Der Spuk ist vorbei

Heiner Hug's picture

Der Spuk ist vorbei

Von Heiner Hug, 29.01.2018

Donald Trump ist wieder in Washington. Und das ist gut so. Ein Kommentar.

Seit Monaten stellten auch die seriösen hiesigen Medien Donald Trump an den Pranger: seine menschenverachtende Politik, seine Rüpelhaftigkeit, sein Aufbrausen, seine Lügen. Dann kommt er in die Schweiz – und die gleichen Medien kriechen vor ihm. Nicht nur die Medien, auch Wirtschaftskapitäne.

Ein Zürcher Leitmedium, das über Monate hinweg (zum Glück) sehr kritisch über Trump berichtete, schreibt nun einige Tage vor dem Besuch: „Vorfreude auf Trump“.

Natürlich soll die Visite eines amerikanischen Präsidenten medial gebührend begleitet werden. Es geht hier nicht um Trump, es geht um die plötzliche Euphorie, die ausgebrochen war. Nicht nur der Boulevard, auch seriöse Blätter gerieten in eine huldigende Erregung: in ein eigentliches Entzücken.

Der Blick-Chefredaktor ergattert sich gar ein Autogramm für seine Zeitung. Journalismus muss Distanz zur Macht haben. Wer als Journalist von einem Machthaber um ein Autogramm fleht, ist kein Journalist.

Die Live-Tickers meldeten dann Hunderte „Breaking News“, zum Beispiel:

  • Der Riesekonvoi von Trump ist beim Kongresshaus eingetroffen.
  • Blick-Reporter hautnah mit dem Pressecorps des Weissen Hauses.
  • Im Kongresshaus warten die Medien.
  • Einmarsch von Donald Trump.
  • Auch Philipp Hildebrand ist gespannt auf die Abschlussrede von Trump.

Den Vogel abgeschossen hat dann das Zürcher Leitmedium: Einige Stunden vor Trumps Rede hiess es: „Wir spekulieren, was Trump um 14 Uhr in seiner grossen Rede sagen wird.“ Spekulieren, was er sagen wird. Ist das einer grossen Zeitung würdig, oder wäre das eher der Titel eines Satireblattes?

Weiter mit den Breaking News:

  • Alain Berset hat sich auf das Treffen mit Trump vorbereitet.
  • Helis warten schon auf den Abflug von Trump.
  • Flughafen öffnet Zuschauerterrasse – letzte Chance für einen Blick auf die Air Force One.
  • Dann die schlechte Nachricht: „Die Air Force One ist relativ weit von der Zuschauerterrasse parkiert, aber man sieht sie.“
  • Dann die Erlösung: Trump ist schon in der Luft.

Was für ein toller, relevanter Journalismus.

Die NZZ schreibt nach dem Abflug des Präsidenten: „Der Besuch des US-Präsidenten in Davos hat die Schweiz in einen zweiwöchigen Ausnahmezustand versetzt.“ Die Schweiz? Nein, gewisse Medien befanden sich im Ausnahmezustand. Es ist anzunehmen, dass der Mehrheit der Schweizer Bevölkerung Trumps Visite ziemlich egal war. Oder sie verfolgten ihn mit gebührendem Grauen.

Doch nicht nur die Medien lagen dem Präsidenten zu Füssen. Unsere Wirtschaftsführer, jene, die mit Trump zu Abend essen durften, und die Trump dann als „meine neuen 15 Freunde“ bezeichnete, machten einen fast unappetitlichen Bückling. Natürlich muss man den hohen Gast nicht brüskieren. Aber etwas mehr Distanz wäre angezeigt gewesen: etwas mehr Haltung, etwas weniger geifernde Huldigung, etwas mehr Klasse. Wie viele von ihnen haben vor noch kurzer Zeit Trump kritisiert. Doch wenn es darum geht, Geld zu verdienen, viel Geld zu verdienen, noch mehr Geld zu verdienen, wirft man jede Haltung innert kürzester Zeit über Bord. Beim Tanz ums Goldene Kalb wirkt jeder dieser Wirtschaftsführer wie ein Dagobert Duck mit den Dollarzeichen in den Augen.

Klaus Schwab, der Gründer des WEF, betont ja immer wieder, dass das Forum die Welt gerechter und friedlicher machen will. So standen denn auch Themen wie Syrien, das Klima und der Hunger auf der Tagesordnung. Doch all dies waren Nebenschauplätze.

Ziel sei es, die Wirtschaft zu stärken, sagt Schwab. Sicher schafft eine starke Wirtschaft Arbeitsplätze und Wohlstand. Doch während dieser Grundsatz wiederholt und wiederholt wird, öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter. Das WEF sollte vielleicht aufhören, sich als Weltverbesserer in Szene zu setzen. Es geht in Davos in erster Linie ums Geld verdienen. Das diesjährige Treffen hat dies überdeutlich gemacht. Zwar geben viele Teilnehmer vor, die Probleme dieser Welt lösen zu wollen. Doch dazu müssten sie sich selbst abschaffen. Denn die Probleme, die sie angeblich lösen wollen, sind sie selbst. Sie und ihre Politik.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Mit grossem Interesse lese ich immer gerne Journal 21.
Heute möchte ich mich bei Ihnen bedanken für Ihre Beiträge insbesondere den von gestern "Der Spuk ist vorbei" bedanken. Sie schreiben was Sache ist. Einfach grossartig. Ich habe den Artikel auf meine Facebookseite gestellt, da es eine Antwort sowie treffende Ergänzung ist, was ich vor ein paar Tagen ins FB gestellt habe betreffend dem Besuch von D.T. in Davos. Vielen Dank.

