Die Besserwisser und die Verantwortung

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Die Besserwisser und die Verantwortung

Von Reinhard Meier, 21.05.2020

Viele Stimmen behaupten, sie wüssten, wie man die Corona-Krise besser bewältigen könnte. Aber würden sie für ihre Besserwisserei auch die politische Verantwortung übernehmen?

Diskussionen und Meinungsunterschiede zum politischen Geschäft gehören zum Kern der Demokratie. Dass bei der inzwischen epischen Debatte um die Corona-Kalamität auch Wirrköpfe und Scharlatane die Gelegenheit ergreifen, um ihr spezielles Süppchen zu kochen, ist hinlänglich bekannt.

Dysfunktionaler Staat?

Erstaunlich bleibt aber, dass auch Kommentatoren mit gutem Ruf beim Corona-Thema Behauptungen verbreiten, die keiner härteren Überprüfbarkeit standhalten. Gleichzeitig werden angeblich bessere Rezepte zur Virusbekämpfung propagiert, die nirgends überzeugend erprobt sind und für deren Wirksamkeit die medialen Besserwisser auch keinerlei persönliche Haftung und Verantwortung übernehmen müssen.

Wenn ein Leitartikler wie der NZZ-Feuilletonchef René Scheu im Kontext der Corona-Bekämpfung von der «offenkundigen Dysfunktionalität» des Staates spricht, so wüsste man gerne, was damit eigentlich gemeint ist. Hat der Staat bei der Unterstützung weiter Teile der Wirtschaft, die sonst den Lockdown kaum überstanden hätten, wirklich versagt? Und kennt der Autor ein Beispiel, wo der Staat durchgehend besser funktioniert hat? Könnte das «chinesische Modell» gemeint sein, das aber im gleichen Text als abschreckendes Beispiel einer «autoritären Kommandowirtschaft» apostrophiert wird? 

Seltsam sind auch die von namhaften Kommentatoren verbreiteten Klagen über das angeblich ängstliche «Kuschen» des Schweizer Volkes vor den Notstandsmassnahmen einer «ratlosen Regierung». Dass sich zu Beginn der bundesrätlichen Massnahmen dagegen kaum Protest oder Widerstand regte, hatte ja wohl damit zu tun, dass die überwältigende Mehrheit des Volkes den Sinn und die Notwendigkeit dieser einschneidenden Regeln absolut eingesehen hat.

Im Übrigen hat man auch nicht vernommen, dass die Herren und Damen, die im Rückblick alles besser gemacht hätten, damals machtvoll und mutig gegen die Eindämmungsstrategie protestiert hätten. In Amerika nennt man diese Art des nachträglichen Schwadronierens über angeblich verschenkte Chancen (in Anlehnung an das sonntägliche Football game) «Monday morning quarterbacking».

Schwedisches Vorbild?

Einige Kritiker meinen, die Schweiz und andere Länder hätten das «schwedische Modell» der Virusbekämpfung zum Vorbild nehmen sollen. In Schweden sind die Einschränkungen für die Bevölkerung tatsächlich weniger strikt deklariert worden. Die Restaurants und zumindest die Primarschulen wurden nicht geschlossen.

Aber wie sich inzwischen zeigte, hat auch die schwedische Bevölkerung die Distanzregeln weitgehend eingehalten. Der prognostizierte Wirtschaftseinbruch ist ungefähr gleich hoch wie in der Schweiz. Und die Übersterblichkeit (laut dem Historiker Niall Ferguson die verlässlichste Vergleichszahl zwischen den verschiedenen Ländern) soll in Schweden mit 27 Prozent deutlich höher liegen als in Deutschland und sehr viel höher als in den Nachbarländern Finnland oder Norwegen – und sogar höher als im Durchschnitt der USA.

Wären die Besserwisser hierzulande bereit, die politische Verantwortung für erheblich mehr Corona-Tote in der ungleich dichter besiedelten Schweiz auf ihre Schultern zu nehmen? Und was gäbe es für ein Geschrei, wenn der Bundesrat angesichts der Virus-Epidemie mehr oder weniger die Hände in den Schoss gelegt und die Risiken verniedlicht hätte – à la Trump Anfang März oder Bolsonaro in Brasilien?

