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Gedankenspiel

«Stell Dir vor, es ist Krieg...»

7. Februar 2026
Heiner Hug
Donald Trump
(Keystone/AP/Alex Brandon)

Donald Trump liebt die Provokation. Eigentlich lebt er von der Provokation. Täglich schafft er es, in den Schlagzeilen zu sein: mit neuen Ungeheuerlichkeiten, neuen Brüskierungen, neuen Dreistigkeiten.

Amerikanische Journalisten erzählen sich, dass Trump am frühen Morgen, gegen fünf Uhr, aufwacht, den Fernseher anstellt und sich überlegt, wie er heute mit neuen Unverschämtheiten und Beleidigungen seine Gegner und Politiker rund um die Welt reizen könnte.

Doch diese Taktik nützt sich ab. Man gewöhnt sich an seine Affronts. Wer ständig poltert, wird nicht mehr ernst genommen. Hunde, die immer bellen, hört man irgendwann nicht mehr. Deshalb muss er immer lauter bellen, immer mehr brüskieren, immer noch einen draufsetzen, immer mehr verhöhnen und verunglimpfen. Und man muss ihm zugestehen: Er beherrscht dieses Spiel ausgezeichnet. Es gibt kaum eine Zeitung, eine Radio- oder Fernsehstation, die nicht mindestens einmal täglich über ihn berichtet, zum Teil angsterfüllt, zum Teil mit Schauder. Angst machen und Entrüstung verbreiten, gehört zu seinen Utensilien. Barack und Michelle Obama als Affen auf Truth Social darstellen. «Empörung, Erregung, ist doch toll, die Welt regt sich auf – und alle sprechen über mich.» Trump liebt es nicht nur geliebt, sondern auch gehasst zu werden – wenn er nur in den Medien auftaucht.

Da steht er also am Morgen auf und tippt auf seinem Truth-Social-Kanal eine neue Botschaft. Früher bediente er sich Twitter (heute: X). Doch sein Twitter-Konto wurde am 8. Januar 2021 dauerhaft gesperrt, weil er den Social-Media-Kanal nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar missbraucht hatte. Twitter hatte damals erklärt, Trumps Tweets hätten gegen die Plattformregeln verstossen und würden zu «weiteren Gewaltreizungen» führen. 

Als dann sein damaliger Freund Elon Musk 2022 Twitter übernahm und zur Plattform X umbaute, hob er Trumps Suspendierung auf. Doch dem Präsidenten war die Lust vergangen, auf X zu publizieren. 

So schuf er mit «Truth Social» ein eigenes soziales Netzwerk. Dieses gehört seiner eigenen Firma. Jetzt hat er die volle Kontrolle über die Inhalte und muss sich keine Sorgen machen, dass er gesperrt werden könnte. Truth Social ist das Hauptmedium für seine Verlautbarungen. Nur ganz selten noch postet er eine Message auf X.

Die Anzahl der Followers, die Trump auf seinem Truth Social-Kanal hat, schwankt. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Laut amerikanischen Medien-Analysen sind es zwischen 10 und 11 Millionen, die seine Botschaften aufrufen. Je lauter und je mehr er provoziert, desto höher die Zahl der User. 

Es sind nicht nur seine republikanischen Freunde, die ihn anklicken. Es sind vor allem auch Medienleute. Es ist ja ihre Aufgabe, über die Stossrichtung der amerikanischen Politik, über neue Pläne, Einschätzungen und Absichten zu informieren. Und Trump hat sie in Geiselhaft.

Journalistinnen und Journalisten rund um die Welt hängen also an Truth Social und verbreiten dann die neuesten Absichten und Bewertungen des amerikanischen Präsidenten und konfrontieren damit Politiker und Analytiker auf allen fünf Erdteilen. Trump weiss um die Macht und den Einfluss seines privaten Social-Media-Kanals. Und er liebt es, Aufsehen zu erregen und die Welt aufzurütteln. Er will das Volk und die Entscheidungsträger an der Angel haben. Das befriedigt sein unstillbares Ego.

Man stelle sich nun einmal vor, die grossen Medien und die wichtigen Journalistinnen und Journalisten würden – sagen wir für zwei oder drei Wochen – Truth Social nicht zur Kenntnis nehmen und bewusst nicht darüber berichten. All die Provokationen, die Angriffe und Beleidigungen würden ungesehen verpuffen. Wie würde der Präsident wohl reagieren? Zuerst wohl mit einem Wutanfall und einer Schlammschlacht gegen «die bösen, linken Medien». 

Wie hiess der Spruch. «Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.» 

Jetzt abgewandelt: «Stell Dir vor, Trump poltert und provoziert, und keiner nimmt es zur Kenntnis.»

Leider ein naives, sehr unrealistisches Gedankenspiel. 

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