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Italien

Ausverkauf oder notwendiger Wandel?

11. Februar 2026 , Rom
Heiner Hug
ITA
Eine ITA-Maschine auf dem Mailänder Flughafen Linate (Keystone/AP/Luca Bruno)

Die italienische Fluggesellschaft ITA Airways, einst Alitalia, gehört ab dem kommenden Sommer zu 90 Prozent der Lufthansa. Der Telekomkonzern TIM wurde vom US-Fonds KKR übernommen. Die Ölgesellschaft Italiana Petroli (IP) ist heute Teil des aserbaidschanischen Staatskonzerns Socar. Und die legendären Espressokocher von Bialetti stehen inzwischen unter chinesischer Kontrolle.

Diese Beispiele sind nur ein Ausschnitt einer Entwicklung, die in Italien zunehmend für Unruhe sorgt. Allein im Jahr 2024 wechselten 429 teils namhafte italienische Unternehmen in ausländischen Besitz. Das berichtete in dieser Woche der «Corriere della Sera» – und löste damit heftige Debatten in Politik und Wirtschaft aus.

Zu den Verkäufen zählen auch traditionsreiche Unternehmen wie Piaggio Aerospace, der historische Flugzeughersteller, der vom türkischen Drohnenproduzenten Baykar übernommen wurde. Der Luxus-Sneaker-Hersteller Golden Goose geht für geschätzte 2,5 Milliarden Euro an die Fonds HSG (China) und Temasek (Singapur). Der französische Versicherungskonzern Axa erwarb 51 Prozent am italienischen Versicherer Prima. Die Modegruppe Etro wurde im vergangenen Jahr an die Private-Equity-Gesellschaft L Catterton verkauft – unterstützt vom Luxusgüterriesen LVMH. Und so weiter.

Strukturelle Schwächen und Kapitalmangel

Italien erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Autobahnen entstanden, der Tourismus boomte, die Bauwirtschaft florierte. Tausende Familienunternehmen wurden gegründet, viele von ihnen mit grossem Erfolg. Doch zahlreiche dieser Betriebe wurden bis vor wenigen Jahren noch nach klassischem, patriarchalischem Muster geführt. Mit der digitalen Transformation und technologischen Innovation waren viele der inzwischen betagten Unternehmer überfordert.

Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, braucht es Kapital. Doch genau daran mangelt es in Italien. Der Zugang zum Kapitalmarkt ist schwierig, Börsengänge sind komplex und riskant. Für viele Unternehmen bleibt daher nur der Einstieg ausländischer Investoren – oder der vollständige Verkauf.

Positives und Negatives

Der «Corriere della Sera» mahnt jedoch zur Differenzierung: Der Übergang einer italienischen Marke in ausländische Hände sei nicht per se negativ. Gerade für mittelständische Familienunternehmen könne ein internationaler Partner neue Perspektiven eröffnen – vorausgesetzt, die Produktionskompetenz bleibe im Land und die Wertschöpfung fliesse weiterhin in das nationale Wirtschaftssystem zurück.

Es gibt positive Beispiele. Lamborghini etwa wurde unter dem Dach von Audi deutlich aufgewertet. Doch es existieren ebenso zahlreiche Fälle, in denen Produktionsstandorte geschlossen oder Kompetenzen schrittweise verlagert wurden.

Ein Viertel der Industrieproduktion verloren

Die Sorgen sind nicht unbegründet. Laut einer Statistik der Mediobanca hat Italien in den vergangenen 18 Jahren fast ein Viertel seiner Industrieproduktion eingebüsst. Der «Corriere» spart nicht mit Kritik an der aktuellen Wirtschaftspolitik – eine Analyse mit besonderem Gewicht, da die Mailänder Zeitung traditionell eng mit der italienischen Wirtschaft verbunden ist.

