Das Spiel mit dem Feuer

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Das Spiel mit dem Feuer

Von Helmut Scheben, 20.05.2016

Über den heuchlerischen Umgang mit Gewalt und Verbrechen

Ob lebenslängliche Verwahrung für „die Bestie von Rupperwil“ in Frage komme, spekuliert der Blick am Abend. Bestie heisst wildes Tier, und mit dieser Bezeichnung wird der Täter als Nicht-Mensch deklariert, er wird aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen. Diese Exkommunizierung ist – wie Guido Kalberer in einem Kommentar im Zürcher Tagesanzeiger analysiert – eine Strategie, die wir gezwungenermassen anwenden, weil es für uns unerträglich ist, dass ein ganz normaler Nachbarsjunge von nebenan vier fremde Menschen als Geiseln nimmt und ihnen den Hals durchschneidet.

Projektion und Heuchelei

Wir projizieren das Böse nach aussen, ausserhalb der Gemeinschaft der „normalen Mitmenschen“, weil wir nicht akzeptieren wollen und können, dass Rupperswil überall sein kann und dass extreme sadistische Grausamkeit Bestandteil unserer Normalität und unseres Menschseins ist.

Der Umgang mit Gewalt ist in unseren Gesellschaften von Heuchelei und Bewusstseinsspaltung geprägt. Im öffentlichen Diskurs gilt Gewaltanwendung als nicht politisch korrekt. Das Gewaltmonopol sei dem demokratischen Staat und seiner Exekutive vorbehalten, heisst es. Sonntagsprediger und Politiker jeder Couleur werden nicht müde, zu gewaltloser Konfliktlösung aufzurufen.

Gewalt als Verkaufsargument

Gleichzeitig wird die gesellschaftliche Akzeptanz von Gewalt zusehends grösser. Die Produktion von Gewalt-Bildern ist zu einer Industrie geworden, die unaufhörlich Blut, Blei und Brutalo-Action liefert. Allein die Spielerplattform Steam verzeichnete 2015 einen weltweiten Umsatz von 3,5 Milliarden Franken. Ego-Shooter verbringen ihre Freizeit damit, den Handgranatenwurf zu perfektionieren, Köpfe wegzublasen und Feinde mit Blei vollzupumpen. In der Schweiz gibt es laut Umfragen an Schulen Jugendliche, die bis zu 40 Stunden pro Woche gamen.

Auch Spielfilme werden immer härter und brutaler, überbieten sich gegenseitig mit voyeuristischen Offerten. Selbst der einst als Edelkrimi geltende „Tatort“ wartet heutzutage mit abgetrennten Gliedmassen auf. Die Gewaltdarstellung scheint zum Verkaufsargument zu werden. In den weitherum als harmloses Sofa-Kino akzeptierten James-Bond-Filmen hat sich die Zahl der Gewaltszenen vom ersten (007 jagt Dr. No, 1962) bis heute fast verdreifacht. Extrem gewalttätige Gangsterfilme wie „Scarface“ haben in den französischen Banlieus Kultstatus.

Vom Spiel zum realen Töten

Dabei wird die Gewalt – wie in den meisten Videogames seit dem Sexygirl Lara Croft – mit der moralischen Etikette verkauft, dass die Gewalt von den Bösen ausgeht und die Guten selbige mit gleicher Gewalt strafen müssen. Tarantino zum Beispiel zeigt Szenen von extremer Grausamkeit. Die Filmkritikerin Pia Horlacher fasste dies einmal in die lapidare Formel: „Bei ihm verüben Sadisten Schweinereien, deren Opfer sich daraufhin mit den gleichen Schweinereien wehren, die aber durch erlittenes Unrecht legitimiert werden. So wirkt auch die Kriegspropaganda.“ (Zürcher Tagesanzeiger, 23. Februar 2013)

Das amerikanische Verteidigungsministerium hat millionenfach Videospiele mit Kriegshandlungen an Jugendliche verteilt, um Rekruten für die US-Army anzuwerben. Und in der Army bekommen sie dann bekanntlich keine Spielkonsolen, sondern automatische Schnellfeuergewehre für den Einsatz in Afghanistan oder im Irak.

