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Zeitfragen

Nachdenken über Freundschaft

9. Februar 2026
Stephan Wehowsky
Freundschaft
Keystone/DPA/Friso Gentsch

Mark Zuckerberg, Mitbegründer und Chef von Facebook, erklärte vor Kurzem in einem Podcast, dass der durchschnittliche Amerikaner weniger als drei Freunde habe, sein Bedarf aber weitaus grösser sei. Zuckerberg vermutet, dass dieser Bedarf bei etwa 15 Freunden liege. Dabei geht es natürlich nicht um die Zahl jener «Freunde», die jeder Facebook-Nutzer mit Klicks beliebig vermehren kann. Was ist aber das Besondere an Freundschaften in der realen Welt?

Ein Arbeitskollege, ein Vereinskamerad oder Nachbar kann irgendwann zum Freund werden. Damit erreicht die Bekanntschaft eine neue Stufe. Die kann unausgesprochen bleiben, sollte aber auf Wechselseitigkeit beruhen. Jemanden als Freund zu empfinden, der das eigene Freundschaftsgefühl nicht entsprechend erwidert, kann auf einer Illusion beruhen.

Eine Freundschaft wächst

Es ist gar nicht so einfach zu verstehen, wodurch eine Beziehung die höhere Stufe der Freundschaft erreicht. Ganz sicher gibt es einige unabdingbare Merkmale. Vertrauen gehört dazu, und man kann wohl auch von einem besonderen «Draht» sprechen, der Freunde verbindet. Das alles erfordert Zeit, wobei es auch die spontane Freundschaft gibt. Der Wahrnehmungsapparat des Menschen hat viele Kanäle, und so kann es durchaus vorkommen, dass sich unmittelbar Vertrauen und Nähe herstellen. Aber die Erfahrung lehrt, dass sich gerade hier Ernüchterung und Enttäuschungen eben so schnell einstellen können, wie die vermeintliche Freundschaft entstanden ist.

Vielleicht ist es gut zu sagen, dass eine Freundschaft wächst. Dafür braucht sie Zeit. Und es ist jeweils gar nicht so einfach zu bestimmen, wann der Punkt erreicht wurde, ab dem beide wirkliche Freundschaft empfinden. Vielleicht erreicht der eine diesen Punkt früher als der andere und zieht ihn damit bewusst oder unbewusst in die besondere Qualität der Freundschaft hinein. Und da die Freundschaft eine zarte Pflanze ist, wird man sich in manchen Fällen auch davor scheuen, das Wort Freundschaft überhaupt in den Mund zu nehmen. Wahre Freunde verstehen sich auch, ohne dass sie über die Besonderheit ihrer Beziehung sprechen müssen. Umgekehrt lässt sich Freundschaft auch zerreden.

Liebe und Freundschaft

Liebesbeziehungen flammen auf und können ebenso schnell wieder verlöschen. In den Medien wird schon weit jenseits des Überdrusses die Frage thematisiert, wie Zweierbeziehungen stabil gehalten werden können, wenn die Liebe abkühlt und das Feuer des sexuellen Begehrens verlischt. Es muss gewissermassen eine neue Ebene eingezogen werden, auf der sich die Paare neu begegnen und wieder zueinander finden. Im Grunde ist das auch eine Ebene der Freundschaft, die aber als ein Ausdruck von Liebe oder als verwandelte Liebe angesehen werden kann.

Auch wenn es Überschneidungen von Liebe und Freundschaft gab und gibt, wird man beide unterscheiden. Freundschaft ist etwas anderes als Liebe. Lässt sich sagen, dass Freundschaft nüchterner und zugleich stabiler ist? Etwas spricht dafür. Der Beginn einer Liebesbeziehung ist häufig mit Euphorie verbunden: Glückshormone überschwemmen das Hirn. Der Beginn einer Freundschaft weckt ebenfalls gute Gefühle, aber keine Euphorie. Eine Freundschaft ist stiller, diskreter. Es gibt dafür auch keine derartig starken Ausdrücke wie «Ich liebe dich». Aber eine Anrede wie «Mein lieber Freund» in einem Brief hat auch ein hohes Glückspotential.

Wenn wir versuchen, Liebe und Freundschaft anhand einzelner Eigenschaften genau zu beschreiben, werden wir merken, dass diese um so mehr verschwimmen, je näher wir sie untersuchen. Die Übergänge von Liebe und Freundschaft sind fliessend, aber wir wissen intuitiv ganz genau, was wir meinen, wenn wir von Liebe oder von Freundschaft sprechen.

Humus der Realität

Es wäre etwas billig, den sozialen Medien vorzuwerfen, dass sie diese Vielschichtigkeit nicht abbilden. Wenn Mark Zuckerberg davon spricht, dass der durchschnittliche Amerikaner kaum auf drei Freunde kommt und sich mehr wünschte, meint er natürlich nicht die beliebig vermehrbare Zahl der «Freunde» auf Facebook. Er spricht von einem Defizit, das sich erst in der Realität zeigt. Mit «Freunden» im virtuellen Raum kann man Nachrichten austauschen, Likes verteilen und in mehr oder weniger engem Kontakt stehen. Das kann unterhaltsam und in Grenzen auch befriedigend sein, Aber den Freundschaften im Netz fehlt der Humus der Realität und das, was man etwas salopp als Reality Check bezeichnen kann. Zuckerberg möchte dem mit «Chatbots» abhelfen. Aber wie sollen diese «Chatbots» so programmiert werden, dass sie wie wirkliche Freunde im gelebten Alltag Enttäuschungen bereiten und bisweilen Wege gehen, die einem so gar nicht gefallen wollen?

Nur in der physischen Realität lässt sich ermessen, ob Freunde im Falle eines Unglücks verlässlich sind oder sich abwenden. Zu den bittersten Enttäuschungen und Erfahrungen gehört zum Beispiel die Feigheit von denjenigen, deren Beistand just in dem Moment gebraucht würde, wenn es kritisch wird, nachdem man entlassen wurde oder einen Konkurs anmelden musste. Da kann das grosse Abwinken kommen. Aber wie steht es schon weit vorher? Welchen Freund würde man um welche Hilfe bitten? Schon diese Frage zielt auf die Belastbarkeit einer Freundschaft, die man am liebsten gar nicht erst austesten möchte. Aber gerade im Falle der Not kann sich eine Freundschaft auch bewähren und entsprechend vertiefen.

Freundschaften gehören zu den subtilsten menschlichen Erfahrungen. Schon Kinder spüren das. Sie schliessen zwar spontaner Freundschaften als Erwachsene, aber sie wissen ganz genau, mit wem und mit wem nicht. Im Laufe ihres Lebens müssen diese Freundschaften reifen. Das gelingt nur, wenn neue Gemeinsamkeiten hinzukommen, die der Freundschaft Nahrung geben. Später geschlossene Freundschaften machen auch Entwicklungen durch und können im Laufe der Zeit wachsen oder abklingen. Jede einzelne Freundschaft ist Teil der inneren und äusseren Lebensgeschichte. Man sollte sie als Wegmarken beachten.

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