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Portugal

Aus der Versenkung ins höchste Staatsamt

9. Februar 2026 , Lissabon
Thomas Fischer
Siegesfeier
Siegesfeier (Keystone/EPA/LUSA/Miguel A. Lopes)

Ein moderater Sozialist, der zunächst als Aussenseiter seine Kandidatur für das höchste Amt im Staat lanciert hatte, hat am Sonntag, wie erwartet, die Stichwahl des portugiesischen Staatspräsidenten klar gewonnen. António José Seguro, knapp 63 Jahre alt, muss sich auf Kohabitation mit einer bürgerlichen Minderheitsregierung einstellen.

Nur einmal in den letzten 50 Jahren hat ein Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten in Portugal die entsprechende Direktwahl so klar gewonnen wie der 63jährige Sozialist António José Seguro bei der Stichwahl am Sonntag. Er erhielt 66,8 Prozent der Stimmen, mehr als doppelt so viel wie im ersten Wahlgang drei Wochen zuvor (31,1 Prozent), natürlich auch mit den Stimmen von Frauen und Männern, für die er nur zweite Wahl war. Manche bekannten Figuren aus dem bürgerlichen Lager hatten wissen lassen, dass sie Seguro wählen würden und nicht seinen als seinen rechtspopulistischen und xenophoben Rivalen, André Ventura. Auch weiter links erklangen Rufe zur Wahl von Seguro, begleitet von Losungen wie «Nie wieder Faschismus», die an die am 25. April 1974 gestürzte Diktatur erinnerten. Auf Ventura, Gründer und Gesicht der Partei Chega, entfielen am Sonntag 33,2 Prozent der Stimmen, fast zehn Prozentpunkte mehr als am 18. Januar (23,5 Prozent). Ventura sah sich am Wahlabend nicht nur als der Führer der Rechten in Portugal. «Wir werden bald das Land regieren», schmetterte er Anhängern entgegen.

Auf eigene Faust vorgeprescht

Seguro war in der portugiesischen Politik kein Neuling. Elf Jahre lang war es um den Hochschuldozenten für internationale Beziehungen jedoch still gewesen, ehe er Mitte 2025 seine Bewerbung für das höchste Amt im Staat lancierte. Er preschte auf eigene Faust vor, ohne offizielle Unterstützung seines Partido Socialista (PS), den er 2011-14 als Generalsekretär geführt hatte. Erst später erkor ihn die Partei eher halbherzig letztlich zu «ihrem» Kandidaten, nachdem mehrere andere bekannte Figuren beschlossen hatten, auf eine eigene Bewerbung zu verzichten.

Im Kampf um sein künftiges Amt galt der moderate Sozialist mit wenig Charisma lange als Aussenseiter. Erst in der Endphase der Kampagne für den ersten Wahlgang konnte er sich in den Umfragen als einer von drei Kandidaten mit Chancen auf einen der beiden Plätze in der Stichwahl an diesem Sonntag profilieren. Seguro wird Portugals sechster gewählter Präsident seit dem Inkrafttreten der Verfassung von 1976 (wobei seine fünf Vorgänger allesamt zwei Mandate von je fünf Jahren absolviert haben).

Aus der Provinz in die hohe Politik

An politischer Erfahrung fehlt es Seguro, der am 9. März, zwei Tage vor Vollendung seines 63. Lebensjahres, sein Amt antritt, nicht. Schon in jungen Jahren war er politisch aktiv, obwohl er – anders als zahlreiche Mitglieder der politischen Elite – nicht von dort stammt, so die hohe Politik gemacht wird, sondern aus der Provinz. Zur Welt kam Seguro 1962 im beschaulichen Städtchen Penamacor, 280 im nordöstlich von Lissabon im Distrikt Castelo Branco gelegen, nahe der Grenze zu Spanien. Er besuchte dort eine Handelsschule und erwarb erst später, nach einigen Jahren in der Politik, sein Diplom in internationalen Beziehungen.

Schon 1990-94 war Seguro aber Generalsekretär der Jugendorganisation des Partido Socialista. Von 1989 bis 1993 fungierte er als Präsident des EU-Jugendforums. Als Vertrauter von António Guterres, Ministerpräsident der Jahre 1995-2002 und seit 2016 Uno-Generalsekretär – auch er ein sehr moderater Sozialist -, war Seguro Abgeordneter des nationalen Parlaments, Staatssekretär und beigeordneter Minister, zwischendurch Abgeordneter des EU-Parlaments.

