Der Wert der Medien

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Der Wert der Medien

Von Urs Meier, 22.12.2014

Unter Aufgewühlten ernten Medien Verachtung und Hass. Anderswo herrschen Gleichgültigkeit und Desinteresse. Und das ist das grössere Problem.

Pegida-Aktivisten, Anhängerinnen von Verschwörungstheorien und andere erboste Leute sind sich darin einig, dass die Medien einseitig, ideologisch gesteuert, von düsteren Mächten gekauft sind. Für Verächter der angeblichen «Mainstream»-Medien ist die Welt definitiv eingeteilt; den so errungenen Durchblick lassen sie sich nicht mehr nehmen.

Neben diesem militanten Generalverdacht gibt es eine abgeschwächte, dafür aber viel weiter verbreitete Aversion. Sie besteht in der Unlust, sich mit journalistischen Erzeugnissen abzugeben, zumal in deren Urform, der abonnierten oder einzeln gekauften Zeitung. Die Medien würden ja nur Negatives berichten, die Welt schwarzmalen, den Lebensgenuss vergällen; zudem spiele es sowieso keine Rolle, ob man über all die Dinge täglich informiert sei oder nicht.

Um das Nötigste mitzubekommen, ist man tatsächlich nicht auf herkömmliche Medien angewiesen. «Wenn die Nachricht wichtig ist, wird sie mich finden.» Diese berühmte Antwort eines Jugendlichen auf die Frage nach seiner Mediennutzung hat die «New York Times» im März 2008 veröffentlicht. Sie gilt inzwischen längst nicht mehr allein für Digital Natives. Meldungen aus allen möglichen Quellen gelangen zu uns über Twitter und Facebook, in Newsletters und Blogs, auf Youtube und diversen anderen Plattformen. Eine unüberschaubare Menge alter und neuer Kommunikationsströme durchpulst den Alltag und erzeugt ein Rauschen und Summen, dem ohnehin kaum jemand entkommt.

Könnte das nicht genügen? Einer Mehrzahl von Zeitgenossen reicht anscheinend, was an Newspartikeln herumschwirrt. Ob die permanente Massage mit beiläufig wahrgenommenen Messages ein erhellendes Bild der Welt ergibt, treibt erstaunlich wenige um. Für die Mehrheit steht im Vordergrund, was unmittelbar auf ihr Wohlergehen einwirkt.

Diese Selbstgenügsamkeit braucht man nicht zu kritisieren. Man sollte aber keine Unklarheit darüber aufkommen lassen, dass eine so gleichgültige Haltung für die Bewältigung mancher Anforderungen halt nicht ausreicht: Sie verträgt sich schwerlich mit dem Anspruch auf eigenständiges Denken, taugt nicht zur Mitwirkung an der Gestaltung sozialen Zusammenlebens und steht verantwortlichen Entscheidungen in Kultur, Politik und Wirtschaft im Weg. Aktive und reflektierte Teilnahme setzt die Gewohnheit und Fähigkeit voraus, Quellen in ihren Kontexten zu orten, sich mit Positionen kritisch und vergleichend auseinanderzusetzen und so eigene Standpunkte oder Fragen zu finden. Ohne kritischen Gebrauch von Medien gibt es das nicht.

Die EU hat Steuergelder in Höhe von 13,45 Millionen Euro ausgegeben, um ihr Image aufzubessern. Die „poetische Kampagne“ wurde allerdings nur in Medien geschalten, deren „Leser der EU neutral gegenüberstehen“. Das bedeutet eine kreative Interpretation des Begriffs der Pressefreiheit: Nicht die Beschäftigung mit dem Thema ist für eine Werbeschaltung relevant, sondern das Wohlverhalten der Leser. Das schlimmste und negativste an der EU
ist der starke Einfluß der USA und der Lobbyisten auf die EU. Auch
der schwindende Enfluß der einzelnen Regierungen und Bürger
auf die Entscheidungen der EU macht den EU-Bürgern Angst.

Wenn Nachrichtenmedien zur Desinformation
dienen, dann verdienen sie nur Verachtung.
Wenn Nachrichtenmedien zur Kriegsvorbereitung
mißbraucht werden, dann ist das ein Verbrechen.
Solche Zeitungen mit Begründung kündigen.

Sind wir wirklich "politikverdrossen"? Ist es nicht eher so, dass wir eher "politikerverdrossen" sind?
Ich vermute, dass Medienschaffende dazu den Anlass geben. Aus irgend einer Nachricht kann ein gerissener Kommentator durchaus etwas so machen, dass die Empfänger derselben nicht mehr wissen, was stimmt und was falsch ist. Vor diesem ""Sündenfall" ist vermutlich kein Journalist gefeit. Entschuldigen kann man das nur mit der Anerkennung der Tatsache, dass heutzutage die Nachrichtenübermittlung im Eiltempo geschehen muss.

@ Anonymous: Habe ich, glaub ich, auch so geschrieben; Politikerverdrossen. Ist aber zugegebenermassen ein schwer zu lesendes Wort. Bereitet uns aber keinen Verdruss..
Guten Rutsch!

Die Tatsache, dass hier seit einer Woche keiner widerspricht, unterstützt Ihren Artikel.
Ihre Worte in Gottes Ohr, oder noch besser an der Wandtafel in jedem Schweizer Schulzimmer. Allerdings wird dies in unserem Land nicht geschehen, denn es wird sich immer eine gutmenschentümliche Gruppierung finden, welche sich erfolgreich dagegen wehren wird.

Die jungen Menschen haben kein Interesse an Politik, weil sie offenbar glauben, auch ohne sie auszukommen. Dieser Umstand ist ihren Eltern, aber auch unseren Lehrerinnen und Lehrern zu verdanken. Vielen jedenfalls, nicht allen natürlich.

Kommt dazu, dass wir allgemein Politikerverdrossen sind; nicht etwa Politikverdrossen.

Der Umstand ist nicht den LehrerInnen zu verdanken, sondern den Politikern aus dem rechten Lager, welche schon die schulische Erziehung zu Anstand und Respekt für eine Indoktrination halten. Dass junge Leute sich nicht mehr für Politik interessieren, erklärt sich dadurch, dass die Jungfreisinnigen und die SVP unsere Kinder zur Partygesellschaft abrichten. Solange der Stutz kommt, wehrt sich der Geldadel auch erfolgreich gegen die Massnahmen gegen Lärm und Littering und baut in den Medien weiterhin die Kulturberichterstattung ab.

Bildung ist nämlich überflüssig, denn sie könnte uns ja zum selbständigen Denken verleiten. So häufen sich PR-Artikel, die Werbung für die Kinoagenda, Popmusik und TV-Serien machen, wobei häufig der Veranstalter demselben Verlag angeschlossen ist. Dass bei Kultur, die diesen Namen verdient, Denkarbeit und Reflexion erfordert wird, kommt den Verantwortlichen gar nicht mehr in den Sinn. Das ist mithin ein Grund, warum ich den Tamedia-Betrieb oder die Kulturfunktionäre bei SRF2 Kultur zutiefst verachte.

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