Die Frauenfrage

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Die Frauenfrage

Von Klara Obermüller, 04.10.2018

Dass Frauen in den Bundesrat gehören, ist unbestritten, nur die Auswahlkriterien geben zu denken.

Als der Name von Karin Keller-Suter unmittelbar nach der Rücktrittserklärung von Johannes Schneider-Ammann erstmals aufs Tapet gebracht wurde, hiess es, sie käme als Nachfolgerin in Frage, denn sie sei Ostschweizerin, eine Frau und kompetent. In dieser Reihenfolge. Die Tatsache, dass Keller-Suter eine Frau ist und dass Frauen im Bundesrat adäquat vertreten sein sollten, ist unbestritten. Diskutieren liesse sich allenfalls darüber, ob der Heimatkanton bei einer Bundesratswahl heutzutage noch ausschlaggebend sein darf. Echt zu denken gegeben aber hat mir die Reihenfolge der genannten Eigenschaften. Kompetenz erst an dritter Stelle, wo sie doch das wichtigste aller Kriterien bei einer Bundesratswahl sein sollte. Auch bei einer Frau, gerade bei einer Frau!

Keine Frau dürfte ehrlicherweise stolz darauf sein, in ein Regierungsamt gewählt zu werden, nur weil sie eine Frau ist. Das sollten wir Frauen bedenken, wenn wir mit Vehemenz auf weibliche Präsenz in Parlamenten, Regierungen und Aufsichtsräten pochen. Das sollten sich aber auch all jene Männer hinter die Ohren schreiben, die jetzt jammern, sie hätten keine Karrierechancen mehr, weil überall nur Frauen gefragt seien. Nicht das Geschlecht sollte ausschlaggebend sein, sondern die Kompetenz.

Jahrhundertelang war es nur auf das Geschlecht angekommen, auf das männliche nämlich. Da konnten Frauen noch so fähig und noch so kompetent sein, gegen die Männerbastion hatten sie keine Chancen. Nun sollten wir den Spiess nicht umdrehen und den gleichen Fehler noch einmal machen, nur unter umgekehrtem Vorzeichen. Nicht weil wir Frauen sind, wollen wir in Regierungsämter und Leitungsfunktionen gewählt werden, sondern weil wir geeignet, qualifiziert und kompetent sind. Und es ist an uns, dafür zu sorgen, dass es immer mehr und immer kompetentere und qualifiziertere Frauen gibt, bis sie am Ende die Mehrheit stellen, im Bundesrat oder anderswo, nicht weil sie Frauen, sondern weil sie schlicht und einfach die Besten sind. Bis es so weit ist, darf ruhig auch ab und zu wieder ein Mann gewählt werden.

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Dass Kompetenz erst an dritter Stelle kommt, ist nun wahrlich kein frauenspezifisches Problem. Wenn man die jetzige Zusammensetzung des Bundesrates betrachtet, könnte man meinen, dass Kompetenz überhaupt kein Kriterium, sonder nur Zufall ist, wenn sie denn vorhanden ist.

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