Der lange Schatten des Kalifen al-Baghdadi

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Der lange Schatten des Kalifen al-Baghdadi

Von Reinhard Schulze, 28.10.2019

Die Nachricht vom Tod des Anführers des sogenannten „Islamischen Staats“, Abu Bakr al-Baghdadi, kam überraschend.

Augenzeugen twitterten am frühen Morgen des 27. Oktober, dass acht Kampfhubschrauber im Dorf Barisha (Bārīshā), gut 5 km südlich der Grenze zur Türkei in der syrischen Provinz Idlib gelegen, gelandet seien und einen Wohnkomplex im Ort sowie eine kleine Autokolonne angegriffen hätten. Auf Videos waren Explosionen zu sehen und zu hören, und eine war wohl von al-Baghdadi selbst ausgelöst worden. Bei der Detonation sind seine zwei Frauen und drei seiner Söhne getötet worden. Die angreifende amerikanischen Navy Seals hatten ein kurzes Gefecht auszutragen, ehe sie sich mit DNA-Spuren der Getöteten und Dokumenten zurückzogen. Elf Kinder liessen sie in der Obhut lokaler Helfer.

Viele Informanten

Operativ war es wohl ein rein US-amerikanisches Unternehmen. Im Hintergrund waren aber wohl viele Dienste aktiv. Angeblich hatte der irakische nationale Geheimdienst den genauen Wohnort von al-Baghdadi vor etwa 14 Tagen ausfindig gemacht. Doch auch Informanten der kurdisch-arabischen SDF (Syrische Demokratische Kräfte) wollen den USA den entscheidenden Tipp gegeben haben. Iran seinerseits bringt das Regime von Damaskus ins Spiel und gibt an, dass der syrische Geheimdienst die Amerikaner informiert habe. Und sogar die Türkei reklamiert für sich das Privileg, mit den USA beim Aufspüren von al-Baghdadi kooperiert zu haben.

Wenn es stimmt, dass al-Baghdadi versuchte, aus dem Wohnkomplex durch einen Tunnel zu fliehen, um sich zur türkischen Grenze durchzuschlagen, dann stellt sich die Frage, auf wessen Unterstützung er meinte bauen zu können. Allein schon die Tatsache, dass er sich in einem Dorf, das im Machtbereich der Befreiungsorganisation der Levante HTS (hay᾽at taḥrīr ash-Shām), des wichtigsten Rivalen des „Islamischen Staats“ in Syrien, aufhalten konnte, wirft Fragen auf. Die Frage der Unterstützung stellt sich auch in Bezug auf al-Baghdadis Rückzug nach Barisha: Um dorthin zu gelangen, musste er entweder türkisch kontrolliertes Gebiet um Afrin, also Gegenden unter kurdischer Kontrolle, oder den Machtbereich des Regimes von Damaskus und seiner alliierten Milizen durchqueren.

Baghdadi in der Falle?

Wann al-Baghdadi in Barisha eintraf, ob er Komplizen hatte oder ob einfach Bestechung ihm und seinem Tross den Weg in den Nordwesten von Idlib bahnte, ist noch unklar. Es gibt Nachrichten, wonach al-Baghdadi erst vor zwei Tagen dort eingetroffen und nur auf Durchreise gewesen war. Das würde erklären, warum er sich ohne Wissen der HTS dort aufhalten konnte und warum er just einen Ort im Feindesland gewählt hat, wo er gewiss nicht mit Unterstützung rechnen durfte.

Es mag eine reine Koinzidenz sein, dass al-Baghdadi zu dem Zeitpunkt aufgespürt wurde, als sich die amerikanischen Truppen aus dem syrisch-türkischen Grenzgebiet zurückgezogen hatten. Und doch deutet sich ein Zusammenhang an: Vor knapp drei Wochen begann nach dem überstürzten Rückzug der etwa 1’000 amerikanischen Soldaten die türkische „Operation Friedensquelle“. Die amerikanischen Truppen wurden im Osten der Region Rojava und in der Gegend von Deir az-Zor neu aufgestellt, und zudem wurde Verstärkung durch gepanzerte Fahrzeuge und weitere Bodentruppen versprochen. Wollten die USA damit ihre Truppen vor etwaigen Racheakten des „Islamischen Staats“ schützen? Und warum wurde just in diesen Tagen immer wieder die weiter bestehende Gefahr einer Restauration der Macht des „Islamischen Staats“ angesprochen? War damals schon klar, dass al-Baghdadi in der Falle sass?

