Bitte nicht

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Bitte nicht

Von Max Winiger, 04.04.2020

Noch sind wir nicht über den Berg. Noch lange nicht. Aber schon beginnt das Gerassel um die Aufarbeitung des Geschehenen. Und die Politiker bringen sich in Stellung.

Ich bin beeindruckt. Das meine ich ganz ehrlich. Es ist für mich beeindruckend, wie sich unsere Kollegialregierung kompetent, pragmatisch, behutsam verhält. Ich ziehe meinen Hut vor dem Krisenmanagement und der Krisenkommunikation des Bundes. In den letzten Wochen wurde richtig umgesetzt, was umgesetzt werden konnte und kann.

Der zweite Teil des letzten Satzes ist dabei entscheidend. In einer Krise nützt es nichts, nach optimalen Voraussetzungen zu schreien, wenn sie nicht vorhanden sind. Das Verfügbare muss richtig eingesetzt werden. Rückstände müssen nach Möglichkeit aufgeholt, Lücken geschlossen werden. In meinen Augen haben der Bundesrat und die zuständigen Behörden dies getan. Und tun es noch immer.

Gleichzeitig erleben wir gerade die Feuertaufe der Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger. Alle appellieren immer an die Eigenverantwortung. Bei uns gehört der Staat dem Bürger. Nicht umgekehrt. Das Volk ist der Souverän, lernen wir schon in der Schule. Nun können wir beweisen, ob und wie souverän wir sind. Ich bin zuversichtlich, dass wir es sind.

Die Politiker kriechen aus der Quarantäne

Die Wochen ziehen ins Land. Nun poppen in den Medien und hinter den Kulissen die Stimmen und Meinungen von Experten und Politikern auf, die darauf hinweisen, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist. Ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn ich an die bevorstehenden Sessionen im Parlament denke. Denn ich befürchte, dass nun Parteien und Politiker aus ihrer Quarantäne hervorkriechen, das nächste Mikrofon, die nächste Kamera suchen, sich in Stellung bringen, um sich dann mit Entrüstung darüber auszulassen, was so nicht hätte sein dürfen, wo der Bundesrat zu weit, zu wenig weit gegangen ist, wo die Bundesbehörden versagt haben, warum jetzt die Kantone wieder die Führung übernehmen müssen.

Noch ist es nicht so weit und wenn, dann erst vereinzelt. Daher möchte ich allen zurufen: Bitte nicht!

Wir mögen’s gerne bequem

Fakt ist doch, dass alle versagt haben, sofern es denn ein Versagen geben muss. Die Stimmbürger haben in den letzten Jahren regelmässig die falschen Politiker gewählt, die Kantone haben nie verstanden, dass wir uns den Kantönligeist nicht mehr leisten können, die Gesundheitsdirektoren haben versagt, die Spitaldirektionen ebenso wie die Organisatoren und Verantwortlichen aller Pandemieübungen. Was nützen Szenarien, Empfehlungen nach Übungen, wenn sie in der Folge nicht zeitnah und überprüfbar umgesetzt werden?

Ist das so? Nein. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir mögen’s gerne bequem. Das ist auch unser gutes Recht. Das ist an sich nicht schlecht. Solange es nicht brennt, ruft niemand die Feuerwehr. Wenn wir etwas lernen wollen in dieser einzigartigen Zeit, dann sollten wir Schuldzuweisungen unterbinden.

Wir sollten allen Politikerinnen und Politkern zurufen: Bitte nicht! Fangt jetzt nicht wieder an mit eurem ewig gleichen Pseudotheater. Niemand von euch hat im Vorfeld dafür gesorgt, dass wir besser vorbereitet in diese Krise hineingerasselt wären. Niemand. Also schaut nach vorn und setzt die wertvolle und knappe Zeit dafür ein, dass wir künftig besser vorbereitet sind. Schweizweit. Mit Rücksicht auf regional spezifische Strukturen. Und helft mit, unsere Wirtschaft und unser Gesellschaftsleben wieder auf die Beine zu bringen. Partei- und Kantonsgrenzen überschreitend, kooperativ und konstruktiv. Kreativ.