Westliche Geheimdienste und Polizisten haben Tweets untersucht, in denen junge Männer aus den Reihen des Islamischen Staates ihre Freunde einladen: „Du musst kommen und mitmachen, das ist wie Call of Duty, aber in echt!“ Das Ego-Shooter-Game Call of Duty ist eines der weltweit erfolgreichsten Computer-Kriegsspiele.

Umstrittene Zusammenhänge

Der Boom von Action-Filmen und bluttriefenden Videospielen zeigt, dass unsere Gesellschaft ein starkes Bedürfnis nach Gewaltdarstellungen und Gewaltphantasien hat. Natürlich argumentieren manche Psychologen, es gebe keinen nachweisbaren direkten Zusammenhang zwischen dieser täglichen Befriedigung von Gewaltphantasien und zum Beispiel dem Amoklauf eines Jugendlichen, der seine Mitschüler und Lehrer erschiesst. Andere Psychologen kommen zu dem gegenteiligen Befund.

In meiner Logik ist die Frage aber nicht, ob die real existierenden Amokläufer direkte „Nachahmer“ von Gewalt-Videos sind oder nicht. Das wird im Einzelfall vielleicht schwierig nachzuweisen sein, weil noch viele andere Faktoren mitspielen. Es bedarf dieses Nachweises jedoch überhaupt nicht, denn eine Gesellschaft, die brutale und blutige Gewaltbilder in solchen Mengen produziert und konsumiert, hat bereits signalisiert, dass Gewalt nichts Schlechtes sein kann und dass der voyeuristische Genuss von Gewalt „Normalität“ ist. Es mag empirisch bewiesen sein oder nicht: In einem Kontext, in dem der Aufenthalt in virtuellen Welten mehr und mehr Teil der Lebenswelt der Individuen wird, muss man davon ausgehen, dass auch die Trennungslinie zwischen Videogame und materiellem Tun zunehmend verschwimmt.

Gefährdete Zivilisation

Was wir als Zivilisation und Zivilisiertheit bezeichnen, ist nichts anderes ist als das Ergebnis eines langen Prozesses, in dem Triebleben und Gewaltbereitschaft der Individuen schrittweise eingedämmt wurden. Der konstruktive Umgang mit Ängsten hat zur Kooperation gesellschaftlicher Gruppen und verschiedenen Formen vom Contrat Social geführt. Die unterdrückten Aggressionen wurden in gesellschaftlich akzeptierte Kanäle umgelenkt und sublimiert.

Ich weiss nicht, wie weit wir auf dieser Strecke im Lauf der Jahrhunderte voran gekommen sind. Eines scheint mir aber sicher: Die heutige Ausbreitung der Gewaltbilder in den Medien ist ein Phänomen, wie es die Menschheitsgeschichte bisher nicht gekannt hat. Mir wird niemand glaubhaft machen, dass unsere Hirne und Herzen davon verschont bleiben. Und das ist dann keine gute Prognose für den zivilisatorischen Versuch, „befriedete Räume“ zu schaffen, wie Norbert Elias es ausdrückte. 

