Die USA bauen ihr gegen Iran gerichtetes Arsenal rasch aus. Ein Krieg könnte schon bald ausgelöst werden. Doch dessen politische Ziele wären unklar, und ebenso unsicher wären die Erfolgsaussichten. Die militärische Option ist mit enormen Risiken behaftet.
Die Erwartung schneller militärischer Erfolge gehört zu den Konstanten moderner Interventionspolitik – und erweist sich doch immer wieder als trügerisch. Als Wladimir Putin im Februar 2022 die Ukraine angriff, kalkulierte er offenbar mit wenigen Tagen bis zur Kapitulation. Die Realität widerlegte diese Annahme dramatisch.
Heute äussern US-amerikanische Kommentatoren und Mitglieder der Trump-Administration mitunter die Erwartung, intensive Luftangriffe könnten den Iran binnen kurzem zur Annahme amerikanischer Bedingungen zwingen. Die historische Erfahrung mahnt zur Vorsicht. Eine weitere militärische Intervention der USA im Iran wäre an komplexe politische, militärische und ökonomische Bedingungen geknüpft – und ihre Folgen wären weitreichend. Noch während dieser Text entsteht, befindet sich die Lage in akuter Bewegung.
Beidseitiges Doppelspiel
Am Dienstag, 18. Februar, haben iranische und amerikanische Unterhändler in Genf über drei Stunden indirekte Gespräche geführt, ohne eine klare Einigung zu erzielen. Irans Chefdiplomat Abbas Araghchi sprach von «gutem Fortschritt» und einer Einigung auf «Leitprinzipien», während Vizepräsident JD Vance erklärte, der Iran habe die von Trump gesetzten «roten Linien» nicht anerkannt.
Washington scheint zu glauben, dass eine Intervention, die intensiver ausfiele als die Operation «Midnight Hammer» vom 22. Juni 2025, in der die USA erstmals Luftschläge auf iranischen Boden durchführten, die iranische Führung zum Einlenken zwingen könnte. Damals griffen US-Streitkräfte im Rahmen einer aufwendigen Mission mit 4’000 Militärangehörigen gleichzeitig drei Nuklearstandorte an: Fordo, Natanz und Isfahan.
Die Annahme, eine massive Attacke würde den USA den gewünschten Erfolg bringen, beruht auf der Hypothese, dass das iranische Regime Kosten-Nutzen-Abwägungen rational im Sinne staatlicher Selbsterhaltung treffe. Teheran verfolgt jedoch offenbar eine Doppelstrategie: In den Verhandlungen setzt es auf Verzögerungstaktik, um einen US-Angriff politisch unattraktiver zu machen; zugleich signalisiert es punktuelle Kooperationsbereitschaft – etwa im Energiesektor –, um Washington mit begrenzten Zugeständnissen zu befrieden. Das iranische Kalkül lautet, dass die USA am Ende den Spatz in der Hand – ein partielles Atomabkommen bei Verzicht auf militärische Intervention – dem riskanten Vogel auf dem Dach – Erfüllung aller amerikanischen Forderungen unter dem Risiko einer militärischen Eskalation – vorziehen.
Hinzu kommt die unklare Rolle Chinas. Der iranische Präsident Peseschkian beklagte, dass China den Iran ökonomisch «abgeschrieben» und seine finanziellen Zusicherungen zurückgezogen habe. Noch im November 2025 hatten die USA eine Lieferung von sogenannten Planetenmischern chinesischer Herkunft im Indischen Ozean abgefangen; solche Geräte werden für die Produktion von Feststoffraketen benötigt. Ungewiss bleibt, ob die militärische Aufklärungsunterstützung Pekings zugunsten Teherans – etwa satellitengestützte Information – vollständig eingestellt wurde. Bereits die Möglichkeit externer Informationszuflüsse erhöht die Risiken einer amerikanischen Intervention erheblich.
Der militärische Aufmarsch
Der militärische Aufmarsch der USA ist beachtlich – und deutlich grösser als vor den Schlägen vom Juni 2025. Neben dem USS Abraham Lincoln wird die USS Gerald R. Ford, Amerikas modernstes Trägerkampfschiff, in die Region entsandt; dazu kommen AWACS-Aufklärungsflugzeuge und weitere Kampfverbände. Mehrere Kriegsschiffe, Zerstörer und Begleiteinheiten sind im Arabischen Meer, im Golf von Oman und im Persischen Golf konzentriert; moderne Kampfjets (F-22, F-35, F-16) sowie Unterstützungskräfte wurden über mehrere Stützpunkte im Nahen Osten verteilt. Auch US-Luftwaffenverbände aus Grossbritannien – darunter Tankflugzeuge und Kampfjets – werden näher an den Nahen Osten verlegt.
