Die fehlende Stimme

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Die fehlende Stimme

Von Iso Camartin, 26.12.2017

Am Ende eines Jahres ist plötzlich eine Stimme nicht mehr da. Man hat sie im Ohr. Dank CD und DVD bleibt sie uns auch erhalten. Und doch: Sie fehlt!

Am 22. November 2017 starb in London an einem Hirntumor der erst 55-jährige russische Bariton Dmitri Hvorostovsky. Manche sahen in ihm die absolut ideale Verkörperung von Tschaikowskys Eugen Onegin. Aber auch als Verdi-Bariton war er – etwa als Graf Luna, Marquis Posa, Simone Boccanegra oder zuletzt als Rigoletto auf den grossen Bühnen von Wien, New York und Mailand hochbeliebt. Seine kräftige, aber überaus weiche Stimme mit unendlich lang scheinenden Atembögen machte ihn in jeder Aufführung zum heimlichen Liebling des Publikums, da konnten die Tenöre und Sopranistinnen noch so brillieren!

Man hat seine Stimme bezeichnet als kernig, füllig, dunkel schattiert, weich modellierbar, über Atemreserven der erstaunenden Art verfügend. Seine Präsenz auf der Bühne als Liebender wie als Hassender war vom ersten Ton an fesselnd, vielleicht fehlte ihm nur jene kleine Spur Perfidie und Dämonie, wie man sie beispielsweise in der Stimme von Tito Gobbi vernahm. Er ist zu jung von uns gegangen, um für jene moralische Hässlichkeit noch die Töne zu finden, welche die schlimmsten baritonalen Bühnenschufte auszeichnen.

Die Umformung des romantischen Helden

Wer einmal im Detail verfolgen will, was mit einer Geschichte alles passieren kann, die von einem Prosatext zu einem Opernlibretto umgearbeitet wird, findet kaum einen aufschlussreicheren Fall als Peter Tschaikowskys Oper „Pique Dame“. Da haben wir einmal den kalt-ironischen Blick des Erzählers Puschkin auf die unübersehbaren Zufälle, welche die Menschen ins Glück und ins Unglück, ins berechtigte Hoffen, aber auch in den möglichen Wahnsinn treiben. Beim Komponisten Tschaikowsky dagegen ist in jeder Szene das Mitfühlen, das Mitleiden spürbar, wenn die betroffenen Figuren nicht mehr weiterwissen und zu Verzweiflungstaten getrieben werden.

Puschkin hatte im Jahr 1834 seine Erzählung „Pikovaja Dama“ veröffentlicht, die bald einmal Aufmerksamkeit in literarischen Kreisen erregte, weil hier jemand in der romantischen Tradition eines E. T. A. Hoffmann eine phantastische Geschichte über einen geradezu besessenen Sonderling und Aussenseiter erzählte. Dabei tat Puschkin jedoch etwas, das zur phantastischen Romantik vollkommen konträr war.

Denn mindestens so interessant wie der Charakter des Helden dieser Geschichte waren für ihn die sehr präzisen Einblicke in die real-existierende adelig-bürgerliche Gesellschaft des damaligen Russlands. Was Puschkin mit der Figur dieses Hermann, eines Ingenieuroffiziers deutscher Abstammung, offenbar anpeilte, war der unromantische Typus eines Helden, der von einer ganz anderen Obsession als von unbegrenztem Liebesdrang gesteuert und getrieben wurde, nämlich von der Gier nach Geld und nach gesellschaftlicher Anerkennung.

Es ist auffällig, dass bei einem anderen grossen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts bereits 1830 eine vergleichbare Umbildung des romantischen Helden zum ruchlosen Aufsteiger stattfand: Stendhals Julien Sorel in seinem Roman „Le rouge et le noir“ ist auch so ein Held, der die Liebe nur als Vehikel zu wichtigeren Dingen einsetzt. Puschkins Hermann wirkte übrigens lange nach, wir begegnen dem Typus wieder in Dostojewskijs „Verbrechen und Strafe“ (1866) in der Figur des Rodion Raskolnikow.

Pique Dame

Dieser Hermann ist in der Oper allerdings eine Tenorstimme. Deshalb verfolgen wir hier sein Schicksal nur, um die Handlung der Oper zu verstehen. Diese basiert auf der sagenumwobenen Geschichte, dass eine inzwischen gealterte russische Gräfin in ihrer Jugend in Paris für Aufregung sorgte, als sie – man nannte sie „la Venus moscovite“ – von einer ebenso obskuren Gestalt, dem Grafen Saint-Germain, das Geheimnis der „drei Karten“ erfuhr, mit denen man jedes Spiel gewinnt und damit auch alle verspielten und verlorenen Summen im Nu wieder zurückholt.

Wie eine fixe Idee setzt sich die Absicht Hermanns in seinem Kopf fest, der inzwischen gealterten Gräfin das Geheimnis dieser „tri karti“ zu entlocken, gar abzufordern. Er schleicht sich ins Vertrauen ihrer Gesellschafterin Lisa Iwanowna, des Pflegekindes, das die Gräfin vor Jahren bei sich aufnahm und das bei der launischen alten Dame die Bitternis des Lebens voll zu kosten bekommt. Hermann spielt den in Lisa Verliebten nur, um in die Nähe der alten Gräfin zu gelangen. Er schleicht sich ins Zimmer der Gräfin ein, als diese noch auf einem Ball weilt, und versteckt sich dort.

