Das verpönte Dogma

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Das verpönte Dogma

Von Urs Meier, 28.06.2013

Undogmatisches Denken zu propagieren, verpflichtet zu nichts. Zudem unterschlagen solche Parolen gern, was an historischer Auseinandersetzung zu einer fruchtbaren Wertedebatte gehört.

«Ganz undogmatisch» zu denken, zu reden oder überhaupt zu sein, das ist ein Gütesiegel, das man sich heute kostenlos und ungeprüft selber zuspricht. Dogmatisch sind immer die andern, so wie ja auch das Befangensein in Ideologien nie bei sich selbst, sondern grundsätzlich bei anderen diagnostiziert wird. Das Wort Dogma ist heutzutage gleichbedeutend mit unfreiem Denken, allenfalls auch mit Unfähigkeit und Unwilligkeit zu denken oder – etwas robuster ausgedrückt – Brett vor dem Kopf. Das war nicht immer so. Dogmen hatten in der Geistesgeschichte lange ihren festen Platz; und der verschwindet nicht einfach aus der Kartografie des Denkens, bloss weil der Begriff uncool geworden ist.

Anleihen bei antiker Philosophie

«Dogma», das griechische Wort aus der Bildungssprache des Hellenismus, meint ursprünglich «Meinung», «Entschluss», «Beschluss», dann auch «Erlass» einer (politischen oder göttlichen) Autorität. Schliesslich steht es für «Lehre» im Sinn einer Doktrin in Medizin, Recht oder Philosophie. Die Stoa, eine lebenspraktisch ausgerichtete Denkschule der Antike, verstand unter «Dogma» eine universale Erkenntnis über das Wesen des Menschen und des Weltgeschehens, die als orientierende Grösse unverzichtbar war. Solche Dogmen waren begründet in der Vernunft und bewährt in langer Tradition.

Das frühe Christentum übernahm den Begriff des Dogmas zunächst für seine autoritativen Entscheidungen in den zahlreichen Kämpfen, in denen es um Abgrenzung von rivalisierenden religiösen Gruppierungen sowie um die Klärung interner Glaubens- und Interpretationsstreitigkeiten ging. Lehren, die bis in unsere Zeit als genuiner Kernbestand des Christentums gelten – die Dreieinigkeit Gottes oder die zwei Naturen Christi (nämlich die göttliche und die menschliche) – wurden in langwierigen Kämpfen erstritten und auf den Konzilen der Alten Kirche vom 4. bis 8. Jahrhundert geklärt.

Dogmen als Machtinstrumente

Es waren also komplizierte historische Prozesse, aus denen die verbindliche Formulierung von Glaubensinhalten hervorging. Und wie meistens in der Geschichte spielten auch hier Machtinteressen eine erhebliche Rolle. Nicht anders verhielt es sich in späteren Phasen der Dogmatisierung. In ihrem Abwehrkampf gegen die Reformation befestigte die katholische Kirche im Konzil von Trient (1545-63) ihre lehrmässige Position mittels einer Reihe von dogmatischen Dekreten. Im 19. Jahrhundert, als die katholische Kirche den Gegner im sogenannten Modernismus sah, rüstete sie ihre Doktrin gewissermassen mit einem Superdogma auf: Die Unfehlbarkeit des Papstes, im Ersten Vatikanischen Konzil (1869-70) verkündet, sicherte das Dogmatisieren neuer Lehrsätze dogmatisch ab.

Wenn «Dogma» zum intellektuellen Unwort geworden ist, so liegt dies hauptsächlich an solchen katholischen Praktiken, die – zwar nicht ausschliesslich, aber zu grossen Teilen – auf lehrmässige Abschottung und Machterhalt der Kirche gerichtet waren. Würde der Gehalt des Dogmabegriffs sich darin erschöpfen, so könnte er in der Tat nichts anderes mehr sein als die Negativfolie, von der autonomes und verantwortliches Denken sich abhebt.

Theologie als Musterfall

Bleiben wir fürs erste bei der Theologie. Sie kennt auch heute die Disziplin der Dogmatik (gebräuchlicher ist in ihrer evangelischen Fraktion heute die Bezeichnung «Systematische Theologie», während die katholische oft den Begriff «Fundamentaltheologie» verwendet). Was wird in diesem Fach getrieben? Die Dogmatik setzt an bei einem geschichtlichen Verständnis des – unter anderem – in Dogmen gefassten Christentums und erarbeitet einen heute plausiblen Denkzusammenhang seiner Inhalte.

