Atomausstieg Ja oder Nein?

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Atomausstieg Ja oder Nein?

Von Christina Marchand, 21.11.2016

Noch eine Woche bis zur Entscheidung über die Frage eines geordneten Atomausstiegs. Hier die wichtigsten Fakten, um einen rationalen Entscheid ableiten zu können.

Die folgenden fünf Punkte sind zentral in der Diskussion um den Entscheid:

Wie gross ist das Risiko eines Supergaus?

Das Risiko ist gering, das ist klar. Aber trotz des geringen Risikos hat es weltweit zwei grosse und einige kleine Unfälle in AKWs gegeben. Laut Statistik hätten es nicht so viele sein dürfen. Allein die Tatsache, dass es keine Versicherung für den Gau gibt, zeigt schon, dass die Risiken schwer zu schätzen und finanziell desaströs sind. Jeder Konservative sollte für Vorsicht sein und daher sicherheitshalber das Abstellen planen.

Fazit: Das Risiko ist klein, aber zu gross, um es wirklich zu riskieren.

Wohin mit dem Müll?

Zur Mülllagerung ist nicht viel zu sagen, der Fall ist klar: Es gibt noch keine Lösung für eine sichere Lagerung des Abfalls. Allerdings kommt es auf ein paar weitere Jahre AKW auch nicht an. Es spielt aber doch eine Rolle, wohin in den nächsten Jahren Geld fliesst: in die Verbesserung und Wartung von einigen wenigen auslaufenden AKWs oder in den Ausbau unserer Energiezukunft.

Fazit: Der Müll muss sowieso entsorgt werden, aber jedes Jahr wird das Problem etwas grösser.

Die Stromversorgung im Auge behalten

Die Netze haben bereits bewiesen, dass selbst das Abschalten aller Schweizer AKWs für einige Zeit verkraftbar ist (im 2015 waren alle AKWs gleichzeitig abgeschaltet). Diesen Winter geht neben Beznau noch Leibstadt für die Revision vom Netz, und unser Stromnetz wird immer noch funktionieren. Das zeigt, dass es möglich ist, die Schweiz mit Strom, welcher im Inland produziert wird, zu versorgen. Der Rest wird übergangsweise importiert.  

Dabei kann man Kohlestrom auch ausschliessen. In anderen Ländern hat sich der Anteil von Wind- und Solarstrom in wenigen Jahren vervielfacht. Das könnten wir in der Schweiz ebenfalls erreichen, wenn erst einmal ein klarer Ausstiegspfad festgelegt ist. Eine rasante Entwicklung und Verbesserung der Technologien für erneuerbare Stromerzeugung und Speicherung macht den Umstieg immer einfacher.

Fazit: Technisch ist es lösbar, wenn die Planung stimmt.

Klimaschutz ist heikel

Neben Wind, Wasser und Sonne ist die Atomkraft eine CO2-arme Technologie. Der Klimawandel ist ein riesiges Problem mit dem Potential, die Erde nachhaltig für Menschen unbewohnbar zu machen. Deshalb ist der schnelle Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien zwingend. Einem Land mit Kohle- und Kernkraftwerken würde man wohl raten, erst aus der Kohle und dann aus der Kernkraft auszusteigen, denn das Risiko eines katastrophalen Klimawandels ist fast hundert Prozent und damit viel gefährlicher als ein Atomgau. Zudem wir sehen am Beispiel von Deutschland, dass es nicht damit getan ist, neue Anlagen zu bauen. Man muss auch alte Kraftwerke abschalten, damit der Markt nicht überschwemmt wird und die Preise in den Keller sinken.

Auch für die Schweiz macht es Sinn, Planungssicherheit zu schaffen und parallel zum Ausbau den Ausstieg festzulegen. Denn für die Wirtschaft und die Unternehmen ist Unsicherheit das schlimmste Szenario. Der Pfad in eine erneuerbare Zukunft wäre viel gradliniger mit einem klaren Zeitplan.

