Wer etwas erfahren will über jüdische Kommunisten zwischen Wien, Berlin, Paris, Prag, Moskau und London – auch von Konzentrationslagern und von Gulag, lesen will, von Anpassung und Heldenmut, von ideologischer Blindheit und von Klarsicht, der wird um die Bücher von Barbara Honigmann nicht herumkommen. Wie es auch ihr jüngstes ist.
1949 in Ostberlin geboren und seit 1984 in Strassburg lebend, ist sie in dieser Welt aufgewachsen und hat sie zu ihrem Lebensthema gemacht. Ihre Bücher zeichnen fast ausnahmslos die verschlungenen politischen und persönlichen Biografien ihrer Eltern nach, von deren Freunden wie Gegnern ebenso, für sie «eher ein Kosmos, ein Universum». Ihre Wiener Mutter und ihr deutscher Vater waren beide als junge Kommunisten der NS-Verfolgung nach England entkommen, lernten sich dort kennen, gingen nach dem Krieg nach Ostberlin (womöglich im Parteiauftrag) und heirateten. Wie auch andere dieser deutsch-jüdischen Rückkehrer, meist «Kulturjuden», meinten sie irrtümlicherweise, sie würden in der DDR das bessere Deutschland aufbauen.
Geistige und emotionale Heimaten
Als genaue Beobachterin und glänzende Erzählerin hat sich Barbara Honigmann einen grossen Leserkreis erschlossen und zahlreiche Literaturpreise gewonnen. Was sie in diesen Zeiten grassierender autobiografischer Selbstbespiegelungen besonders heraushebt, ist das Fehlen jeglicher Schilderung eigener «Befindlichkeit». Es geht ihr um «die anderen», nicht um sich. Sie kommentiert auch nicht, sie beschreibt.
In drei Teilen schildert Barbara Honigmann in ihrem neuen Buch ihre Begegnungen und Erfahrungen mit dem erweiterten Kosmos, Moskau, Strassburg, Ostberlin. Er hat ihr die Familie ersetzt, die sie jenseits ihrer Eltern eigentlich nicht hatte. Die Verwandten waren geflohen, lebten in fernen Ländern oder waren ermordet – das jüdische Los im 20. Jahrhundert.
So fanden diese Intellektuellen zu ihrer geistigen und auch emotionalen Heimat. Die Religion spielte keinerlei Rolle mehr. Gleichwohl wussten sie alle, dass sie jüdisch waren und mit dem Misstrauen ihrer Umwelt zu rechnen hatten. In einem Interview sagte Barbara Honigmann einmal: «Das Jüdische war in unserem Bewusstsein immer da, hatte aber keinen wirklichen Inhalt.» So wandte sie sich der Synagoge zu, um diese «verborgene Seite zu entdecken». Das gab ihr später auch den Anstoss zu ihrem Wechsel nach Strassburg.
Von der jüdischen zur kommunistischen Religion
Im Zentrum des Buchs steht Mischka, die «Titelfigur». Barbara Honigmann lernte sie auf Empfehlung einer anderen Freundin aus dem «Kosmos» in Moskau kennen, als sie dort in den siebziger Jahren über den Theatermann Wsewolod Meyerhold forschen wollte. Teil zwei ist Max und Yvette aus Strassburg gewidmet, deren Eltern wie viele andere auch auf der Flucht oder im Zuge der Auswanderung irgendwie in Strassburg hängengeblieben waren. Im dritten Teil kehrt Barbara Honigmann nochmals in das Ostberlin ihrer Jugend zurück, zu ihren Freunden, die alle ähnlicher Herkunft waren wie sie.
Viele aus der Generation der Eltern hatten sich in den dreissiger Jahren aus der jüdischen Religion gelöst und sich der Religion des Kommunismus zugewandt, liessen Brünn, Wien, Riga oder Kowno hinter sich und zogen nach Berlin, in der Weimarer Republik die Hauptstadt der «Komintern». Wenn sie Glück hatten, entkamen sie den Nazis nach England, Amerika oder Palästina. Andere, gläubig und den Stalinterror ignorierend, flohen in die Sowjetunion.