Nach Mitternacht erscheint er vor ihr wie ein Gespenst und will von ihr die Namen der drei Gewinnkarten erfahren. Er bittet, fleht, kniet vor ihr nieder, doch die Gräfin verweigert jeden Hinweis. Hermann beginnt sie zu bedrohen, zieht eine Pistole aus der Tasche: „Alte Hexe! Ich werde dich zum Reden zwingen!“ Die Gräfin schüttelt den Kopf, hebt die Hand, als wolle sie sich vor dem Schuss schützen, sinkt in ihren Lehnstuhl zurück – und ist tot! Lisa ist tief verletzt, als sie erkennt, dass Hermanns Liebe nur Vorwand war, um hinter das Geheimnis der Gräfin zu kommen.

Die Freiheit des Komponisten

Tschaikowsky hat das Libretto aus der Hand seines Bruders erhalten. Die beiden Brüder wussten, was das Opernpublikum wünscht. Darum auch hier wieder – wie in „Eugen Onegin“ –  der Einsatz von Volksszenen, Kinderchören, Ballabenden in vornehmen Palästen. Kindermädchen, Gouvernanten und Ammen werden aufgeboten, die Szenerie zu bereichern, so wie Spaziergänger, Gästechöre und Spielergruppen samt kommentierenden Gaffern in vergnügter Gesellschaft. Das Grossartige ist und bleibt jedoch Tschaikowskys musikalische Charakterisierung der Hauptfiguren.

Etwa die geradezu unheimliche Art, wie er das Kartenmotiv und das Liebesmotiv während der ganzen Oper einsetzt, um die Getriebenheit dieses unglücklichen Hermann und die Leidenschaft der aus Liebe geradezu blinden Lisa zu gestalten. Ganz sicher wollte Tschaikowsky für seine Oper eine echt dramatische Liebesgeschichte – und so musste er das Puschkinsche Bild des sinistren Hermann umbauen.

Lisa ist in der Oper auch nicht mehr das arme Pflegekind, sondern die Enkelin der Gräfin und die Braut eines Fürsten, des von den Tschaikowsky-Brüdern erfundenen Fürsten Yeletzky. Auch der Schluss der Oper ist – im Gegensatz zur Erzählung – nicht ironisch lächelnd über all das, was im Leben so passieren kann, sondern dramatisch und tragisch. Lisa stürzt sich im vorletzten Bild nach der Begegnung mit Hermann in die Newa, Hermann erschiesst sich am Ende der Oper, nachdem er im Spiel alles verloren hat und den Hohn der alten Gräfin zu spüren glaubt. Ein gewiss opernstimmiger Schluss, doch eigentlich ein ganz anderer, als ihn Puschkin angelegt hatte.

Der Fürst verliert

Wenden wir uns jetzt jener Arie des Fürsten Yeletzky zu, um die es hier geht. Dieser besingt darin im 2. Akt der Oper das Glück, das ihn erfülle, seit er wisse, dass Lisa seine Frau werden solle. „Ya vas lyublyu – Ich liebe Sie, liebe Sie unermesslich“ ist eine der schönsten russischen Baritonarien – eine Liebeserklärung nicht der pathetischen, sondern der innig bittenden Art, ungeschützt ehrlich, wundersam offenlegend, wie es einem Mann zumute sein mag, dessen Braut mehr Kummer als Freude über die bevorstehende Vermählung auszustrahlen scheint.

Yeletzky will ihr alle „Freiheit des Herzens“ schenken, will sie in Ruhe lassen, wenn immer sie dies wünscht, will Gefühle von Eifersucht unterdrücken, will liebender Gatte, nützlicher Diener, Freund und Tröster für immer sein. Nur Vertrauen müsse sie in ihn haben. Noch fühle er sich ihr fremd und fern, ihr Kummer betrübe ihn, ihre Tränen machten ihn weinen. „Oh Liebste, vertrauen Sie mir!“

Selten ist in der Operngeschichte aussichtsloses Wohlwollen im Werben um eine Frau in schönere Töne gefasst worden als in dieser Arie des Fürsten Yeletzky, die eine eindeutige Nähe und Verwandtschaft zu jener des Bass-Fürsten Gremin aus dem „Onegin“ aufweist. Tschaikowsky hat die leidenden Männer bei der Darstellung echter Liebe musikalisch nicht schlechter bedient als die liebenden Frauen, die das Unglück haben, die falschen Männer zu lieben. Lisa hat sich in tragischer Weise in den deutschen Hermann „verschaut“. Fürst Yeletzky verliert seine Braut an einen Spieler, für den die Liebe nur ein Mittel ist, um zu Geld und gesellschaftlicher Anerkennung zu gelangen.

Im Jahr 1989 wurde Dmitri Hvorostovsky Sieger beim BBC-Wettbewerb in Cardiff „Singer of the World“. Der Mitkonkurrent war damals immerhin der andere grandiose Bass-Bariton unserer Zeit namens Bryn Terfel. Man muss erleben, mit welcher Kraft und Intensität der damals erst ins Rampenlicht rückende Sänger diese Rolle bewältigte.

Dmitri Hvorostovsky - „Ja vas lyublyu" from the Russian Opera "The Queen of Spades“

Danach hat Hvorostovsk die Figur des Yeletzky auf vielen Opern- und Konzertbühnen der Welt verkörpert. Hier – im Vergleich zu seinem Durchbruch im Jahr 1989 – eine Aufnahme aus dem Mariinsky Theater in St. Petersburg aus dem Jahr 2003. Ich bezweifle, dass es zu unseren Lebzeiten einen zweiten Yeletzky geben wird, der an den baritonalen Wohlklang und Stimmzauber des jetzt verstummten Dmitri Hvorostovsky heranreichen wird.

Hvorostovsky Ja vas lyublyu Queen of Spades Tchaikovsky

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