„Der Professor“

Antworten hierzu wird es nicht so schnell geben. Denn weitere Enthüllungen könnten den Umfang der geheimdienstlichen und teilweise militärischen Kooperation deutlich machen, die sogar zwischen den Kriegsparteien besteht. Die USA, Russland, Damaskus, Iran, die Türkei und die SDF in Rojava, sie alle behaupten, einen Anteil an der Aufklärung gehabt zu haben, die schliesslich zu den dramatischen Ereignissen in Barisha führten. Ob diese grosse Koalition auch auf anderen Feldern wirksam war?

Der „Islamische Staat“ rechnete schon seit einiger Zeit mit einem möglichen Kommando-Unternehmen der Amerikaner. Der Erzjihadist und Ahne des „Islamischen Staats“, Abū Musʿab az-Zarqāwī, war im Juni 2006 von amerikanischen Spezialeinheiten östlich von Bagdad aufgespürt und bei einer Bombardierung seines Verstecks getötet worden. Im Mai 2011 töteten Navy Seals Usāma Bin Lādin in seinem Anwesen im pakistanischen Abbottabad. Und auch andere prominente Jihadisten waren bei solchen Kommandoaktionen oder Drohnenangriffen getötet worden. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann al-Baghdadi aufgespürt würde. Daher haben die Kommandanten des „Islamischen Staats“ schon im Frühsommer 2019 begonnen, einen Nachfolger von al-Baghdadi aufzubauen. Die Wahl fiel auf Muhammad Saʿid al-Mawla, genannt Abdallāh Qirdāsh, einem 43-jährigen irakischen Turkmenen aus Talʿafar in der Gegend von Mossul.

Qirdāsh war zusammen mit al-Baghdadi im Camp Bucca, einem amerikanischen Gefangenenlager im Süden des Irak, und hatte gemeinsam mit ihm nach der Freilassung 2004 Karriere bei den Protogemeinschaften des „Islamischen Staats“ gemacht. Qirdāsh gilt als „der Professor“: Er versteht sich als islamischer Gelehrter, der sich ganz der exklusiven und elitären al-'Afriya-Tradition verschrieben hat. Diese folgt der Tradition von ʿAbdarrahman Mustafa al-Qādūlī, genannt Abu l-Aʿlā al-ʿAfrī, der lange Zeit als möglicher Nachfolger von al-Baghdadi gehandelt worden war. Doch auch er war bei einem amerikanischen Angriff im März 2016 getötet worden.

Nun werden die Kommandanten des „Islamischen Staats“ bemüht sein, so schnell wie möglich einen Nachfolger des Kalifen zu bestimmen; fraglich ist, ob dieser auch wieder Kalif sein oder einfach nur als der „Emir“ des „Islamischen Staats“ gelten wird. Fraglich ist allerdings, ob der „Islamische Staat“ seinen Dachverband noch beibehalten oder ob er seine regionalen Bünde in die „Unabhängigkeit“ entlassen wird. Manche der verbliebenen Kämpfer des „Islamischen Staats“ werden versuchen, sich anderen lokalen jihadistischen Bünden anzuschliessen. Andere werden auf Rache sinnen und versuchen, nochmals lokale Unterstützer etwa in Rojava zu mobilisieren. Wieder andere werden ausserhalb Syriens und des Iraks Pläne schmieden, wie die Tötung durch terroristische Aktionen „gesühnt“ werden kann. Der lange Schatten al-Baghdadis wird also auch über seinen Tod hinaus bestehen bleiben.

Kommentare

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Jeder Mensch der Welt hat das Recht darauf, dass auch in Kriegszuständen die Genfer Konventionen, die Haager Landskriegsordnung und die juristischen Verfahrensgarantien eingehalten werden. Das heisst; Unschuldsvermutung bis in einem rechtsstaatlichen, fairen Verfahren die Schuld bewiesen ist. Recht auf Mitteilung, Recht auf Anhörung, Recht auf Verteidigung, Schutz der körperlichen Unversehrtheit und vor Gewalt und Willkür. Handeln der staatlichen Organe in gut Treu und Glauben, Diskriminierungsverbot und so weiter und so fort. Wer kennt es nicht...

Auch die Jeziden hatten das Recht in Frieden zu leben. Sie wurden von der IS, auf ausdrücklichen Befehl von Baghdadi, verfolgt, versklavt und beinahe ausgemerzt. Baghdadi war ein Massenmörder.

Es ist sehr gut wenn Abu Bakr al-Bagdadi ausgeschaltet wurde. Genau solche kriminellen Figuren begeistern viele Muslime die hier in Europa nichts auf die Reihe bekommen und nur dank reichlich Sozialhilfe überlebendsfähig sind, aber tief im Innern vom Gefühl beseelt werden, dass sie zu Höherem berufen sind und ihre Religion unbedingt die Welt beherrschen sollte. Es ist eben einfacher mit einer Schusswaffe Leute umzubringen oder Menschen mit dem Messer zu enthaupten, als in Europa einen Schulabschluss hinzukriegen.

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