Die Ära der Werte ist nicht vorbei

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Die Ära der Werte ist nicht vorbei

Von Urs Meier, 03.12.2018

Ein Leitartikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“ zelebriert coole Illusionslosigkeit als intellektuellen Chic.

Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, hat am vergangenen Samstag seines Amtes gewaltet und der Leserschaft auf der Front seines Blattes die Zeitansage durchgegeben. Unter dem apodiktischen Titel „Die Ära der Werte ist vorbei“ erklärt er die westliche Politik seit 1990 für gescheitert. Diese habe nach dem Ende des Kalten Kriegs den Pfad des Pragmatismus verlassen und sich mit einer „Überschätzung des Völkerrechts und der ‚internationalen Gemeinschaft’“ gewissermassen selber aus dem Spiel der Mächte genommen.

Aufhänger für diese Abrechnung ist der Uno-Migrationspakt. Gujer sieht in dem zunehmend umstrittenen Abkommen den erneuten Beweis für die notorische Hybris der Weltorganisation. Sie erwecke einmal mehr „den falschen Eindruck, sie könne in die Zeitläufte eingreifen“. Über diesen Einwand lässt sich diskutieren. Der Pakt schiesst in seinem Totalitätsanspruch und Perfektionismus tatsächlich übers Ziel hinaus. Nicht zuletzt wegen seiner Überfrachtung wird er wohl als eine der vielen gutgemeinten und wirkungslosen Deklarationen enden, die der internationale Konferenzbetrieb immer wieder produziert.

Neben diesem Treffer macht Gujer in seinem Rundumschlag noch einige weitere Punkte, bei denen man seinen Argumenten einiges abgewinnen kann. Es stimmt und niemand bestreitet es, dass die Uno bei ihren Versuchen der Konfliktbeilegung eine durchzogene Erfolgsbilanz hat. Zudem hat sie sich mit ihrer 2005 beschlossenen „Responsibility to Protect“ (R2P) – dem Mandat, Unrechtsregimen in den Arm zu fallen – offensichtlich zu viel vorgenommen.

Die Weltorganisation mag vielleicht einen Hang haben, allzu gross zu denken und sich unerreichbare Ziele zu setzen. Ihr deswegen vorzuwerfen, sie vernachlässige das Engagement für klar begrenzte praktische Aufgaben, ist jedoch ungerecht. Denn die Uno und ihre Sub-Organisationen sind auf zahlreichen Feldern aktiv, in denen sie beharrliche und wirkungsvolle Arbeit leisten. Nur finden solche Einsätze meistens keine Beachtung in den Medien – auch in der NZZ nur sehr selten.

Doch Gujer geht es nicht um ein abwägendes Urteil über die Versuche, eine von Werten geleitete Staatengemeinschaft aufzubauen. Vielmehr behauptet er deren endgültiges Scheitern und – daraus folgend – das Aus für die „Ära der Werte“. Es ist eine Absage voller Genugtuung, die aus seinem Leitartikel spricht. Gujer sonnt sich in der Rolle dessen, der es schon immer gewusst hat. Wie naiv sie doch waren, die Verfechter von Völkerrecht und Menschenrechten: „Wenigstens für einen Augenblick schien es, als setze sich in der Welt das Wahre, Schöne und Gute durch.“ Und weiter: „Keine Aufgabe konnte gross genug sein, Pragmatismus galt als Verrat an den moralischen Zielen.“ Damit ist nun Schluss, jedenfalls wenn man es mit dem intellektuellen Chic eines Robert Kagan hält, der doziert: „The jungle grows back.“

Gujer kennt Moral nur in Form von weltfremdem Idealismus, und der ist nun durch „ein Rollback der Realpolitik“ obsolet. Erledigt sind nicht nur Migrationspakt, R2P, Vermittlung in Syrien und wahrscheinlich das (von Gujer nicht erwähnte) Pariser Klima-Abkommen, sondern auch Völkerrecht und Menschenrechte, die er ausdrücklich in seine Generalabrechung einbezieht. Denn was könnte grösser gedacht sein und sich als weniger durchsetzbar erwiesen haben als die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948.

