Auch Medienleute hoffen auf Klarheit im „Fall Madeleine“

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Auch Medienleute hoffen auf Klarheit im „Fall Madeleine“

Von Thomas Fischer, Lissabon - 08.06.2020

Die Wahrheit liegt angeblich im Wein – und vielleicht auch in anderen alkoholischen Getränken.

Kommt so jetzt ans Licht, wie Maddie (Madeleine) McCann vor 13 Jahren aus einem Ferienappartement in Südportugal verschwand? Hat sich ein Verdächtiger in einer Kneipe verplappert?

(Keystone/EPA/Metropolitan Police)
(Keystone/EPA/Metropolitan Police)

Für meine Mutter und so viele andere Menschen war der „Fall Madeleine“ von Anfang an wenigstens in einer Hinsicht klar. Sie schworen, dass sie nie drei so kleine Kinder abends allein im Haus lassen würden, und zwar auch dann nicht, wenn sie selbst ganz in der Nähe wären und regelmässig nach dem Rechten sehen könnten. Also geben sie dem englischen Ärzteehepaar Kate und Gerry McCann eine Mitschuld dafür, dass ihre damals knapp vier Jahre alte Tochter Madeleine am 3. Mai 2007 aus einer Ferienwohnung im beschaulichen Badeort Praia da Luz in der portugiesischen Südregion Algarve spurlos verschwinden konnte.

Ein 13 Jahre altes Rätsel

Das ist 13 Jahre her. Um das Schicksal von Madeleine, auch als „Maddie“ bekannt, rankt sich weiter ein Rätsel. Ihre Eltern, so viel ist klar, waren mit der blonden Madeleine und deren jüngeren Zwillings-Geschwistern an die Algarve gereist, gemeinsam mit Freunden. Alle logierten in Praia da Luz in der Ferienanlage Ocean Club und dinierten an jenem Donnerstagabend in einem dazugehörigen Restaurant. Nur rund 50 Meter entfernt lag das Appartement der McCanns, wo deren drei Kinder schliefen und immer wieder ein Erwachsener vorbeischaute. Irgendwann bemerkte Mutter Kate, dass Madeleine verschwunden war, so jedenfalls die Version der Eltern.

Im Nu war alles in heller Aufregung. Madeleines Familie startete eine Kampagne „Find Madeleine“, und bald gab es in der Region Algarve kaum ein Café, in dem nicht ein Bild des Kindes hing. Für die Region Algarve stand natürlich der Ruf als sicheres Ferienziel auf dem Spiel. Auch von offizieller Seite hatten die McCanns alle Unterstützung. Für Kontakte zu den Medien stellte ihnen die Regierung den früheren BBC-Journalisten Clarence Mitchell zur Verfügung.

Ich selbst wüsste nur allzu gern, was mit Madeleine geschehen ist. Ich berichtete damals für die NZZ über den Fall und musste vor allem öfter als Producer für die öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehanstalt ZDF auf den Plan treten, Kameramänner anheuern, von Lissabon in die Region fahren, Eindrücke einfangen, Interviews führen, verschriften und übersetzen und eine Auswahl des Rohmaterials per Ü-Wagen des portugiesischen Fernsehens RTP an das ZDF in Mainz überspielen.

Das ZDF war Ende Mai 2007 das erste deutsche Medium, denen die Eltern ein Interview gewährten. Eine Redaktorin kam dafür eingeflogen. Ich sass neben ihr, während sie die Fragen stellte – Fragen, die wir zuvor sorgfältig formuliert hatten. Wir wollten knifflige Fragen auf eine nicht verletzende Art stellen. Wir fragten uns etwa, ob diese Kampagne „Find Madeleine“ nicht kontraproduktiv sein könnte, denn wer immer Madeleine entführt hatte, müsste sie besonders gut verstecken. Nach dem Interview haben wir im Hotel die Aufnahmen gesichtet, alles übersetzt, immer wieder auch Impressionen über Gesichtsausdrücke ausgetauscht.

Von den mit dem Fall befassten Medienleuten dachte damals noch niemand – zumindest nicht laut – an die Möglichkeit, dass auch die Eltern etwas zu verbergen haben könnten. Sie genossen am Ferienort, wo sie mittlerweile ein anderes Appartement bezogen hatten, alle Sympathie und auch allen Respekt der Medienleute. Immerhin wurden sie auch in Rom von Papst Benedikt XVI gesegnet. Sie hatten auch den Rückhalt von so berühmten Leuten wie dem Milliardär Richard Branson oder der Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling.

Ein Medienzirkus und doch viel Respekt

Jeden Morgen kamen Madeleines Eltern mit ihren kleinen Zwillingen den gleichen Weg entlang. Sie liessen die Zwillinge im Kinderklub des Ocean Club, um sich dann ganz ihrer Kampagne zu widmen. Auf der anderen Strassenseite waren die Reporter, Fotografen und Kameramänner, aber niemand stellte sich den Eltern mit oder ohne Mikrofon in den Weg, um ihnen eine Aussage zu entlocken. Sie galten als Helden, bis die Stimmung am Ort und in den portugiesischen Medien zu kippen begann.

Von einen „Medienzirkus“ war bald die Rede. Am Ort wuchs der Verdruss über die ständige Präsenz der TV-Teams, der Ü-Wagen und dem Lärm von deren Generatoren. Zu besonderen Anlässen kamen noch mehr Reporter aus dem In- und Ausland angereist – so etwa, als eine Zeitung berichtete, dass Madeleines Leiche irgendwo seitlich einer Nebenstrasse verscharrt worden sei. Die Medienleute warteten vergeblich auf die Sensation.