Der helvetische Tellerrand

Der emeritierte Medizinprofessor Urs Scherrer fragte vor einigen Tagen allen Ernstes in der NZZ: «Gibt es eine elendere Perspektive, als während der nächsten achtzehn Monate maskenbewehrt, ‘socially distanced’ und von der eigenen Regierung kujoniert dahinzuvegetieren.»  Haben wir alle in den vergangenen Wochen tatsächlich nur «dahinvegetiert» und sind von der Regierung in Bern «kujoniert» worden? Vielleicht hätte dieser sonst weltläufige Professor gelegentlich über den helvetischen Tellerrand hinausblicken und zur Kenntnis nehmen sollen, wie die Menschen in den Armenvierteln von Brasilien, Ägypten, Indien oder in den USA die Corona-Epidemie erleben.

Die Augen öffnen über die Unverhältnismässigkeit des Gejammers über unser angeblich so schreckliches Corona-Schicksal auf der Wohlstandsinsel Schweiz könnte auch die Lektüre eines Beitrages von John Schellnhuber in der FAZ. Der Autor ist emeritierter Gründer des Potsdam-Instituts für Klimaforschung. In einem souveränen Rundblick ordnet er die Covid-19-Epidemie in grössere historische Zusammenhänge ein.

Auf einem andern Stern

Er verweist auf die Pest, die 1635 in London ausbrach und die Daniel Defoe, der Autor von «Robinson Crusoe» in seiner Chronik «Die Pest zu London» aufgrund genauer Recherchen und Zeugenaussagen beschrieben hat. Die Seuche habe damals die englische Hauptstadt in eine «Hölle auf Erde» verwandelt und gut einen Viertel der Einwohner dahingerafft. Angesteckte Kranke habe man mitsamt Familie in ihren vernagelten Wohnungen unversorgt zugrunde gehen lassen.

Im Vergleich zum Elend und der Ohnmacht der Seuchenbekämpfung, wie Defoe sie beschreibt, leben wir dank der stupenden wissenschaftlichen Fortschritte heute «auf einem ganz andern Stern», schreibt Schellnhuber. Dies betrifft nicht nur die medizinischen Therapie- und Diagnosemöglichkeiten. Auch die staatlich verordneten Freiheits- und Gewerbebeschränkungen «verlieren definitiv einen Teil ihres Schreckens», wenn man per Facebook oder Zoom Kontakt, Ausbildung und Beruf weiter pflegen könne. «All das wäre noch in den prädigitalen 1950er-Jahren unvorstellbar gewesen.»

Die Welt sei durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entwicklungen widerstandsfähiger und resilienter denn je geworden, stellt der Autor fest. Die Seuche, der man in früheren Zeitaltern rat- und hilflos gegenüberstand, werde im Anthropozän vom Schicksal zur gemeinsamen Herausforderung. «Gnadenlos bestraft der winzige Erreger die wissenschaftlichen Tölpel unter den Regierenden und bestätigt die Rationalen unter ihnen.»

Verglichen mit dem polemischen Gerede über die «Dysfunktionalität des Staates» und die angeblich antidemokratisch inspirierten Corona-Massnahmen des Bundesrates sind das wohltuend weitblickende Einsichten. Ob das Covid-19-Virus auch den regierenden «Tölpel» und Besserwisser im Weissen Haus gnadenlos in die Verantwortung nehmen und bestrafen wird, werden wir aber erst im November erfahren.

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Ein Teil der schweizer Bevölkerung stellt sich die Politik als Stammtischversammlung vor. So wird dann mit der Faust und dem Bierglas beurteilt. Genau diese Leute sind unbrauchbar, aber sie merken es eben nicht...

Mir geht es ähnlich, wie Herrn Huber. Bei der Lektüre des vorliegenden Beitrages kann ich einiges nachvollziehen. Anderes nicht, weil ich aufgrund meines fachlichen Hintergrundes anderer Meinung bin. Ich finde es bemühend, wenn "Berufene" besserwisserisch anderen "Berufenen" Besserwisserei vorwerfen. Aus meiner Sicht wäre es in der momentanen Situation einfach klug und angebracht sich einzugestehen, dass ALLE sozusagen nichts bis wenig über Covid 19 wissen. Es gibt eigentlich keine Evidenz hinsichtlich Entstehung, Verbreitung und künftigen Szenarien. Mässigung und Geduld wäre jetzt angesagt! Damit wäre der Verantwortungsbegriff auf eine andere Ebene gerückt. Forschung und Zeit ist jetzt wesentlich. Vielleicht reiben wir uns in ein, zwei Jahren alle die Augen darüber, was wir heute richtig oder falsch gemacht haben. Hüben wie drüben. Geben wir uns doch die Chance zu lernen!