«Was wird getan, um Investitionen und Produktion in Italien attraktiv zu machen?», fragt das Blatt. Nach Angaben des Arbeitgeberverbands Confindustria liegen die Energiekosten in Italien rund 30 Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Ein Energiedekret, das Entlastung bringen sollte, wird immer wieder verschoben. Ein von Ex-Ministerpräsident Mario Draghi initiierter Förderplan für die Automobilindustrie wurde von der Regierung Meloni drastisch gekürzt. Kaufanreize für Neuwagen fehlen weitgehend; Fördermittel für Hybridfahrzeuge wurden wieder gestrichen.

Der Niedergang der Autoindustrie

Besonders deutlich zeigt sich die Krise in der Automobilbranche. Wer heute auf der «Strada del Sole» von Mailand nach Rom unterwegs ist, sieht nur noch vereinzelt einen Fiat. Einst dominierten die Fahrzeuge aus Turin das Strassenbild; heute sind sie eine Minderheit. Und irgendwann begegnet man dann noch einem Lancia, einem Alfa Romeo, einem Maserati oder einem Ferrari. Heute gehören diese Marken zur Stellantis-Holding. In Italien stehen die Werke von Stellantis teilweise still oder laufen mit reduzierter Auslastung. Heute wird Fiat nicht nur in den Mirafiori-Werken in Turin hergestellt, sondern auch in Polen, Marokko, Algerien China und Brasilien. Wo ist Fiat, einst der Stolz des italienischen Aufschwungs, einst ein Aushängeschild der italienischen Wirtschaft? Fiat war Italien, Italien war Fiat. Und jetzt? 

Seit dem Amtsantritt von Giorgia Meloni ist die Autoproduktion deutlich eingebrochen. 2024 fiel sie auf den niedrigsten Stand seit den 1950er-Jahren. Stellantis verzeichnete 2025 einen Produktionsrückgang von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch der Markt schrumpft: Die Neuwagenverkäufe sanken 2025 um rund 2,1 Prozent. Elektroautos finden im europäischen Vergleich nur geringe Nachfrage. Zwar deuten Prognosen auf eine moderate Erholung bis zum Ende des Jahrzehnts hin, doch dürfte die Produktion in Italien auf niedrigem Niveau verharren.

Schwaches Wachstum, fehlende Strategie

Für das laufende Jahr wird in Italien ein Wirtschaftswachstum von lediglich 0,7 bis 0,8 Prozent erwartet – der niedrigste Wert in der Europäischen Union. Hohe Staatsverschuldung, strukturelle Produktivitätsprobleme, eine lächerliche Bürokratie und politische Dauerstreitigkeiten bremsen die Entwicklung. Seit Melonis Amtsantritt ist die Industrieproduktion insgesamt um 3,8 Prozent gesunken. Die Miniseterpräsidentin turnt erfolgreich in der Weltgeschichte herum. In der Wirtschaftspolitik sind sie und ihre Minister weniger erfolgreich. 

Zurück zum Corriere della sera. Das Urteil der Mailänder Zeitung ist vernichtend. Es fehle an klaren industriepolitischen Projekten, an strategischer Schwerpunktsetzung und an belastbaren Wirkungsanalysen für staatliche Förderprogramme. Zu häufig herrsche ein «Stop-and-go» bei Anreizen und Subventionen. Förderinstrumente würden nach dem Giesskannenprinzip verteilt, statt gezielt Zukunftsbranchen zu stärken.

Schleichender Ausverkauf?

«Anreize kommen und gehen», schreibt das Blatt. Unternehmen bräuchten aber vor allem Planungssicherheit, mahnt die Zeitung – eine Politik, die langfristige Rahmenbedingungen schafft, damit Firmen investieren, wachsen und gut bezahlte Arbeitsplätze sichern können.

Giorgia Meloni war im September 2022 mit dem Versprechen angetreten, Italiens Wirtschaft neuen Schwung zu verleihen. Doch bislang fehlt der spürbare Aufwind. Ob es sich bei den zahlreichen Unternehmensverkäufen um einen notwendigen Anpassungsprozess oder um einen schleichenden Ausverkauf handelt, bleibt eine offene Frage. Klar ist nur: Italiens industrielle Identität steht auf dem Prüfstand.

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