besser wird.

Es sei denn, man zerschlage das staatliche Gebührenregal, in seiner vollen Gänze!

Und ganz unabhängig davon, was mit Swiss RTV geschieht, Privat sollte privat sein, und bleiben, und wenn's Private nicht selber schaffen, dann braucht es sie auch nicht.

Das is Markt.

Sehe ich auch in anderen geschichtlichen Kategorien, nämlich in denen von geheimdienstlichen, klandestinen Operationen für Schattenregierungen, der Kategorie der politischen, geheimdienstlichen Racheaktionen, der internationalen Erpressungen, der von satanistischen Menschenopfer für schwarzmagische Geheimbrüder Logen, durchgeführt von Manchurian Candidates, auch Remote Neural Monitoring - oder Mind Control Opfer genannt, auf deutsch; Opfer von neuro-elektromagnetischer Telekommunikation und Kybernetik; unbemerkt auf Distanz hypnotisierte und ferngesteuerte Menschen. Der Moslem Kommentartor unter diesem Journal21 Artikel beschreibt weitere Hintergünde genauer: https://www.journal21.ch/ein-brite-enthauptet
Mein Beileid an alle Angehörigen

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