Die Elektrifizierung des Matterhorns

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Die Elektrifizierung des Matterhorns

Von Helmut Scheben, 09.07.2015

Zum 150jährigen Jubiläum der Erstbesteigung sind Lampen am Berg montiert worden. Ein leuchtendes Beispiel für neue Trends in der Tourismuswerbung?

Da musste eine Menge Material hinaufgeschafft werden. 50 Solarlampen mit ihren 40 Kilo schweren Batterien haben Zermatter Bergführer auf den Hörnligrat gehievt. Nun wird die Route beleuchtet, die die Erstbegeher – darunter der Brite Edward Whymper – 1865 nahmen. Der Bergsport-Ausrüster Mammut begleitet das Zermatter Spektakel und bringt zur Feier eine eigene Matterhorn-Kollektion heraus: das Whymper-Jacket, Whymper-Pants,  Whymper Zip Pull und so weiter.

Die Idee ist nicht neu, schon 1991 wollten einige findige Werber das Matterhorn zur Siebenhundertjahr-Feier der Eidgenossenschaft beleuchten lassen. Man wollte gleich auch noch ein wenig Reklame dazuschalten. Damals lehnte die Gemeinde diese Art von Erleuchtung ab. Doch die Zeiten haben sich geändert. Man gewöhnt sich nach und nach daran, dass die Berge nachts zu beleuchten sind – so wie jede andere Fussgängerzone auch. Der SAC hat es vorgemacht: Zum 150jährigen Jubiläum hat der Club seine Hütten vom Lichtkünstler Gerry Hofstetter anstrahlen lassen.

Las Vegas in Zermatt?

Man weiss es von der Zürcher Bahnhofstrasse: Weihnachtsbeleuchtung produziert Good Feelings und steigert die Umsätze. Nun gilt es, diese Marketingtechnik auf den Alpentourismus zu übertragen, und wie so oft arbeiten die Manager von Tourismus Zermatt nach der bewährten Devise: de Schneller isch de Geschwinder.

Man reibt sich die Augen: Sind die Berge ein Living Room, der möbliert, geschmückt und beleuchtet werden muss? Manche Tourismusmanager kommen mir vor wie gewisse Graffiti-Sprayer, die auf jeder freien Fläche ihre Markierung hinterlassen müssen, eine Art von zwanghafter Inbesitznahme jeglichen freien Raums.

Das führt zu der Frage: Wem gehören eigentlich die Schweizer Berge? Kann jede Gemeinde mit ihren Gipfeln machen, was sie will? Wahrscheinlich findet man in keiner Schweizer Gemeindeordnung einen Artikel, der die Verdrahtung und elektrische Beleuchtung der Gipfel untersagt. Bis vor kurzem konnte noch niemand diesen neusten Trend vorhersehen, der darin besteht, die Alpenlandschaften als Werbeflächen zu vereinnahmen.

Elektrisches Licht für Naturdenkmäler?

Das Matterhorn gehört zu den Landschaften und Naturdenkmälern, die die Schweizer Regierung als besonders schützenswert ins BLN-Register aufgenommen hat. Wie passt das Wort Naturdenkmal zusammen mit der Installation von elektrischen Anlagen am Berg?

Ist die Grossartigkeit und Wirkung dieser Bergwelt nicht Schauspiel genug? Das wollte ich vom Zermatter Tourismusdirektor Daniel Luggen wissen. Im Tourismusbüro hiess es, Herr Luggen sei sehr beschäftigt, er habe aber meine Fragen auf seinem Schreibtisch und werde sich melden. Nach mehreren Tagen vergeblicher Anrufe begnügte ich mich mit der Einsicht, dass da wohl nichts zu kommunizieren sei. 

Mag sein, dass den Chinesen oder Koreanern das Matterhorn im Times-Square-Look gut  gefällt. Mag sein, dass die Proseco-Umsätze steigen, wenn am Abend die Leuchtreklame angeschaltet wird. Mag sein, dass die Zahl der belegten Betten noch einmal gesteigert werden kann. Doch all das kommt einem vor wie die rasende Fahrt einer Spassgesellschaft in die nächste Zerstreuung. Zermatt heading for Las Vegas.

Im Winter hofft man, mit immer mehr Schneekanonen und dem Angebot von immer mehr Pistenkilometern die Konkurrenz auszustechen und den starken Franken wettzumachen.  Das Problem ist nun der Sommer. Es gilt, das Sommergeschäft zu retten, und da reicht es offensichtlich nicht, die Landschaft mit Sommerrodelbahnen, Klettersteigen, Aussichtsplattformen und Hängebrücken zu bepflastern. Die Beleuchtung der Berge ist eine neue Event-Möglichkeit.   

Was kommt als Nächstes?

Worauf muss man sich gefasst machen, wenn der Trend so weiter geht? Wird die Eigernordwand zum nächsten Jubiläum als Projektionsfläche zur Verfügung stehen? Wird es Freilicht-Videogames geben, wo man den Aufstieg, direkt auf die Wand projiziert, nachspielen kann? Werden die Sponsoren verlangen, dass in der Spinne der Nordwand eine Werbung für Softglacé oder Sonnenschutzcrème leuchtet? Werden neue Liftanlagen die Touristen auf Plattformen in der Eigerwand bringen? Werden die Berge mit Disco-Pop beschallt? Es graust einen bei der Vorstellung, die Alpen würden nach und nach zu einem einzigen grossen Openair-Spektakel umgebaut. Wie es scheint, sind die Berggipfel das neue Terrain, auf dem Creative Directors Geld verdienen können.

Alpenschutzorganisationen wie Mountain Wilderness haben das künstliche Alpenglühen von den ersten Symptomen an kritisiert. Sie machen geltend, dass der natürlich Rhythmus von hellem Tag und dunkler Nacht für Pflanzen, Tiere und Menschen sinnvoll und notwendig ist. In den grossen Städten ist kein Sternenhimmel mehr erkennbar, die Lichter der Büroräume gehen oft nicht mehr aus. Können wir noch abschalten? Oder werden wir gezwungen, die Schleusen der Informations- und Reizüberflutung ständig offen zuhalten? So fragt Mountain Wilderness Und hält fest: „Für viele geschäftstüchtige Leute sind die Berglandschaften nicht mehr als ein Kapital, das rund um die Uhr Profit abwerfen muss. Also müssen Skipisten nachts betrieben und Berggipfel angestrahlt werden, um den Touristen neue Sensationen zu bieten.“

Rolf Schmid, CEO von Mammut, sagt, man wolle dem Matterhorn „mit dieser Aktion eine besondere Ehre erweisen“. Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall. Denn indem wir das Horn zu einem elektrisch beleuchteten Christbaum umbauen, versagen wir ihm jeglichen Respekt. 

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