Die Chance, souverän zu reagieren

Wir haben jetzt die vielleicht in der Art noch nie dagewesene Chance, souverän zu reagieren und nach vorne zu schauen. Ich hoffe deshalb, dass auch die Medien sich nun weiterhin ihrer Verantwortung bewusst sind und diese auch leben. Denn es erfordert von einem Journalisten natürlich fast schon übermenschliche Disziplin, Experten und Politiker nicht in fetten Lettern zu zitieren, wenn sie über all das herziehen, was man hätte anders und besser tun müssen, wovor sie schon vor Jahren gewarnt haben. Ich würde all jenen nur eine Frage stellen: «Warum haben Sie nicht mit aller Konsequenz und ohne Rücksicht auf Ihre eigene Bequemlichkeit dafür gesorgt, dass das verbessert oder umgesetzt wird?»

Der Bundesrat, oft belächelt und kritisiert, hat in den letzten Wochen gezeigt, was im Rahmen des Verfügbaren möglich ist. Nicht perfekt, aber aus meiner Sicht sehr gut. Und er tut es weiter. Wenn es uns gelingt, auch nur schon einen Teil dieses Spirits in die Zukunft mitzunehmen, dann könnte dies wirklich der Beginn einer ganz neuen Art von Föderalismus sein. Eine souveräne Art.

Bin ich naiv? Bitte nicht. 

Vielen Dank, dass auch sie ihre Meinung in den letzten Wochen geändert haben, und vom „es ist ja nur eine Grippe“ Standpunkt zu Vorschlägen wie lieber bereits jetzt besser Vorbereiten.
Covid-19 ist vorallem anders als Influenza, weil niemand geimpft ist. Daher braucht es die Abstandsregeln und insbesondere keine grösseren Veranstaltungen, bis entweder eine Impfung oder genügend SARS-CoV-2 Immunisierte da sind. Ziel sollte sein, immer genügend Notfallkapazitäten zu haben sowie die Risikopersonen zu schützen. Mit einer geschätzten Letalität von ca1% wären wir sonst bereits heute nach nur ca 1.5 Monaten bei viel mehr Toten als in einer normalen Grippesaison (einige hundert).

Hervorragend, Herr Winiger! Sie sprechen mir soo aus dem Herzen! Genau das Szenario zeichnet sich seit ein paar Tagen wieder ab. Ich hoffe, die Parteien – und mit ihnen die Medien – lassen sich nicht dazu hinreissen. Schicken Sie doch bitte Ihre Kolumne an die Parteispitzen!

Stimmt, wir haben doch noch zuerst den seit Sommer 2019 grassierenden Klimanotstand in den Griff zu kriegen. Davon sind in der Schweiz 8.8 Millionen betroffen, vom Covid-19 vorerst noch einige Millionen weniger. Eins nach dem andern. politische Prioritäten? Ja, nur eine Partei kümmert sich um den
Klimanotstand, noch keine um die Covid-19 Seuche.

@ Herr Scholl: Ihr letzter Satz zeigt, dass Sie leider Herrn Winigers Kolumne nicht verstanden haben...

Danke Herr Winiger Ihr "Bitte nicht" ist alles andere als naiv. Es ist ein wohltuender Appell an die Vernunft aller Profilierungssüchtigen, keinesfalls die notwendigen und sinnvollen bundesrätlichen Anordnungen mit unbedachten Äusserungen zu torpedieren.
Was haben wir schon diesem hochansteckenden neuen Virus entgegen zu setzen? Einem Virus dem wir alle schutzlos, d.h. ohne eigene Antikörper ausgesetzt sind, gegen den z.Z. keine Therapie, geschweige denn eine Impfung existiert. Da bleibt nichts anderes übrig, als dessen Ausbreitung zu verlangsamen und sich bei den Schwerstbetroffenen auf deren körpereigenen Abwehrsysteme zu verlassen. Da ist das einzige, was man bei solchen Patienten tun kann, ist ihnen mittels Intensivbetreuung, das Atmen zu ermöglichen, in der Hoffnung, dass sie das durchhalten.
Was ein Laisser-faire für Folgen hat, beginnt sich immer deutlicher dort abzuzeichnen, wo man zu lange glaubte die Gefährlichkeit von Corvid-19 mit flapsigen Sprüchen klein zu reden, um damit ihre eigene bodenlose Inkompetenz zu kaschieren.

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