Darf man Bunker schön finden?

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Darf man Bunker schön finden?

Von Fabrizio Brentini, 14.08.2019

Rund 2000 Bunker bauten die Deutschen für ihren «Atlantikwall» im Zweiten Weltkrieg. Ein Menschenalter später sind sie historische Relikte – und nicht ohne ästhetischen Reiz.

Koudekerke: eine kleine Siedlung im Süden von Holland, genauer auf der Halbinsel Walcheren. Nicht gerade ein Ort, wohin es einen als Tourist hinzieht, aber genau da verbrachte ich mit meiner Familie meine Sommerferien. Zustande gekommen ist dieser Aufenthalt durch einen Haustausch. Eine in Koudekerke wohnhafte Familie bot ihr Haus gegen das unsrige an, und ich sagte zu.

Prospekte erwähnen höchstens die Tatsache, dass Koudekerke zu den Kirchenringdörfern gehört. Die Kirche im Zentrum wird ringförmig von einer geschlossenen Häuserreihe eingefasst. 

Auf den kurzen Ausflügen mit dem Rad zeigen sich die typischen Elemente der holländischen Landschaft. Keine Bodenerhebung, Felder so weit das Auge reicht, dazwischen Wasserrinnen, hie und da Tümpel. Einzig die Betonbunker passen nicht zur Idylle. Und davon gibt es rund um Koudekerke einige.

Bunker in der Nähe von Koudekerke, Holland. © Journal 21, Fabrizio Brentini
Bunker in der Nähe von Koudekerke, Holland. © Journal 21, Fabrizio Brentini

Mangels Alternativen beginnt der unterbeschäftigte Architekturhistoriker diese Gebilde genauer zu betrachten. Sie erinnern an gewaltige Skulpturen. Teilweise stehen sie nackt da, teilweise überwuchert. Darf man sich mit diesen Architekturen überhaupt aus einer kunsthistorischen Warte beschäftigen? Sie stehen doch für Zerstörung, für unendliches Leiden. Noch dazu weiss man ja, dass sie vom menschenverachtenden Naziregime gebaut wurden. Sollte sich da nicht sogleich Abscheu einstellen? Müsste man sich nicht empören, dass auch nach über siebzig Jahren die Überreste der grössten von Menschen verursachten Katastrophe des 20. Jahrhunderts immer noch nicht entsorgt sind?

Ich bin nicht der erste, der die Bunker nicht nur als militärhistorische Monumente, sondern auch als Artefakte wahrnimmt. Es war Paul Virilio – der Philosoph und Kritiker der Mediengesellschaft hat sich namentlich als Simulations-, Virtualitäts- und Geschwindigkeitstheoretiker hervorgetan –, der 1976 im Centre Pompidou in Paris eine Ausstellung mit dem Titel «Bunkerarchäologie» einrichtete. Sie stellte Überreste des sogenannten Atlantikwalls ins Scheinwerferlicht. Die Begleitpublikation, in zahlreiche Sprachen übersetzt, lenkte die Aufmerksamkeit der Architektenzunft auf diese speziellen Gebäude. Virilio selber sakralisierte die Bunker gleichsam, indem er 1966 zusammen mit Claude Parent in Nevers die Kirche Sainte Bernadette du Banlay als bunkerartigen Betonmonolithen realisierte.

Bunker in der Nähe von Koudekerke, Holland. © Journal 21, Fabrizio Brentini
Bunker in der Nähe von Koudekerke, Holland. © Journal 21, Fabrizio Brentini

Auf Walcheren liessen die Deutschen nicht weniger als 330 Bunker zurück, die Teil des 1942 begonnenen Atlantikwalls waren. Entlang der Atlantikküsten von Nordnorwegen bis Spanien sollten 15'000 Bunker zur Abwehr möglicher Angriffe der Alliierten erstellt werden. Rund 2000 wurden realisiert, und einige waren noch im Bau, als sich 1944 die Niederlage der Deutschen abzeichnete. 

Rund 80 Bunker sind in der Gegend von Koudekerke erhalten geblieben. Seit einigen Jahren steht ein Flyer zur Verfügung, der auf die mit dem Fahrrad zu bewältigende 65 Kilometer lange Bunkerroute aufmerksam macht. Eingeschlossen ist der Besuch des Bunkermuseums Zoutelande, wo in zwei Bunkern das Innere originalgetreu rekonstruiert wurde. Für den Architekturhistoriker sind insbesondere die Betonmodelle der verschiedenen Typen faszinierend. Sie sind von gegenstandslosen Plastiken kaum zu unterscheiden.

Betonmodell im Bunkermuseum Zoutelande, Holland. © Journal 21, Fabrizio Brentini
Betonmodell im Bunkermuseum Zoutelande, Holland. © Journal 21, Fabrizio Brentini

Als Projekt des Europäischen Kulturerbes 2018 schufen Belgien, Dänemark, Frankreich, Holland, Norwegen, die Kanalinseln sowie Deutschland das Label «Atlantikwall Europe». Es dient dem Anliegen, über die Anlagen zu forschen, sie zugänglich zu machen – wofür alljährlich in jedem Land ein spezieller Bunkertag bestimmt wird – und sie teilweise auch zu bewahren. Damit wird der Wall nicht nur als historisches, sondern auch als kulturelles Gut verstanden. 

Darf man Bunker schön finden? Eine solche Frage beantworten zu wollen, würde bedeuten, dass man sich auf das glitschige Feld der Moral begibt. Um es drastisch auszudrücken: An wie vielen Werken aus dem Bereich der Künste und der Musik klebt Blut? Wer hier strenge Massstäbe anlegt, darf weder mittelalterliche Burgen noch Schlösser, weder Befestigungsmauern wie etwa die Museggmauer in Luzern noch die formvollendeten Vauban’schen Schanzenkonstruktionen, ja nicht einmal alte Industrieanlagen tolerieren. Ich erlaube mir, die Bunker in einem neuen Kontext zu betrachten und sie als eine Variante von Land Art zu bestaunen.

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Kommentare

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Zeitzeugen sind Kulturgüter.Adolf Hitler war hier. Man kann unrühmliche Vergangenheit totschweigen, aber nicht auslöschen. Wieviel Frondienste und Blut müssen Pyramiden gekostet haben, wie auch andere, neuere grossartige Bauwerke?
An Stellen von überlieferten Grausamkeiten befällt uns oft ein Schaudern, aber mehr als Solchem bei Gelegenheit entgegenzutreten geht nicht.

Was empfinden sie so bei den zehntausenden von 1-Mann-Bunkern in Albanien ?

Ja, die Bunker überlebten Feindbilder. Aber sie waren alle im damaligen Schachspiel fast matchentscheidend. Beipielsweise hatten wir Schweizer als einzige Westeuropäer eine glaubwürdige bauliche Massnahme gegen die Warschaupakt-Staaten. Diese anerkannten die dissuasive Wirkung post festum, dh. nach Ende des kalten Krieges. Wir trugen zum Ende des Kalten Krieges mehr bei als die Italiener, die Oestereicher und die Deutschen, die alle nichts zum Schutz der Nuklearwaffenbedrohten unternahmen.

Bunker dienen wie Feste, Forts und Kasematten in erster Linie ja der Abwehr von Schaden durch Gewalt, der Verteidigung der Stellung und stehen erst mal einfach passiv so da in der Gegend und können nichts dafür. Auch in meiner Kindheit in der Schweiz waren im Wald hinten die Bunker der Mutschellenverteidigung, Teil der Limmatstellung, ein hervorragendes Spielobjekt. Den meisten Bewohnern der Gegend war und ist bis heute die Dimension der Bebauungen, auch z. B. mit als Scheunen getarnten Bunkern oder Nebeneingängen zu Ställen, die in unterirdische Anlagen führten, wohl nicht bekannt. Einige Anlagen würden sogar weiterhin regelmässig von Militärs inspiziert. Für richtigen Grusel konnten für uns aber verlassene unterirdische Gänge sorgen, so sie denn noch zugänglich zu machen waren. Unter uns Töfflibueben bestand dann lange das dunkle Geheimnis, dass mein Brüetsch, de Kudi Müller und de Hafner mit dem abgeseilten Mofa unterirdisch bis fast zum Üetliberg hinüber fahren konnten, bis sie wegen zu hohem Wasserstand wieder umkehren mussten. Der Eingang ist heute zugeschüttet und man findet ihn nicht mehr, wenn man nicht weis, wo er war.
Irgendwann wird er, wie der unterirdische Gang dahinter auch ganz vergessen sein.

Bevor man sich an der Schönheit der Bunker ergeilt darf man daran erinnern, dass Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel ab 1942 die Bevölkerung der besetzten Gebiete völkerrechtswidrig zur Zwangsarbeit einsetzte, u.a. zu Hunderttausenden am Atlantikwall. Die Zwangsarbeiter wurden miserabel behandelt. Im Nürnberger Prozess erfolgten u.a. wegen dieses Kriegsverbrechens zwei Todesurteile durch den Strang: Gegen Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel und gegen den Generalbevollmächtigte für Arbeit Fritz Sauckel, während Rüstungsminister Albert Speer seinen Kopf durch ein Lügengebäude aus der Schlinge ziehen konnte.

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