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Portugal

Tumult in einem deutschen Theater

20. Februar 2026
Thomas Fischer
Schauspielhaus Bochum
Schauspielhaus Bochum – Rainer Bock, Elsie de Brauw, Alexander Wertmann, Carla Richardsen, Konstantin Bühler, Mona Vojacek Koper, Ole Lagerpusch, Felix Knopp (v. li.), © Armin Smailovic

Ein portugiesisches Theaterstück sorgt überall für ausverkaufte Säle. Es bezieht sich auf den Mord an einer Landarbeiterin, die zur Symbolfigur des Widerstands gegen die Salazar-Diktatur wurde. In Bochum kam es bei der deutschen Erstaufführung zum Eklat. 

Nur selten ruft ein Theater einen Sicherheitsdienst auf den Plan, damit Aufführungen ohne Störungen über die Bühne gehen können. Genau dazu hat sich nun jedoch die Leitung des Schauspielhauses Bochum entschlossen. Sie reagierte damit auf Tumulte und Handgreiflichkeiten am vergangenen Wochenende bei der deutschen Erstaufführung eines Stückes aus Portugal mit politischem Zündstoff. Der Saal war mit 632 Zuschauern ausverkauft.

Aus Portugal ins Londoner National Theatre

 «Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten» heisst, in deutscher Übersetzung, das Stück des portugiesischen Dramaturgen Tiago Rodrigues (Originaltitel «Catarina e a beleza de matar fascistas»), das im Jahr 2020 im nordportugiesischen Guimarães zur Uraufführung kam. Seitdem stand es in Theatern diverser Länder auf dem Spielplan. Selbst in Lissabon waren einige Aufführungen im Januar dieses Jahres schon Monate im Voraus ausverkauft. Im September kommt «Catarina» in London ins National Theatre, kurioserweise in portugiesischer Sprache, aber mit englischen Übersetzungen. Nicht nur dank diesem Stück ist der jetzt 49 Jahre alte Autor auch international kein unbeschriebenes Blatt mehr. Er trat 2023 die Stelle als Direktor des Festivals von Avignon an.

Sein umstrittenes Stück handelt von einer portugiesischen Familie, die sich jedes Jahr in ihrem Landhaus versammelt, um feierlich einen zuvor eigens entführten Faschisten zu töten. Sie pflegt auf diese Weise eine Tradition der Vergeltung für die Ermordung der Landarbeiterin Catarina Eufémia in der Südregion Alentejo, wo Frauen und Männer in der Zeit der faschistischen Salazar-Diktatur zu Hungerlöhnen auf Latifundien schufteten. Catarina beteiligte sich an einem Streik und fand durch Schüsse aus der Waffe eines Gendarmen am 19. Mai 1954 den Tod. Sie war Mutter von drei Kindern und Mitglied der damals illegalen Kommunistischen Partei. In ihrem Dorf, Baleizão, kommt sie in Form einer kleinen Statue und in Wandmalereien bis heute zu Ehren. Nach der Nelkenrevolution von 1974 wurde sie von ihrer nunmehr legalen Partei als Vorkämpferin der Agrarreform, die damals in Gang kam, gefeiert. Die Kommunisten begehen noch immer jedes Jahr ihren Todestag.

Zweifel am Sinn der Tradition

Im Theaterstück ist die Tradition, jedes Jahr einen Faschisten zu töten, aber plötzlich nicht mehr das, was sie einmal war. Schon beim Essen ist es mit dem Konsens vorbei. Eine Tochter bekennt sich als Veganerin, die keine Schweinsfüsse isst. Ihre Schwester, die nach dem Essen die Aufgabe hat, den gefesselten Faschisten zu erschiessen, bringt dies nicht über sich. Sie bekundet Zweifel am Sinn dieses Aktes. Es kommt in der Runde zu einer Diskussion darüber, ob solche Rache überhaupt noch einen Sinn hat. Am Ende befreit sich der Faschist, und er hält einen langen Monolog voller Ausfälle gegen Migranten, Schwule, Frauen, Linke. Ein Diskurs, wie aus dem Alltag diverser Länder gegriffen.

Danach kam es in Bochum zu Tumulten. Aus dem Publikum erklangen Buh-Rufe, zwei Personen stürmten auf die Bühne, unter ihnen eine Frau, die mit einer Orange nach dem Schauspieler warf. Immerhin konnte die Aufführung danach zu Ende geführt werden, ohne Polizei. Über die politischen Beweggründe der Störer ist nach Angaben eines Sprechers nichts bekannt. Der Zwischenfall tat der Attraktivität des Stücks keinen Abbruch – im Gegenteil. Zwei Aufführungen im März sind ausverkauft. Im Laufe der Spielzeit sind weitere Aufführungen geplant – mit Security.

Catarina, eine emblematische Figur

Catarina Eufémia kam derweil nicht zum ersten Mal im kulturellen Schaffen Portugals zu Ehren. Mehrere Schriftstellerinnen und Schriftsteller widmeten ihr bereits Gedichte oder andere Texte. Der Protestsänger José Afonso (1929–87) bekannt vor allem durch das Lied «Grândola, vila morena», das in der Nacht zum 25. April 1974 als verabredetes Geheimsignal aufständischer Militärs zum Sturz der Diktatur über den Rundfunk ging, besang ihr Leben, ihren Tod und die dadurch verursachten Ressentiments: «Wer Catarina sterben sah, wird dem, der sie getötet hat, nicht verzeihen.» José Afonso hat vermutlich nicht geahnt, wie aktuell ein Stück über das neue Erstarken des Rechtsextremisus in der heutigen Zeit werden würde.

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