Oppositionsführer mit wenig glücklicher Hand

Im Jahr 2011, mitten in der Finanzmarktkrise, fanden sechs Jahre der sozialistischen Regierung unter Ministerpräsident José Sócrates ein wenig ruhmreiches Ende. Wie zuvor Griechenland und Irland rief Portugal, noch unter Sócrates, die internationale «Troika» auf den Plan und vereinbarte, als Bedingung für einen Notkredit, ein hartes Anpassungsprogramm. Nach einer sozialistischen Wahlniederlage im Juni 2011 oblag seine Umsetzung aber einer bürgerlichen Exekutive. Seguro trat als PS-Generalsekretär an die Stelle von Sócrates und führte die Opposition – eher lasch, wie er noch im jüngsten Wahlkampf von links vorgehalten bekam. Auch Leute aus dem eigenen Lager warfen ihm Führungsschwäche vor.

Gern wäre er irgendwann Regierungschef geworden. Aber die Chance, seine Partei als Spitzenkandidat zu vertreten, blieb ihm versagt. Nach einem enttäuschend knappen Sieg bei der EU-Wahl 2014 forderte ihn António Costa – Ministerpräsident der Jahre 2015 bis 2024 und jetzt Präsident des EU-Rates – zu einer internen Urabstimmung heraus und gewann. Seguro verschwand in der Versenkung.

Zwar konnte Costa die Sozialisten bei der Parlamentswahl 2015 nicht zum Sieg führen. Als Führer der Partei mit dem nur zweithöchsten Stimmanteil tat er aber, was der von der Bühne abgetretenen Seguro sicherlich nicht gewagt hätte. Er riss alte Mauern nieder, bildete eine Minderheitsregierung, die auf die parlamentarische Duldung kleinerer linker Parteien angewiesen war, um unpopuläre Massnahmen der Troika-Jahre zu annullieren.

Für Transparenz und Dialog

In dem Land mit wachsendem Unbehagen über Vetternwirtschaft und Korruption verwies Seguro im jüngsten Wahlkampf auf eigene Vorstösse für mehr Transparenz, die teils aber nicht einmal im eigenen Lager viel Zuspruch fanden. Er gilt als integer, geht als linker Hoffnungsträger aber nicht durch. Wie seine Amtsvorgänger – und anders als sein jetzt unterlegener Rivale, Ventura – sieht er sich als «Präsident aller Portugiesen». Er will ein anspruchsvoller Präsident sein, aber keine Opposition oder Gegenmacht zur Regierung. Er versprach, seinen Fokus auf die äusserst prekären Verhältnisse im staatlichen Gesundheitsdienst, auf die Chancen für junge Leute und die Wohnungsnot zu legen, all das bei einem klaren Bekenntnis zur Marktwirtschaft.

Wo drohen Reibungen mit der bürgerlichen Minderheitsregierung von Ministerpräsident Luís Montenegro? Sollte es ihr nicht gelingen, mit den Wirtschaftsverbänden und dem moderaten Gewerkschaftsbund UGT eine Einigung über Änderungen des Arbeitsrechts zu erzielen, will er ein politisches Veto gegen das höchst umstrittene Paket der Regierung einlegen. Und Seguro sieht – trotz einschlägigen rechten Bestrebungen – keine Notwendigkeit zu einer Revision der Verfassung, die vor allem die von Ventura geführte Partei Chega umkrempeln will.

Montenegro hatte auf die Wahl eines Präsidenten aus dem eigenen Lager gehofft. Nun muss er sich jedoch auf Kohabitation einstellen. Am Wahlabend prognostizierte er dennoch erneut, wie schon kurz vor dem Jahreswechsel, dass Portugal rund dreieinhalb Jahre ohne nationale Wahlen bevor stünden. António José Seguro gilt als umgänglich und gewiss nicht als jemand, der es darauf absähe, Konflikte zu provozieren. Vielleicht täuscht sich Montenegro aber, wenn er glaubt, dass ein eher rosaroter Sozialist nicht vielleicht auch rote Linien ziehen, eventuell das Parlament auflösen und vorzeitige Wahlen ansetzen könnte.

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