Kommentare

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Lieber Helmut
Dein Bericht "das Spiel mit dem Feuer" sprichst Du wirklich zu meinem Herzen und ich wurde schon laenger aufmerksam, vor allem bei Kindern und Jugendlichen ueber die grossen Probleme der Gewalt, meistens verursacht durch die extremen Computerspiele und Filme! Auch die Kriegsspiele die sogar verteilt wurden, fragt man sich wo fuehrt das hin und wundert sich, dass nun die Gewalt jeden Tag sichtbarer wird, zuerst in USA inzwischen auch in Europa und es ist traurig zu sehen, wie nun der Mensch langsam durch Angst, eingeschraenkt wird in seiner persoenlichen Freiheit.
Persoenlich spreche ich oft mit Kindern und Jugendlichen darueber und mache sie aufmerksam, solche Spiele besser nicht zu spielen und es fuer sie persoenliche Konsequenzen haben koennte! Muss hier in Honduras, wo ich wohne, oefter in ein Internet-Cafe, um meine Berichte zu kopieren, und sah zweimal den gleichen Jungen ca. 8 Jahre alt, wie er mit Vergnuegen spielte um Menschen in seinem Spiel zu erschiessen! Sprach den Jungen an und erklaerte ihm, dass dieses Spiel sicher nicht fuer ihn aufbauend waere, dass dadurch auch sein Herz und seine Person negativ veraendert werde! Beim 2. mal als ich ihn sah, wechselte er bald auf andere Spiele und ich konnte feststellen, dass er sich nicht wohl fuehlte, als er mich sah!
Auch auf meinen Reisen mit Tica-Bus nach Nicaragua-Panama, dass die Filme die gezeigt werden, jedes Jahr schlimmer sind. Es werden die schlimmsten Gewalt-Filme gezeigt, egal ob Kinder dabei sind und alle muessen diese Schiessereien und Geschrei ohne Ende ueber sich ergehen lassen! Persoenlich kann auch ich keine Krimi mehr sehen, weil auch dort die Gewalt und Zerstoerung stark zugenommen hat und es einem schwer faellt, diesem unmenschlichen Treiben, zuzusehen!
Danke Dir Helmut fuer diesen sehr aufschlussreichen und klaren Bericht, der aufzeigt, wie die Industrie, Gesellschaft unser heutiges persoenliche Leben, so negativ beeinflussen kann!
Herzlicher Gruss von Marianne Faessler

"Die Produktion von Gewalt-Bildern ist zu einer Industrie geworden, die unaufhörlich Blut, Blei und Brutalo-Action liefert", schreibt Helmut Scheben.

Scheben steht mit seiner Kritik an Killergames ein wenig allein. In den so genannten Qualitätsmedien der Schweiz, der NZZ, dem Tagesanzeiger und besonders in der Gratiszeitung 20 Minuten werden immer wieder die neuesten Brutalo-Games vorgestellt. Von den negativen Wirkungen dieser Kriegs-, Mord- und Totschlagspiele ist nicht die Rede oder sie werden heruntergespielt. Darf das Milliardengeschäft mit diesen unmenschlichen Games nicht gestört werden?

Rudolf Hänsel dokumentierte in zahlreichen Publikationen die negative Wirkung solcher Tötungsgames, unter anderem in dem Buch: "Game over! - Wie Killerspiele unsere Kinder manipulieren" Vorbereitung für den Krieg, Kai Homilius Verlag 2011
(Siehe die Buchbesprechung in der Internetzeitung Neue Rheinischen Zeitung von Heinrich Frei http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16025)

Die Verharmlosung von Killergames geht damit einher, dass wir auch in anderen Fragen von den Qualitätsmedien für blöder gehalten werden als es die Polizei erlaubt. Zum Beispiel wird für die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA immer noch Osama Bin Laden in seiner Höhle in Afghanistan mit seinen 19 Räubern verantwortlich gemacht. Totgeschwiegen wird von den Medien, auch von der fortschrittlichen Wochenzeitung, dass über 2500 Architekten, Ingenieure eine neue Untersuchung der Terrorattacken vom 11. September 2001 verlangen, da der offizielle 9/11 Untersuchungsbericht der US-Regierung durchzogen ist von zahlreichen Ungereimtheiten.
Siehe auch: http://www.ae911truth.ch

Immerhin: Laut einer Umfrage der Zeitung 20 Minuten glauben 56,8 Prozent der in der Schweiz Befragten, dass die US-Regierung die 9/11 Terroranschläge inszeniert hat oder im Voraus Bescheid wusste. Siehe: http://www.20min.ch/community/stories/story/25408205

