Auch Revolutionäre lieben

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Auch Revolutionäre lieben

Von Iso Camartin, 27.07.2018

Ist die Französische Revolution ein geeigneter Opernstoff? Kann man geschichtliche Umwälzungen in angemessener Art und Weise auf die Bühne bringen?

Eigentlich gibt es nichts auf der Welt, was sich einer Verarbeitung für die Bühne entzieht. Weder die Passion Christi noch der Holocaust, kein Einzelschicksal und keine gesellschaftliche Bewegung. Theater, Oper oder Film kopieren ja nicht Geschichte oder Gegenwart. Sie formen diese im Glücksfall zu einer verdichteten Erfahrung um.

Tragik eines Hochbegabten

André Chénier (1762–1794) war eine historische Figur, ein Dichter mit einer bewegten Familiengeschichte. Der Vater war Tuchhändler und Diplomat in Istanbul, später in Marokko. Er liess seinen Kindern die einer adligen Abstammung entsprechende Ausbildung in Frankreich zukommen. André und sein Bruder Marie-Joseph erhielten jene humanistische Grundausstattung, die für eine Karriere als Offizier, Botschafter oder Gelehrter im damaligen Frankreich Voraussetzung war.

André schrieb Hirtengedichte, Epigramme und Oden, begeisterte sich aber auch für den Geist der Aufklärung und für wissenschaftliche Entdeckungen. Er schloss sich den gemässigten Revolutionären seiner Zeit und jenen Bewegungen an, die für eine konstitutionelle Monarchie eintraten und der französischen Nation eine alle Stände berücksichtigende Verfassung geben wollten.

Doch die revolutionären Entwicklungen überschlugen sich in Paris, bald hatten die Jakobiner das Sagen, und Chénier, der die Hinrichtung des Königs verhindern wollte, wurde zum Feind der radikalen Revolutionäre und musste aus Paris fliehen. In einer Ode verherrlichte er die Tat der Charlotte Corday, die den rabiaten Arzt und Jakobiner Jean Paul Marat, Mitglied des Nationalkonvents, ermordet hatte. Nun galt Chénier als Feind der Revolution.

Bei einem Besuch in Passy in der Nähe von Paris wurde Chénier verhaftet und eingekerkert. Die Jakobiner machten kurzen Prozess mit dem abtrünnigen Revoluzzer und verurteilten den Dichter zum Tod. André Chénier wurde am 25. Juli 1794 im Alter von 31 Jahren in Paris guillotiniert, zwei Tage bevor Robespierre das gleiche Los ereilte und der Terror der Jakobiner allmählich sein Ende fand.

Richtig bekannt wurde Chéniers Werk erst 1819, als man seine gesammelten Werke publizierte. Da erst entdeckte man auch, dass dieser Dichter zwar noch tief in ästhetischen Vorlieben des 18. Jahrhunderts steckte, aber eigentlich bereits den Zeitgeist des 19. Jahrhunderts verkörperte. Zu seinem Nachruhm trug vermutlich die Tragik seines frühen Todes – die Revolution, welche die eigenen Kinder frisst – erheblich bei.

Idealer Stoff für einen „Veristen“

Genau hundert Jahre nach Chéniers Tod begann der italienische Komponist Umberto Giordano (1867–1948) seine Arbeit an der Oper „Andrea Chénier“, die auf einem Libretto von Luigi Illica (1857–1919) – später bekannt geworden als einer der erfolgreichen Librettisten Puccinis – basierte. Giordano hatte bereits mit drei früheren Opern ein gewisses Ansehen erworben, doch mit „Andrea Chénier“ lieferte er sein Erfolgs- und Meisterstück. Die Premiere fand am 28. März an der Scala in Mailand statt. Bereits im selben Jahr gab es sie in New York zu sehen und hören, im Februar 1897 dirigierte Gustav Mahler sie auch in Hamburg.

Die Oper stellt aber nicht die getreue Biographie des französischen Dichters dar, sondern entwirft Bilder der turbulenten Revolutionszeit: eine adlige Gesellschaft auf dem Land, die unvermittelt durch eine Schar von hungernden Bettlern aufgeschreckt wird. Im zweiten Akt ist es eine von Spitzeln durchsetzte Pariser Gesellschaft, die vorgeführt wird. Darauf folgt eine Gerichtsszene im revolutionären Milieu, wo eine aufgehetzte Volksmasse dafür sorgt, dass die Guillotine Hochbetrieb hat. Die Oper endet mit einer Gefängnisszene, in welcher es einer liebenden Frau gelingt, den Gefängniswärter zu bestechen, damit sie gemeinsam mit ihrem Geliebten, dem Dichter Chénier, den Karren besteigen kann, der sie zum Platz der Hinrichtung bringt.