Fazit: Aussteigen dürfen wir nur, wenn wir auch bereit sind, den Ausbau der Erneuerbaren und Stromeffizienz-Massnahmen mit der nötigen Geschwindigkeit voranzutreiben. Dauerhafter Import von Dreckstrom ist keine Alternative.

Ist das alles nicht viel zu teuer?

Im Moment leben wir in der grotesken Situation, dass Strom immer billiger wird und deshalb nicht mal mehr ein Anreiz besteht, diesen sparsam zu nutzen. Im Vergleich zu allen Nachbarländern und auch zu den Generationen vor uns zahlen wir so wenig für Strom wie noch nie. Gleichzeitig gehen wir mit der Atomkraft ein gewaltiges Risiko ein und jammern, dass Alternativen zu teuer sind.

Dabei gibt es sowohl bezahlbare Alternativen für die Herstellung wie auch Geräte zum Sparen von Strom. Wenn der Strom nur wenig teurer wäre, dann würde sich beides lohnen, so dass wir am Ende für wenig mehr Franken sehr viel mehr Sicherheit, weniger Abfälle und schnelleren Ausbau hätten. Es ist erstaunlich, dass es sich eine der reichsten Nationen der Welt nicht leistet, für den Preis eines Kinoeintritts pro Monat die Energieversorgung für das 21. Jahrhundert fit zu machen.

Fazit: Beim Strom ist die Umstellung und der Ausbau vergleichsweise günstig zu haben und schafft erst noch viele Arbeitsplätze im Inland.

Quintessenz:  Die Fakten zeigen, dass ein Ausstieg technisch und finanziell machbar ist. Ein Ja würde die Energiewende beschleunigen und absichern, ein Nein wird wieder zu mehr Unsicherheit im Strommarkt führen und die Planung für die Unternehmen erschweren.

Kommentare

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Technisch unmöglich, zumal zwischen November und Februar gerade einmal so viel Solarstrom produziert wird, wie in einem einzigen Sommermonat. Wind für die Windräder ist auch nicht immer vorhanden. Bei einem Orkan muss man die Windräder sogar abstellen.

Kommt noch hinzu, dass die Hochnebelobergrenze immer weiter steigt, so dass man die Solaranlagen in den Bergen noch weiter hinauf verpflanzen müsste, ergo diese aber wieder stärker der Winterung ausgesetzt sind, so dass man dies beheizen müssten, damit auf dem Panels kein Schnee und Eis zu liegen kommt. was die Leistung drosselt. Windräder sind dagegen in grösseren Höhen noch mehr der Winterung ausgesetzt sind; der Netzanschluss im unwegsamen Gelände umso schwieriger und teurer ist.

Quintessenz: Eine Energiewende, die nur im Sommer und zu Bürozeiten funktioniert, ist ein absoluter Unsinn.

Die Alternative zum Weiterbetrieb der Atomkraftwerke sind Kohlekraftwerke oder Atomstrom aus Frankreich. Von einer rasanten Verbesserung der Speichertechnologie ist nämlich weit und breit keine Spur. Die Batterien werden lediglich billiger, aber nicht leistungsfähiger. Im übrigen macht Deutschland gerade vor, wie man Strom zu Tageszeiten massenhaft produziert, an denen er von niemandem gebraucht wird und zu sinnlos überhöhten Preisen von den Stromkunden zu allem Überfluss auch noch unfreiwillig bezahlt wird. Nein sehr geehrte Frau Marchand, diese absurde Ersatzreligion ist ein Flop auf der ganzen Linie. Aber was kann man schon anderes erwarten, wenn Abzocker und ökoreligiöse Träumer gemeinsame Sache machen.