Ein Grund für Gujers Schieflage ist sein unzureichender Begriff von Moral. Er kennt sie offenbar bloss als abgehobene Weltfremdheit und selbstgerechten Moralismus. Dass Moral in der reflektierten Form von Verantwortungsethik sich mit harten Realitäten und realen Wirkungsmöglichkeiten redlich auseinandersetzt, will Gujer nicht in Betracht ziehen. Wäre ja auch schade um die schöne Headline seines Leitartikels. Denn für eine rationale Ethik sind Werte eben nicht passé, sondern unverzichtbar.

Am Schluss seiner Eloge der Illusionslosigkeit sucht Gujer einen milderen Ton. Weder „Moral vor Macht“ noch „Macht vor Moral“ seien als Devisen tauglich. Es bleibe nur ein Mittelweg, mithin die „gelassene Selbstbeschränkung in einer aus den Fugen geratenen internationalen Ordnung“. – Gelassene Selbstbeschränkung: Das wäre auch eine Empfehlung für Chefredaktoren, die mit Rundumschlägen zwecks Zeitansage vor ihre Leser treten.

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Kommentare

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Da kann ich nur zustimmen und das in einer Zeit, die Qualitätsjournalismus bitter nötig hätte...

Wer liest denn schon/noch die NZZ...

Ich habe es hier mit Gottfried Keller: „ Im Hause muss beginnen, was blühen soll....“
Den Werteverlust in der Weltpolitik zu beurteilen ist sehr komplex und zeigt deshalb viele Facetten. Trotzdem: Ich habe mich sehr gefreut über Herrn Gujers Titel in Grossbuchstaben.Er sagt etwas aus, was den Zustand unserer heutigen Gesellschafts-Kultur beschreibt . Und dann bin ich eben bei Gottfried Keller da ich das Gefühl habe , Grund-Werte des Zusammenlebens seien verloren gegangen , eben „im Hause“.
Herr Urs Meyer, erweitern Sie Ihre Gedanken auch in der Richtung, z. Bsp. welche Werte junge Schüler heute mit in die Schulgemeinschaft mit- oder einbringen.
Ich beneide die Lehrpersonen von heute nicht.

Eine Wohltat Herr Meier auf die black-white Sicht eines etwas abgehobenen Journalisten, wir nehmen's mit Humor.

Die westlichen Werte? Gujer hätte allen Grund die christliche Kirche als "gescheitert" zu erklären! ;) Danke für Ihren ZwIschenruf!

Danke, Herr Meier, für diesen Zwischenruf.

Guyer's Paukenschlag war natürlich gezielt, mit offengelassenem Hintertürchen. Wie eben im Tagi (und vorher in NZZ online) kommentiert, ist (Aussen)Politik IMMER wertebasiert; die Frage ist, WELCHE Werte man vertritt! Die Auseinandersetzung zwischen Realismus und Idealismus ist permanent und diese Diskussion muss geführt werden, mit offenem Visier. Realitätsfremder Idealismus kann ebenso in die Irre führen wie ein Realismus, der jede Ideale vermissen lässt.

Danke für diese sehr präzise Analyse eines Leitartikels, der Ausdruck einer zynischen Wahrnehmung der realen Probleme dieser Welt ist aus einer Haltung a-moralischer Überheblichkeit. Wenn der Chefredaktor einer Zeitung, die sich gerne als Weltblatt sieht, am Ende dieses ideologischen Verrisses bei der gelassenen Selbstbeschränkung (nach dem Ende der Werte-Ära) endet, muss man fast Mitleid haben! Mehr Bescheidenheit käme gewiss der Analyse zugute.
A. Imhasly

danke ,sie haben mir aus dem herzen gesprochen!konnte vor ärger kaum einschlafen....danke für ihren artikel ada hauser koller

Dieser Kommentar ist hellsichtig und notwendig.
Er sollte als Leserbrief in der NZZ publiziert werden.
Ihre Einschätzung teilen bestimmt viele Leserinnen und Leser.
Vielen Dank.
M. Muff

Nicht hinten bei den Leserbriefen , sondern Seite 1, NZZ Samstagausgabe

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