Sehr gute Analyse! Ein zentrales Problem ist dabei auch, dass auf allen Ebenen Gewalttaten mit massiver Zerstörung als "Problemlösungen" propagiert, beschönigt und teils gar verherrlicht werden. In den unsäglichen, elektronischen Gewalt-"Spielen" üben dies schon Kinder ein. Auch gewählte, kleinere (Erdogan, Netanjahu,) und grössere (Putin, Obama) Machthaber weltweit spielen sich in der Realität als "Probelmlöser" auf – und sind genau betrachtet doch auch primitive, destruktive Gewalttäter. Ihr Propagandatrick dabei: Sie kommen in gepflegten Anzügen mit weissem Hemd und Krawatte daher – und lassen die Gewalttaten durch andere Ausführen (Besatzungsarmeen, Bomberpiloten, Killerdrohnen-Playstation-Gamer!). Gleichzeitig zeigen sie mit Fingern auf andere Gewalttäter (Assad, Sadam, Terroristen aller Art) und behaupten frech, sie selber seien eben die "Guten" – und die anderen die "Bösen" (Achse des Bösen). Besonders pervers wird dies, wenn dann plötzlich die Saudis (welche IS-Terroristen finanzieren und aus deren Unrechts- und Schurkenstaat die meisten 9/11- Terroristen kamen) plötzlich zu den "Guten" werden und "our Saudi friends" heissen (Derzeit sind sich der US-Präsident, der sie als "Saudi friends" auf der Liste hat, und sein Parlament, das sie lieber "Saudi Terrorists" nennen möchte, da nicht ganz einig...). So oder so kann der "Gute" den "Bösen" oder den "Terroristen" dann "im Dienste des Guten" gewalttätig zerstören ("Smoke the bastard, let the motherfucker burn!"). Der kluge Philosoph Ernst Bloch hat hat schon zu Beginn der Dreissigerjahre aufgezeigt, dass diese "Trennungs-Philosphie" (die guten USA, das böse Nordkorea; oder Merkels neuer Freund Erdogan und ihr alter Feind Assad, der wiederum Putins Freund ist...) ein deutliches Anzeichen faschistoider Tendenzen sei. In "Erbschaft dieser Zeit" (1935!) hat er zudem als ein Anzeichen der Abkehr des Bürgertums vom Recht für alle und für sein Absinken hin zu Gewaltlösungen gegen "die anderen" sogar die "Zerstreuung" genannt, die "Unterhaltung" als Ventil der Krise. Dabei gab es damals Killergames als primitive Ablenkung hin zu simpler, gewalttätiger Problemlösung noch gar nicht: Der Mann war nicht nur ein Philosoph, sondern fast ein Prophet. Wir in der Schweiz haben das Glück, dass wir gegen zunehmenden Tendenz zu militärisch-zerstörerischen Gewaltlösungen (Zerschlagung Afghanistans, des Irak, Syriens) mit entsprechend fatalen Folgen dank Neutralität und militärischer "Nichtangriffsfähigkeit" einigermassen gefeit sind. Unsere Armee ist zum Glück kein Instrument der verlängerten ("robusten") Aussenpolitik (Bismark) in der Hand der Regierung. Sie ist und bleibt eine Volks-Armee ausschliesslich für den Verteidigungs-Notfall. Militärische GewalttäterInnen können unsere Regierungsleute gar nicht werden. Auf Propaganda-Unfug der Militaristen, wie "Friedens-Kriege" sind bisher auch nur wenige (linke, und mittlere) Schweizer Politiker hereingefallen, die sich angesichts der direkten Demokratie Forderungen nach Nato-Anschluss (FDP) oder militärische EU-Integration (SP) längst wieder haben abschminken müssen. Die gefährliche "Partnerschaft für Frieden" mit dem Kriegs-Pakt Nato könnten Grüne und Linke zusammen mit der SVP rasch wieder aufkünden – wenn sie weniger ideologisch ("Öffnung"!) verblendet wären. Dann hätte unser Land angesichts zunehmender internationaler Gewaltbereitschaft mit seinem konsequenten Gewaltverzicht wieder Vorbildcharakter und mehr Respekt. Niklaus Ramseyer

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