Das US-Militär könnte nach Einschätzung von Insidern bereits an diesem Wochenende zum Angriff bereit sein; eine endgültige Entscheidung von Präsident Trump steht aber noch aus. Es handelt sich um den grössten Truppenaufmarsch der USA im Nahen Osten seit dem Irakkrieg 2003. Gleichzeitig betonte Verteidigungsminister Pete Hegseth, das Militär sei «vorbereitet, alles zu liefern, was der Präsident erwartet».
Ein Szenario nach dem Vorbild des Irakkriegs 2003 – eine Bodeninvasion – erscheint allerdings wenig realistisch. Damals mobilisierten die USA und Grossbritannien binnen anderthalb Jahren rund 300’000 Soldaten. Eine vergleichbare Invasion gegen den Iran – geographisch grösser, militärisch komplexer und gesellschaftlich fragmentierter – wäre politisch wie logistisch kaum vorstellbar. Zu den diskutierten Optionen gehören begrenzte Schläge gegen Luftabwehrsysteme, Raketensilos und Drohnenproduktionsanlagen sowie eine Eskalationsvariante mit dem Ziel eines Regimesturzes. Eine «Enthauptungsstrategie» hingegen mit gezielten Kommandoaktionen gegen politische und militärische Führungskader hat ihr Überraschungsmoment bereits verloren; die iranische Seite hat entsprechende Schutz- und Täuschungsmassnahmen vorbereitet.
Damit bliebe eine begrenzte, zeitlich gestaffelte Luft- und Raketenoffensive als wahrscheinlichstes Mittel. Doch selbst ein militärisch erfolgreicher Schlag wirft strategische Fragen auf: Wie lässt sich verhindern, dass Teheran seine regionalen Verbündeten mobilisiert? Wie wird «Erfolg» überhaupt definiert? Als Zerstörung bestimmter Anlagen, als neues Abkommen, als Machtwechsel? Und was folgt auf die Kampfhandlungen?
Wiederaufbau unter Beton
Ein weiterer Faktor kompliziert das Kalkül Washingtons erheblich: Der Iran rekonstituiert sein Nuklear- und Raketenprogramm schneller als erwartet. An der Atomanlage Taleghan 2 im Parchin-Komplex südöstlich von Teheran haben Satellitenbilder gezeigt, dass der Iran einen Betonsarkophag über dem Standort errichtet und diesen mit Erdreich bedeckt hat – womöglich um ihn vor Luftschlägen zu schützen und Satellitenbeobachtung zu erschweren.
Zudem ist bekannt geworden, dass die USA bei der Operation Midnight Hammer auch Cyberwaffen eingesetzt haben: US-Operatoren haben gezielt iranische Luftverteidigungssysteme digital lahmgelegt, um zu verhindern, dass der Iran Boden-Luft-Raketen auf amerikanische Kampfflugzeuge abfeuert. Ob dieser Überraschungseffekt bei einem erneuten Angriff noch einmal erzielt werden kann, ist fraglich.
Innenpolitische Gleichung
Die innenpolitische Lage im Iran ist instabil: Der Verfall der iranischen Währung Ende Dezember 2025 hatte landesweite Proteste ausgelöst, die sich von wirtschaftlichen Klagen rasch zu Forderungen nach dem Ende der Islamischen Republik ausgeweitet haben. Die Reaktion der Führung war ungewöhnlich brutal; Tausende wurden getötet.
Ein Regimewechsel durch militärische Gewalt erscheint dennoch unwahrscheinlich, solange die religiös-ideologische Grundstruktur der Islamischen Republik intakt bleibt. Nur wenn die regulären Streitkräfte und die Revolutionsgarden die Folgen einer Intervention als faktische Niederlage interpretierten, könnte ein innerer Machtkampf entstehen. Historische Analogien – etwa der Sturz der argentinischen Junta nach der Niederlage im Falklandkrieg – zeigen, dass militärische Rückschläge politische Umbrüche auslösen können. Doch im Iran ist die ideologische Verankerung tiefer. Seit dem Sommer 2025 hat Teheran den Obersten Nationalen Sicherheitsrat unter Ali Larijani gestärkt und einen neuen Verteidigungsrat eingesetzt; der erfahrene Revolutionsgardenkommandant Ali Shamkhani wurde zum Sekretär des Gremiums ernannt – mit dem ausdrücklichen Auftrag, die Verteidigungsvorbereitungen zu stärken.