Dann gerieten die Eltern selbst ins Zwielicht, etwa als die englische Polizei zwei Spürhunde, die sich angeblich nie geirrt hatten, einfliegen liess. Als sie angeblich Blutspuren im Leihwagen der McCanns rochen, wurde dies im Reiche Ihrer Majestät heruntergespielt. In Portugal fragten sich die Medien derweil, ob Madeleine nicht irgendwie – durch eine Überdosis an Schlafmitteln oder durch einen Unfall – im Appartement den Tod gefunden haben könnte und ob die Eltern diesen wohl vertuscht hätten. An einen Tod von Madeleine bereits im Appartment glaubte auch der portugiesische Inspektor Gonçalo Amaral, der die Ermittlungen in den ersten fünf Monaten leitete.

Britisch-portugiesische Irritation

Anfang September 2007 wurde erst ihre Mutter von der portugiesischen Kripo zur Verdächtigen erklärt, kurz darauf auch ihr Mann. In Praia da Luz war die Stimmung mittlerweile umgeschlagen. Medienleute belagerten regelrecht die Villa über dem Ort, in der sich Kate und Gerry McCann eingemietet hatten, bis sie Anfang September völlig überraschend zurück nach England zurückflogen.

Einen so grossen Aufwand für die Suche eines Kindes wie im Fall Madeleine hatte die Kripo in Portugal wohl noch nie gemacht. Schon in einer frühen Phase hatte sich die in Nordportugal lebende Mutter eines Jungen, der 1998 im Alter von 11 Jahren verschwunden war, etwas mehr Aufmerksamkeit für ihr Kind gewünscht. Es wäre gut gewesen, fand sie, wenn die Kripo zwei Beamte für sechs Monate abgestellt hätte, um ihren Sohn zu finden.

Die Ermittlungen der portugiesischen Kripo im „Fall Madeleine“ sorgten indes auch für portugiesisch-britische Irritationen. Im Oktober 2007 wurde der für die Briten missliebige Inspektor Gonçalo Amaral von dem Fall abgezogen. Er selbst brachte in einem Buch später einen Hauch von ganz hoher Politik ins Spiel. Portugal führte im zweiten Halbjahr 2007 den Vorsitz der EU und setzte alles daran, um den Reformvertrag unter Dach und Fach zu bringen. Amaral merkte an, dass der damalige britische Premier, Gordon Brown, erst kurz nach seiner Ablösung grünes Licht für den Reformvertrag gegeben habe.

Wie heiss ist die neue Spur?

Für uns Medienleute, die den Fall hautnah verfolgt haben, stellen sich viele Fragen. Haben die britische und die portugiesische Polizei zu stark in unterschiedliche Richtungen ermittelt und die Aufklärung des Falles erschwert? Was waren das für Spuren, von denen im Laufe der letzten 13 Jahre – vor allem dann, wenn sich Madeleines Verschwinden wieder einmal jährte – im Laufe der letzten 13 Jahre immer wieder die Rede war?

Nun gibt es angeblich eine ganz heisse Spur. Sie führt zu einem jetzt 43-jährigen Deutschen, der gerade in Kiel in Haft sitzt. Er hat, wie Medien berichten, ein langes Register von Straftaten, darunter Drogenhandel, Einbrüche, der sexuelle Missbrauch eines minderjährigen Mädchens und die Vergewaltigung einer Frau im Rentenalter. Christian Bruckner, so der Name, hat mehrere Jahre bei Praia da Luz gelebt. Kurz bevor Madeleine verschwand, soll er sich in unmittelbarer Nähe des Appartements aufgehalten und ein langes Telefonat geführt haben.

Wie kamen ihm die Ermittler auf die Spur? Er soll im Jahr 2017, als das Verschwinden von Madeleine zehn Jahre zurück lag und die Medien auf den Fall zurückblickten, in einer Bar etwas mehr geplaudert haben, als ihm jetzt recht sein kann. Offenbar fehlen Beweise. Unklar ist auch, was den deutschen Behörden die Sicherheit gibt, dass sie es schon mit einem Mordfall zu tun haben, also dass Madeleine nicht mehr lebt.

Sollte sie tatsächlich entführt worden sein, so ist den Eltern endlich Gewissheit über ihr Schicksal zu wünschen. Sollte sie nicht mehr am Leben sein, so sollten die Eltern wenigstens zur Ruhe kommen können. Aber auch wir Leute aus der Medienbranche wüssten nur allzu gern, was genau passiert ist. Waren wir anfangs zu gutgläubig? Werden sich manche Kolleginnen und Kollegen fragen müssen, ob sie etwas zu frei spekuliert haben? Hoffen wir, dass die Antworten auf alle Fragen ans Licht kommen.

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Die Ermittler sind hoch zu loben das sie nicht locker gelassen haben. Eine unglaubliche Leistung. Hohe Anerkennung und die Hoffnung, dass die Indizien ausreichen, um den Täter zu überführen. Eine solche Aufklärung und evtl. Verurteilung bringt den Eltern ihr Kind nicht wieder. Entlastet aber und gibt ihnen inneren Frieden. Diesen Aspekt sollte man nicht übersehen.

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