Danke für die vielen Kommentare zu meinem Artikel. Es ist ein Kunst kurze und prägnante Artikel zu schreiben, die auch noch ganz präzise sind und alle Fakten enthalten. Ich habe mich hier eher für einen kurzen Artikel entschieden und daher die Fakten nicht ausführlich mit Quellen angegeben. Eine genauere Analyse zum Strommarkt, die viele Grundlagen und Fakten enthält, die ich hier vorausgesetzt habe, finden sie in meinem anderen Artikel über den Strommarkt. Dort finden sie auch Quellenangaben.
Herzliche Grüsse und danke für Ihre konstruktive Kritik
Christina Marchand

Danke für diesen Kommentar. Sie haben natürlich recht. Ich habe aufgrund der Kürze des Artikels etwas salopp geschrieben und war mit der Wortwahl Risiko nicht so genau. Ich hatte die Eintretenswahrscheinlichkeit gemeint, fand das Wort aber zu kompliziert. Umgangssprachlich sehen es vermutlich viele Menschen als Risiko an und haben hoffentlich verstanden was ich damit gemeint habe. Es ist leider nicht leicht, in der Kürze immer alles ganz präzise auszudrücken.

Die Ausstiegsgegner versuchen in letzter Minute, uns den Teufel "Dreckstrom ersetzt sauberen Atomstrom" an die Wand zu malen. Es sind aber dieselben Kreise, wie z.B. die BKW, welche im Ausland in Kohlekraftwerke investiert haben, oder die erst durch das Volk daran gehindert wurden, wie die Repower durch Volksnein. Ein Ja zur Planungssicherheit im Atomausstieg gibt ein klares Signal an die Stromversorger, massiv in die dezentrale und einheimische, erneuerbare Stromerzeugung und in die Stromnutzungseffizienz zu investieren. Auch greift die Erkenntnis langsam um sich, dass es eine Dreckstrom-Abgabe braucht, wie etwa die entsprechende Standesinitiative des Kt. Genf zeigt.

Ich gratuliere Ihnen Frau Marchand!
So prägnant, klar, umfassend, weitsichtig und einleuchtend sprechen die meisten Politiker und Interessenvertreter nicht.

Das Risiko sei "gering".
Hier müsste unterschieden werden:
1. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein GAU überhaupt passiert, das wird oft "Eintretenswahrscheinlichkeit" genannt. Diese ist tatsächlich gering. Diese Wahrscheinlichkeit kann aber über das ereignen einer konkreten Katasprophe leder gar nichts sagen.
Das wird dann eben "Restrisiko" genannt.
2. Die Schwere und die Konsequenzen eines GAU. Diese sind so verheerend, dass sie gar nicht zu bewältigen sind. Alleine schon der materielle Schaden ist so ernorm, dass das Risiko AKW auch bei sehr geringer Eintretenswahrscheinlichkeit nicht zu verantworten ist.
Versicherungsexperten in Deutschland hatten eine Schadensumme von 6 Tausendmilliarden Euro errechnet. Kein wunder kann und will das keine Gesellchaft versichern!

Als ich den Titel und Einleitung las, dachte ich: Wow, hier traut sich eine heroische Person doch tatsächlich an die übermenschliche Aufgabe dieses heisse Thema sachlich/neutral zu behandeln. Respekt, schon nur für den Versuch (dachte ich). Immerhin geht es hier um einen zentralen dogmatische Streit der denkenden (höheren) Kasten des Abendlandes im 4. Jahrhundert der Aufklärung! Gut, später im Artikel habe ich dann gesehen, dass das schier Unmöglich doch nicht wirklich versucht wurde (die neutrale Behandlung). Und so spaltet uns halt weiterhin das Atom... ;-)

Wünsche, Hoffnungen, Vermutungen, Behauptungen - aber FAKTEN: nö! Bloss Abstimmungs-Propaganda.

Interessant, wie man Informationen deuten kann, wenn man bereits eine unverrückbare Meinung hat.

Genau das sage ich ja: Fakten ankündigen, die nicht folgen. Nur ein Beispiel: "Laut Statistik hätten es nicht so viele sein dürfen." Welche Statistik, bitte sehr? Massgebend ist aber nicht die Statistik, sondern die Ursachen, die zu den Unfällen geführt haben. Weitere Beispiele auf Anfrage :-)

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