"Aber würden sie für ihre Besserwisserei auch die politische Verantwortung übernehmen?" Aber natürlich würde ich das, Herr Meyer - im selben Mass und Umfang wie sie von unseren Politikern und Spitzenbeamten (d,m,w) in der Vergangenheit und in der Gegenwart übernommen wird.

Sie scheinen der Politik und deren Exponenten nahe zu stehen. Ich kenne keine Politiker, die wirklich Verantwortung übernehmen. Denn es gibt diese Politiker schlichtweg nicht.

Sehr gut getroffen.

Diejenigen, die jetzt im Nachgang die getroffenen Maßnahmen verdammen, hätten bei einer ungehemmten Ausbreitung des Virus am lautesten nach einer harten Hand gerufen.

Im Nachhinein ist Plärren und auf „Eliten“ und „Maistream“ schimpfen leicht, wohlfeil, bequem und vor allem: heuchlerisch und verlogen.

Alle sind wir Besserwisser! Leider wird man mit abweichender Meinung zum Mainstream umgehend abgestraft. Ist das Demokratie? Wie wärs mit etwas mehr Souveränität, Herr Meier. Sollten Sie Zugang zu einem 4-seitigen Corona - Protokoll zu Deutschland in der WELT vom Sonntag, 17.05. haben: sehr, sehr lesenswert! Titel der Reportage: Die verlorenen Wochen. Sollten Sie keinen Zugang haben, sende ich Ihnen die Reportage gerne per E-Mail. Wie nicht anders zu erwarten wurde dieses Protokoll nachher in keinen D-Talk Shows erwähnt. Warum wohl nicht? Seien wir vorsichtig, regierungshörig zu sein - oder zumindest bereit, auch andere Meinungen gelten zu lassen, als Diskussionsbasis. Wie in der Wissenschaft ist auch in der Politik der Wissensstand Stand "heute" die Wahrheit. Nicht mehr und nicht weniger.

Nein, Herr Huber. Es sind nicht ALLE Besserwisser, lediglich Einige.
Der weitaus grösste Teil unserer Bevölkerung steht hinter den klugen, ausgewogenen, transparenten, mutigen und verantwortungsbewussten Massnahmen des Bundesrates.
Es ist ja so einfach, aus der Perspektive des Beobachters im Nachhinein eine alternative Sichtweise zu pflegen, ohne im Geringsten jemals dafür Verantwortung übernehmen zu wollen.

Ein sehr guter Kommentar von Herrn Meier. Von einer Dysfunktionalität des Staates zu reden, hat mit Wahrnehmung, derer ein Journalist eigentlich mächtig sein sollte, rein gar nichts zu tun. Der Staat, ich meine der Bundesrat, hat bewiesen, dass er im Krisenfall schnell und zielgerichtet gehandelt hat. Keine Selbstverständlichkeit. Kritiker des Bundesrates, unter ihnen auffällig viele rechtsbürgerliche Politiker und deren Lakaien in den Pressestuben, monieren, dass der Lockdown zulange gedauert habe. Dabei ist mit der Öffnung der Schulen, der Gastronomiebetriebe etc. keineswegs sicher, dass wir das Virus schon im Griff hätten. Rechtsbürgerliche müssen verschnupft zur Kenntnis nehmen, dass der Markt einmal mehr nichts regeln konnte, sondern der Staat dafür bürgen musste und es weiterhin muss, dass der wirtschaftliche Schaden keine Auflösungserscheinungen in der Gesellschaft zeitigt. Dass nun die NZZ von einem "Seuchensozialismus" spricht, spricht nicht für die Einsicht eines medizinisch und sozial funktionierenden Staatsgefüges. Aber wenn die Krise bis jetzt etwas zutage gebracht hat, dann dies: Die Verfechter einer neoliberalen Ideologie können - nach der Finanzkrise ein weiteres Mal - den Schwanengesang derselbigen orchestrieren.

Schon gut, ich bin auch der Ansicht, dass der BR mutig und umsichtig entschieden hat. Aber JETZT, find ich, verheddert er sich immer mehr, wenn er meint, "sukzessive" lockern zu können. Das schafft v.a. Unklarheiten und Unfairness. Der BR sollte nun ebenso mutig sein mit der Lockerung. Es gibt nur eins: den "Notstand" (welche Not?) baldmöglichst zu beenden und das politische Leben wieder in der Normalmodus zurückzuführen.

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