Mischkas Moskauer Küchentisch
Auch Mischka, einer grossbürgerlichen Familie in Riga entstammend, hatte mit ihrer Herkunft gebrochen, trat der KP bei und geriet später wie zahllose andere wegen «Trotzkismus» in Stalins Fänge. Mischka überstand zwischen 1936 und 1955 den Gulag und die anschliessende Verbannung. Nun lebte sie mit ihrem zweiten Mann in einer Zweizimmerwohnung in Moskau, die zu einem Zentrum jüdischer Dissidenten wurde.
Von dieser Welt hatte Barbara Honigmann in Ostberlin so gut wie nichts gehört. Fasziniert davon, fuhr sie regelmässig nach Moskau. Mischka wurde ihr zu einer zweiten Mutter. Am Küchentisch sassen Jewgenija Ginsburg ebenso wie Lew Kopelew, hier lernte Heinrich Böll Alexander Solschenizyn kennen. 1991 dann konnte Mischka mit Kopelews und Bölls Hilfe nach Deutschland ausreisen und lebte in Köln bis zu ihrem Tod 2005. Zeithistorisch ist dieses Kapitel sicher das ergiebigste, denn es eröffnet nochmals einen weiteren Blick in die damalige Sowjetunion und die spezifisch jüdischen Erfahrungen von Unterdrückung.
Neue Gemeinschaft in Srassburg
Barbara Honigmann ihrerseits verliess die DDR 1984 mit Mann und Söhnen und liess sich, wie gesagt, in Strassburg nieder. Hier fand sie eine höchst lebendige und auch intellektuell anregende jüdische Gemeinschaft vor, mitgeprägt nunmehr auch von sephardischen Juden, die aus Nordafrika stammten und eine innige Beziehung zur Religion pflegten. In diesem Umfeld war ihr ein Zugang zum Judentum möglich, wie er ihr in Ostberlin verwehrt geblieben war. Dazu war Strassburg nahe an Deutschland, damit an ihren Lesern, war aber nicht Deutschland.
Dieses Strassburg lernen wir nun auch über die Eheleute Yvette und Max kennen, etwas älter als die Honigmanns. Der Kommunismus war denkbar fern. Über Yvette, Max und deren Familien schildert Barbara Honigmann auch Verfolgung und Überleben französischer Juden. Yvette, Mischka - , welches Schicksal war das Schlimmere? So fragt Barbara Honigmann nicht.
Entfremdung und Bindung zum Judentum
Im letzten Kapitel fügt Barbara Honigmann Ostberlin und Strassburg nochmals zusammen. In Strassburg plötzlich begegnet sie einem Freund aus Ostberlin, der aber anders als sie am Leben gescheitert ist. Die Begegnung gibt ihr Anlass zur Vergegenwärtigung ihrer Kinder- und Jugendzeit. Die Entfremdung der Eltern vom Judentum, ihr Bemühen um Anpassung, Unauffälligkeit und Assimilation, drückte sich auch in den «unjüdischen» Vornamen der Söhne aus wie Peter, Thomas, Klaus, Wolfgang.
Barbara Honigmann arbeitet hier die grossen Unterschiede zu ihren Altersgefährten der «zweiten Generation» in Westdeutschland heraus, deren Eltern als Überlebende nach dem Krieg in Westdeutschland gestrandet waren, unfreiwillig, im Gefolge der westlichen Alliierten, die sie aus den Lagern befreit hatten. Das waren in überwiegender Zahl polnische Juden, die nun in sogenannten DP-Camps festsassen und so rasch wie möglich weg aus Deutschland wollten. Sie sprachen Jiddisch, die Religion hielt sie zusammen.
Ganz anders in der DDR, wo sich Juden aus freien Stücken und politischer Neigung niedergelassen hatten. Deren Nachkommen hat das nicht glücklicher gemacht, wie Barbara Honigmann es darstellt. Ihr aber gelang es, neue Wurzeln zu schlagen und ein ihr gemässes Leben zu leben. Als Schriftstellerin nimmt sie uns seit Jahren auf diese Reise mit. Wir folgen ihr, der Stilkünstlerin, ganz gebannt.
Barbara Honigmann: Mischka. Hanser 2026, 112 S., Fr. 33.90