Die Erosion des Westens

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Die Erosion des Westens

Von Stephan Wehowsky, 01.10.2020

Das politische Weltklima hat sich verändert. Der Trend geht gegen bürgerliche Freiheitsrechte und gegen demokratische Grundsätze.

In Amerika stellt sich der Präsident immer offener und ungenierter gegen demokratische Institutionen, während sein russischer Amtskollege gelegentlich zum Mittel des Giftmordes greift, um unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen. Beiden Herren würde der Ausdruck „Verrohung der Sitten“ entweder gar nichts sagen oder höchstens ein Schulterzucken abnötigen.

Aber es sind nicht nur die ganz Grossen, die ihrer Willkür freien Lauf lassen. Boris Johnson zeigt sich bereit, offen und geradezu frivol internationale Verträge zu brechen. Polen verstösst mit einer sogenannten Justizreform gegen grundlegende Rechtsstaatsprinzipien, und Ungarn pfeift laut und lauter auf demokratische Regeln.

Jede dieser Entwicklungen dürfte jeweils eigene Ursachen haben. Aber zusammengenommen ergeben sie einen klar erkennbaren Trend. Dazu gehört auch, dass sich China entgegen weit verbreiteter Erwartungen mit steigendem Wohlstand und entsprechender wirtschaftlicher Prosperität nicht liberalisiert hat. Ganz im Gegenteil muss man eine Art Mao-Renaissance zur Kenntnis nehmen.

Und im Inneren demokratischer Länder wachsen die Fragezeichen in Gestalt von Bewegungen, die ganz bewusst an Traditionen anknüpfen, die Europa schon einmal in den Abgrund gerissen haben. Man kann den Eindruck gewinnen, dass der Westen seiner Liberalität und Freiheit in einigen Teilen müde geworden ist, allen wohlklingenden Reden und Appellen hochrangiger Politiker zum Trotz.

Der westliche freiheitliche Lebensstil im Politischen und Kulturellen ist ganz offensichtlich nicht so stabil, attraktiv und allein seligmachend, wie man lange angenommen hat. Es gibt eine innere Erosion. Und Gegenmodelle, die religiös oder ideologisch begründet sind, werden von den überkommenen westlichen Idealen nicht wie von selbst überwunden.

Indem man die seltsame Gleichzeitigkeit dieser Entwicklungen konstatiert, hat man sie noch nicht erklärt. Vielleicht gibt es so etwas wie einen Zeitgeist, der seine Richtung ändern kann. Ende der 1960er Jahre gab es auf der Basis westlicher Werte weltweite Proteste gegen politische und kulturelle Verkrustungen und gegen die damit verbundene Gewalt „der Herrschenden“. Diese Proteste entzündeten sich an ganz unterschiedlichen Missständen, aber in ihrer emphatischen Betonung der Freiheit hatten sie ihren gemeinsamen Nenner.

Die heutigen illiberalen Tendenzen haben ebenfalls Ausgangspunkte in sozialen Missständen. Die Frage aber stellt sich, ob sie am Ende zu einem Megatrend werden, gegen den demokratische Tugenden wie Vernunft, Mässigung und Ausgleich nichts mehr auszurichten vermögen.
 

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