Neben einigen grossen lyrischen Momenten der Hauptfiguren besteht die Oper vor allem auch aus eindrücklich ungestümen Chören und Ensembles, welche die Wirren und die erhitzte Stimmung der Revolutionstage wirklichkeitsnah nachempfinden lassen. Die „Veristen“ wollten ja das wahre Leben auf der Bühne erleben und keine reinen Fiktionen auftischen!

Das Verzeichnis der Nebenrollen der Oper listet im Chor folgende Figuren auf: „Äbte, Lakaien, Stallknechte, Schlittenführer, Heiducken (osmanisch gekleidete Soldateska) , Musiker, Diener, Pagen, Bettler, Bürger, Sansculotten, Carmagnolen (tanzende Republikaner), Marktweiber, Strassenhändler, Merveilleusen und Incroyables (modisch gekleidete Bürger, welche den Adel karikierten), Richter, Geschworene, Soldaten, Gefangene, Gefängniswärter, Verurteilte, Zeitungsjungen“, um nur einige zu nennen. Kurzum: hier treibt sich auf der Bühne die ganze Pariser Gesellschaft der Revolutionsjahre herum.

Die Liebesgeschichte

Doch eine Oper ohne Liebesgeschichte? Das geht nicht, auch bei einer Oper über die Revolution nicht. Darum verliebt sich der historische Chénier in die historisch nicht verifizierbare Maddalena di Coigny, ja diese geht aus Liebe sogar mit dem Dichter in den gemeinsamen Tod. Giordano hat für die beiden Protagonisten mit sicherem Instinkt einige Arien und Duette geschrieben, die ihnen die Gunst des Publikums durch alle Akte der Oper hindurch sichern. Es gibt neben dem Liebespaar noch eine dritte wichtige Figur: Carlo Gérard, ein Diener und Lakai, der zum Revolutionär mutiert. Auch ihn hat der Komponist musikalisch reich mit herrlichen Passagen bedacht. Am Ende will dieser zwar seinen Freund Chénier vor dem Todesurteil retten, doch gegen die radikalen Jakobiner und die Meute des Volkes hat er keine Chance. Die Leute wollen Blut sehen!

Die hier ausgewählte Arie des Andrea Chénier findet sich im 1. Akt. Sie ist so etwas wie das Charakterportrait des mit der Revolution liebäugelnden Dichters, der sich inmitten von reaktionären Adligen, Klerikern und dem gärenden Ressentiment einer unterdrückten Dienerschaft befindet. Die vornehme Tochter des Hauses Coigny fordert den Dichter auf, der versammelten Gesellschaft aus Grafen, Priestern und Royalisten ein Liebesgedicht vorzutragen.

Zunächst weigert sich Chénier, doch weil er dieser schönen Frau, welche die Muse in ihm wachrufen will, nicht ganz gleichgültig gegenübersteht, beginnt er doch mit einem lyrischen Lobpreis der Schönheit der Natur und der Welt. In diese Preisung der geschaffenen Welt flicht der Dichter aber eine scharfe Kritik an den Adel und den Klerus ein, die an nichts anderes denken, als sich im Glanz ihrer Privilegien zu sonnen. Vollkommen taub sind sie geworden für die Stimmen der Verarmten, der Hungernden, der Entrechteten. „Was geschieht mit einem Land, das so gehäuftes Elend nicht wahrnimmt?“ fragt er.

„Was tut der Adel dagegen?“, will Chénier von der schönen Maddalena wissen. Er beschwört sie, das Mitleid, die „pietà“, die er in ihren Augen erkannt habe, für den Dienst an der wahren Schönheit des Daseins zu verwenden, zu welcher auch die Worte der Dichter gehörten. Dichten ist für Chénier keine Unterhaltung, um die Langeweile der Privilegierten zu vertreiben. Maddalena kenne noch gar nicht die richtige Liebe, hält er der jungen Frau vor. Diese sei „un divino dono – ein göttliches Geschenk“, das die wahre Entdeckung der Schönheit des Daseins bedeute.

Seit mehr als 120 Jahren singen grosse Tenöre mit Vorliebe diese Arie des Andrea Chénier „Un di all’ azzurro spazio guardai – Eines Tages blickte ich auf zum blauen Himmelsraum.“ Es ist eine Arie, die wie kaum eine andere zu verstehen gibt, dass gerade den Freunden der Poesie und der Schönheit das Schicksal der Menschen nicht gleichgültig bleiben darf. Sie beschwört zwar die Schönheit der Natur und jene der Liebe, die es aber nicht ohne Mitleid und Hilfe für die leidende Kreatur geben könne. „Verspottet mir nicht die Liebe!“ singt Chénier. „Del mondo anima e vita è amor – Denn die Liebe ist die Seele und das Leben der ganzen Welt.“

Hier singt diesen Hymnus an die Liebe und an das richtige Leben der Tenor Placido Domingo, einer der grossen Gestalter dieser Figur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in einer Aufnahme aus dem Jahr 1981.

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