Gleichzeitig existiert innerhalb der systemtragenden Nomenklatura eine pragmatische Strömung, die argumentieren könnte, dass das unbedingte Festhalten an religiös-ideologischen Feindbildern die Nation gefährdet. Ob sich eine solche Interpretation durchsetzen könnte, hinge entscheidend von der Wahrnehmung der militärischen Lage ab.
Zögerliche Verbündete
Die Haltung der Golfstaaten ist ambivalent. Saudi-Arabien hat den Ton gegenüber Teheran verschärft, plädiert aber offiziell weiter für Deeskalation. Qatar, Saudi-Arabien, Oman und Ägypten haben die USA in Gesprächen ausdrücklich davor gewarnt, den Iran anzugreifen, weil sie befürchten, selbst zum Ziel iranischer Vergeltungsschläge zu werden. Die Vereinigten Arabischen Emirate erklären Neutralität, nicht zuletzt um ihre umfangreichen Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran zu schützen. Bahrain und Katar fürchten, angesichts der US-Truppenpräsenz auf ihrem Boden selbst zum Ziel zu werden.
Auch Grossbritannien verweigert die erhoffte Unterstützung. Premierminister Starmer hat signalisiert, dass die USA weder Diego Garcia auf den Chagos-Inseln noch die RAF-Basis Fairford in England für Angriffsoperationen gegen den Iran nutzen dürfen – dies verstosse gegen das Völkerrecht. Trump reagierte scharf: Er drohte, die US-Unterstützung für die britische Entscheidung, die Chagos-Inseln an Mauritius zu übertragen, zurückzuziehen, und rief auf Truth Social: «DO NOT GIVE AWAY DIEGO GARCIA!» Diese Konstellation unterscheidet das aktuelle Szenario deutlich von der Koalitionsdynamik des Irakkriegs 2003.
Zudem ist davon auszugehen, dass Teheran im Unterschied zum Sommer 2025 nicht bei symbolischen Raketenangriffen bliebe, sondern verbliebene Verbündete umfassend mobilisieren würde. Die regionale Eskalationsspirale wäre kaum kontrollierbar.
Die Strasse von Hormus
Im Zentrum möglicher Gegenmassnahmen stünde die Strasse von Hormus. Durch diese Meerenge fliesst rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls sowie ein erheblicher Anteil des globalen Exports von flüssigem Erdgas (LNG), insbesondere aus Katar. Eine auch nur temporäre Blockade würde Energiepreise in die Höhe treiben, Lieferketten stören und Inflationsschübe auslösen. Für Europa, das seit dem Ukrainekrieg stärker auf LNG angewiesen ist, wären die Folgen gravierend; für asiatische Abnehmer wie China, Indien, Japan und Südkorea ebenso.
Die USA müssten daher militärisch garantieren, dass der Seehandel gesichert bleibt – eine anspruchsvolle Aufgabe angesichts asymmetrischer Bedrohungen durch Minen, Drohnen und Schnellboote der Revolutionsgarden. Jeder Zwischenfall könnte globale Märkte erschüttern. Der Schwarze Peter läge bei den USA.
Strategische Wette ohne Gewissheit
Eine US-Intervention hätte nur dann Aussicht auf strategischen Erfolg, wenn mehrere Bedingungen erfüllt wären: klare und realistische Zieldefinition, regionale Unterstützung oder zumindest Neutralität, wirksame Sicherung der Energie- und Handelsrouten sowie ein tragfähiges politisches Konzept für die Zeit nach den Kampfhandlungen. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, droht eine Eskalation ohne klaren Endzustand.
Die zentrale Gefahr liegt in der Diskrepanz zwischen militärischer Machbarkeit und politischer Wirkung. Luftschläge können Infrastruktur zerstören – wie die Aktion im Juni 2025 gezeigt hat, auch erheblich –, aber sie garantieren weder Verhaltensänderung noch Systemwandel. Wie im Fall Russlands in der Ukraine könnte sich auch hier das Rechnen mit raschen Ergebnissen als Illusion erweisen.
Eine weitere militärische Intervention der USA wäre kein isoliertes Ereignis, sondern ein Katalysator regionaler und globaler Dynamiken. Sie könnte inneriranische Machtkämpfe beschleunigen – oder im Gegenteil die Hardliner stärken. Sie könnte die Glaubwürdigkeit amerikanischer Abschreckung erhöhen – oder in einen langwierigen, kostenintensiven Konflikt münden. Vor allem aber würde sie die Weltwirtschaft unmittelbar betreffen. Die Entscheidung über eine solche Intervention ist daher weniger eine Frage militärischer Überlegenheit als eine strategische Wette auf politische Wirkungen – deren Eintritt alles andere als sicher ist. Und diese Wette könnte, Stand heute, schon in den nächsten Tagen eingelöst oder verworfen werden.