Diese geistige Arbeit schliesst auch eine Kritik historischer Dogmen ein. Selbstverständlich führt dies mitunter zu Konflikten, und zwar durchaus nicht nur für katholische Fakultäten. Ein spektakuläres Beispiel dafür waren die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen um den evangelischen Theologen Rudolf Bultmann. Seine Hermeneutik der Entmythologisierung löste christliche Inhalte aus dem antiken Verstehenszusammenhang heraus und übertrug sie ins Denken des 20. Jahrhunderts. So deutete Bultmann beispielsweise die Auferstehung Jesu nicht als Rückkehr aus dem physischen Tod, sondern als eine «Auferstehung in die christliche Botschaft». Solche Denkansätze lösten in Deutschland beinahe eine Kirchenspaltung aus. Jüngeren Datums und weder exklusiv an eine Konfession noch an eine Person gebunden sind die Konflikte um feministische Theologien. Seit einigen Jahrzehnten kritisieren Frauen männlich geprägtes theologisches Denken sowie entsprechende religiöse Vorstellungen und kirchliche Machtverhältnisse.

Geistige Ressourcen

Diese Art von Reibung mit historischen Überlieferungen – und an dieser Stelle verlassen wir wieder das Feld der Theologie – ist eine der entscheidenden Ressourcen geistiger Orientierung. Was Dogmen für die Kirchen, das sind kodifizierte oder informelle Übereinkünfte und Wertsetzungen für die Zivilisation. Die in verschiedenen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten entwickelten Toleranzideen; das Konzept der Unverletzlichkeit der menschlichen Person, das sich in der Habeas-Corpus-Akte (England 1679) abzeichnet; die Anerkennung von Gleichheit und individuellem Glücksstreben in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776: In solchen normativen Vorstellungen sind Orientierungspunkte für die Entwicklung der Zivilisation festgehalten.

Damit diese Entwicklung weitergeht, braucht es eine stetige Reflexion über fundamentale Werte des menschlichen Zusammenlebens. Auf dem Weg der historischen Interpretation und der Systematisierung gewonnener Einsichten strebt sie einen im heutigen Kontext plausiblen Denkzusammenhang an, aus dem neue Realisationen der humanen Wertsetzungen hervorgehen können. Hierfür ist strukturell die genau gleiche geistige Arbeit zu leisten, wie auch eine heutige Dogmatik sie als Aufgabe stellt.

«Undogmatisches» Denken ist gut und recht. Nur leider steckt in diesem modischen Kostüm allzu oft eine saloppe Achtlosigkeit, die an ihrer eigenen Grossartigkeit genug zu haben glaubt und sich um die Geschichte der Errungenschaften und Irrtümer foutiert, die in so vielem steckt, von dem sie unwissentlich zehrt.

Wie Gott und der Teufel die 2 Seiten einer Medaille sind, so können auch Dogmen Fluch oder Segen sein.

Es geht um die Wahrheit, die wir Menschen immer wieder suchen müssen. Die religiöse Wahrheit stützt sich in der katholischen Kirche auf die Offenbarung, die in der Heiligen Schrift und in der lebendigen Glaubensüberlieferung der Kirche erkennbar wird. Die volle Wahrheit aber übersteigt die menschliche Erkenntnisfähigkeit, sodass unser Erkennen immer "Stückwerk" (Paulus) bleibt. Der Katholik anerkennt die Autorität der Kirche in den Fragen des Glaubens, auch wenn da manches ein Geheimnis bleibt. Er sieht in dieser Autorität keinen ungebührlichen Machtanspruch. Die Achtung vor der Glaubensüberzeugung anderer Menschen, die seine Glauben nicht teilen, ist seine ernste Pflicht.

Hier wäre noch an das schöne Palindrom zu erinnern, welches die Problematik auf den kürzesten Nenner bringt:

DOGMA I AM GOD

Ja genau!

Und das Schöne an einer Demokratie ist, dass Dogmen geäußert, angezweifelt, widerlegt oder bestätigt werden können. Letztendlich sind alle Dogmen nur dafür da.

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