Das Einzige was man Trump zu Gute halten könnte, ist, dass er sich als amerikanischer Präsident zuerst für sein Land und seine Bürger einsetzen will - wenn er es denn macht -, was man leider von vielen VolksvertreterInnen, in der europäischen Hemisphäre, nicht behaupten kann!

Ganz herzlichen Dank für diesen Kommentar! Einer der wenigen, die noch Mut zur Ehrlichkeit zeigen. Die meisten anderen Medienleute (und Politiker!) "glänzten" leider durch kriecherische Anpasserei. Das ist auch eine Charakterfrage: Wer zuerst (weil das im Mainstraem jeder andere auch macht) Trump kritisiert und sich enerviert – und dann nur noch salbadert und hofiert, wenn der Hanswurst (mit 5 Helikoptern!!!) angeflogen kommt, offenbart einen ganz schwachen Charakter. Das zeigt sich vorab an der Sprache: Unser "Président" Bérset sprach in Davos immerhin noch Französisch, und Frau Merkel Deutsch. Ganz übel hingegen der "Président des banques et des riches" Emanual Macron, der sich dem selbsternannten "Master of the Universe" aus Washington in holprigem Expats-English anzubiedern versuchte. "So low, so sad!" Niklaus Ramseyer, BERN

Das WEF hat sich mit diesem Auftritt um seine Glaubwürdigkeit gebracht - unwiderruflich. Und Davos ist kein Ort der Vermittlung mehr, sondern einzig und allein eine Abzockstelle, die sich mit dieser Veranstaltung die eigenen Taschen wieder einmal tüchtig gefüllt hat.

Herzlichen Dank Herr Hug für ihre klare, sachliche Einschätzung. Bleiben sie ihrer Art der Berichterstattung treu - ich schätze Journal21 sehr.

Ich habe es immer schon gesagt. Unsere Politiker und damit auch die Mehrheit unserer Schweizer Bevölkerung sind bestenfalls bauernschlau. Händeringen, versteckt grinsen, sich ein bisschen unterwürfig zeigen und immer überzeugt sein, den Fünfliber eingesackt zu haben ohne dass es der andere gemerkt hat. Wichtigeres oder auch Schlimmeres kann ich aus "Schweiz begrüßt Trump" nicht herausfiltern: Mittelmaß, wie gewohnt!

Ja zum Glück ist der Spuk vorbei. Zum ordentlichen Dämonisieren braucht man etwas Abstand. Und die Wahrheit erkennt man bekanntlich besser aus der Ferne.

Dies ist für mich ein Grund meine Abo's mit den CH-Medien zu kündigen. So einen Bull-Shit mag ich nicht mehr lesen, geschweige denn noch zu bezahlen. Danke für den Kommentar, der trifft genau zu.

Es war unappetitlich, wie gewisse Medien Trump und seine Entourage hofierten. Den Vogel abgeschossen hat der "Blick" und sein Chefredaktor Dorer, der auf Autogrammjagd ging. Mir kam es vor, als hätte ein Teil der hiesigen Journalisten endlich den Raum in der Welt bekommen, den sie ansonsten nie haben. Natürlich geht eine solche Hofberichterstattung nicht, auch wenn es galt gegenüber einem demokratisch gewählten Präsidenten, wie Trump, den Anstand zu bewahren. Aber wie gesagt: Die Schweiz stand für einmal im Zentrum der Welt, was offenbar sowohl Politikern wie auch Journalisten und Wirtschaftskapitänen wunderbar bekam. Wie devote Wirtschaftsführer um Trump herum scharwänzelten, um von Geschäften profitieren zu können, war an Schleimereien nicht mehr zu überbieten. Und solche Herren sollen die Welt retten oder sich zumindest für mehr Gerechtigkeit einsetzen? Diese Herren haben vielmehr gezeigt, was sie wirklich können: Profitmaximierung um jeden Preis. Schwab sollte endlich Farbe bekennen und dazustehen, dass ausser Geschäften rein gar nichts an diesem Treffen der Plutokraten verbindlich ist. Weder in Sachen Menschenrechte noch in Sachen Klimapolitik. Dass der Steuerzahler diese Farce noch berappen muss, ist nur noch die Spitze des Eisbergs. Und der schmilzt dahin wie der Glaube an Politik und Wirtschaft, die dem Gemeinwohl verpflichtet wären. Die Journalisten hätten die verdammte Pflicht, über das zu berichten, was jeweils versprochen wird und noch nie eingehalten wurde.

Wäre es nicht angebracht, den Davoser Weltwirtschaftszirkus in den Trump Tower nach New York zu verlegen?

Danke Herr Hug für Ihren Beitrag. Hoffentlich lesen ihn die Richtigen ...

Danke Herr Hug für Ihren Beitrag. Das Ganze Getue um den Besuch dieses unappetitlichen Typen und um das WEF an und für sich war wirklich für mich einfach nur widerlich und unsere Bundesräte haben eine zweifelhafte Figur abgegeben. Hoffentlich besinnen sie sich wieder auf ihre eigentliche Aufgabe, nämlich als Kollegialbehörde unser Land zu leiten.

Danke für diesen Kommentar! Die Haltung vieler Medienleute und die Haltung der ganzen geldgetriebenen Finanzoligarchie war grässlich und entlarvend.
Zwei Dinge haben sich klar gezeigt. Politik hat heute viel mehr mit Glanz und Gloria, denn mit Verantwortung und Berechenbarkeit zu tun und vor der Moral kommt eindeutig das Fressen.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren