Brandstifters Plauderstunde

Stephan Wehowsky's picture

Brandstifters Plauderstunde

Von Stephan Wehowsky, 05.08.2019

Die AfD stellt die deutsche Publizistik vor ein Dilemma: Soll man sie totschweigen oder zu Wort kommen lassen?

Das Zweite Deutsche Fernsehen hat jetzt versucht, den Stier bei den Hörnern zu packen. Im „Sommerinterview“ am frühen Sonntagabend interviewte der Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin, Theo Koll, den AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen. Es dürfte in Deutschland keinen Politiker geben, der nicht nach dieser Bühne lechzte. Denn allein der Auftritt an dieser Stelle ist eine Art Ritterschlag.

Oder auch nicht, wenn nämlich der Moderator diesen Ritterschlag verweigert und statt dessen seine Peitsche gegen den Interviewten schwingt. Schon am Anfang wurde klar, dass Theo Koll dazu der Standpunkt und die Entschlossenheit fehlen. Denn er versuchte lediglich, sich mit ein paar Fragen und Nachfragen aus der Affäre zu ziehen.

Biedermann ganz gross

Erstes Thema: In der vergangenen Woche hat es den Mord am Hauptbahnhof Frankfurt gegeben. Ein Eritreer hat eine Mutter mit ihrem Kind vor einen Zug gestossen. Das löste grosse Betroffenheit aus. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Verena Hartmann gab wenige Minuten danach über Twitter ihre Deutung des Geschehens kund: „Ich verfluche den Tag, an dem Angela Merkel geboren wurde.“

Wiederholt fragte Theo Koll den AfD-Vorsitzenden Meuthen, wie er diesen Tweet bewerte. Jeder halbwegs normale Mensch würde sich davon angeekelt distanzieren. Nicht so Jörg Meuthen. Er tat diesen Tweet als emotionale Äusserung ab, sah auch auf Drängen von Theo Koll keinen Grund, sich dafür als Parteivorsitzender bei der Kanzlerin zu entschuldigen, und meinte nur, die Abgeordnete könne dies ja bei passender Gelegenheit im Bundestag tun.

Biedermann ganz gross. Professoral-schulmeisterlich redet er einen Skandal klein. War da was? Und der Journalist beharrt auf seinen vorbereiteten Fragen, um jede persönliche Stellungnahme zu vermeiden. Diese Feigheit macht ihn zum Wegbereiter politischer Verwahrlosung. Denn indem Meuthen die völlig indiskutable Äusserung eines Parteimitgliedes verniedlicht und der Journalist des immerhin öffentlich-rechtlichen Fernsehens nicht energisch widerspricht, wird dieser Skandal als mögliche Meinungsäusserung eingemeindet. Wenn jemand Merkel mehr als den Tod wünscht, ist das von jetzt an schon irgendwie in Ordnung.

Volksverhetzung

Ein weiteres Thema war die Kriminalität von Ausländern. Die politische Redaktion des ZDF-Hauptstadtstudios hatte auch an diesem Punkt gut vorgearbeitet. So konnte Theo Koll von seinen Spickzetteln ablesen, dass die AfD fast ausschliesslich die Ausländerkriminalität zum Thema macht und dabei die Kriminalität der Inländer nahezu ausblendet.

Für Meuthen ist das natürlich kein Problem, denn das Thema der AfD sind ja nun einmal die unerwünschten Ausländer und nicht die Inländer, wie er treuherzig sagte. Was soll man dagegen einwenden, wenn man als Journalist nicht Stellung beziehen will? Da gibt es ein paar dürre Worte zum Thema Kriminalstatistik. Ein Journalist mit Profil aber würde an dieser Stelle von Volksverhetzung sprechen. Denn das ist es, was die AfD mit ihren „Meldungen“ betreibt.

Das Sommerinterview des Zweiten Deutschen Fernsehen ist ein Lehrbeispiel dafür, wie der Umgang mit der AfD nicht geht. Richtig ist zwar, dass die AfD nicht totgeschwiegen werden kann. Das wäre Wasser auf ihre Mühlen. Denn dann kann sie noch ihre allerletzten Botschaften mit dem Hinweis aufmöbeln, dass man diese nicht über die Medien des „Mainstream“ bekommt.

Journalistischer Mut

Aber Journalisten, die mit Vertretern der AfD reden, müssen einen klaren eigenen Standpunkt beziehen. Dazu genügt es nicht, scheinbar neutral die Frageform zu wählen. Damit hat Theo Koll versucht, sich aus der Affäre zu ziehen. Das Ergebnis ist jämmerlich. Die AfD zwingt Journalisten vielmehr dazu, sich darüber Rechenschaft abzulegen, wofür sie stehen. Wenn sie gegen Rechtsradikalismus und Volksverhetzung sind, dann kommen sie bei aller Sachlichkeit der Fragen nicht darum herum, klar und markant Stellung zu beziehen. Wenn ein Herr Meuthen den harmlosen Biedermann gibt, dann müssen sie klar sagen, dass er in Wirklichkeit ein Brandstifter ist. Dazu müssen sie stehen. Das erfordert Mut.

Ähnliche Artikel

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Die traditionellen Parteien könnten sich auch einmal ernsthaft mit den Problemen der einfachen Leute beschäftigen statt die AfD mit Nichtbeachtung oder Diffamierung an den Rand zu drängen.

Wenn man die Kriminalstatistik bespricht und dabei offenlegt, woher die hohe Kriminalitätsrate stammt, dann von Volksverhetzung zu sprechen ist absurd. Hat die Wahrheit keinen Platz mehr, um benannt zu werden. Ist die Beanstandung im Restaurant, dass in der Suppe zu viel Pfeffer gelandet ist, bereits Hass gegen den Koch? Wenn man, wie sie sug­ge­rie­ren, keine Zusammenhänge mehr darstellen darf, weil dies Volksverhetzung sei, dann brauchen wir auch keine Kommentare mehr, denn diese betreiben sie ja schon, oder?

Ich habe das Interview sehr aufschlussreich wahrgenommen. Man weiss ja, wer Herr Meuthen ist. Er bringt es auf den Punkt – einseitig, aber nicht verlogen. Wenn man die Manipulationen, die gezielten Umdeutungen von Tatsachen und die Lücken in den Berichten des Mainstreams mit den Aussagen von Herr Meuthen vergleicht, dann sind seine Äusserungen noch harmlos.

Als in der DDR aufgewachsener läuft es mir bei dem Terminus „journalistische Entschlossenheit“ kalt den Rücken herunter. Objektive Berichterstattung über Tatsachen sind mir ehrlich gesagt genug, aus diesem Grund lesen u.a. Deutsche zunehmend Schweizer Medien.

Dass ZDF und ARD Andersdenkenden eine Bühne bieten würden, ist mir bis jetzt nie aufgefallen, im Gegenteil: man weiss immer genau, was linienkonform ist. Widerspruch immer als ‚braun‘ oder ‚Nazi‘ zu titulieren, ist zu simpel und bagatellisiert die Herrschaft und die Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten. Auch wenn es keine Rechtfertigung dafür gibt, liegt die Ursache darin in den Versailler-Verträgen.
Verbale Entgleisungen gibt es hüben wie drüben, bei der AfD, bei den Mitte- und Linksparteien.

Danke für die leider notwendige Korrektur dieser naiv-dummen und brandgefährlichen Sendung im ZDF. Sicher soll man mit Andersdenkenden reden, aber dazu muss man ihnen nicht die beste Bühne bieten, um ihre niedere, braune Gesinnung medienwirksam ausgiessen zu können. Hier genügt ein Gespräch im Sitzungszimmer, mit anschliessendem Bericht.
Wenn man einem Clown eine Bühne bietet, wird dieser sein 'Clown-Sein' zeigen. Wenn man einem Nazi eine Bühne bietet, ...?

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren