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Ukraine-Krieg

Wird die Krim zu Putins Achillesferse?

28. Juni 2026
Reinhard Meier
Reinhard Meier
Kertsch-Brücke, Explosion
Die Kertsch-Brücke, die das russische Festland mit der Halbinsel Krim verbündet. Sie wurde nach der Krim-Annexion im Jahr 2014 erbaut. Im Oktober 2022 explodierte ein Tanklastwagen auf der Autobahn (Bild) und mehrere Eisenbahnwaggons gerieten dadurch in Brand. Die Brücke ist durch weitere ukrainische Angriffe teilweise beschädigt und gefährdet. (Foto: EPA/STRINGER)

Fast ganz Russland jubelte, als Präsident Putin im Jahr 2014 die Halbinsel Krim mit einem Husarenstreich der Ukraine entriss und annektieren liess. Doch jetzt droht die Halbinsel durch die Zerstörung oder Beschädigung der Zufahrtsverbindungen zur Insel zu werden, die kaum noch mit Treibstoff versorgt werden kann. 

Damit hatte Putin mit Sicherheit nicht gerechnet, als er im Februar 2022 den Angriffskrieg gegen die Ukraine entfesselte: Dass ausgerechnet die prestigeträchtige Halbinsel Krim zu einer gefährlichen Schwachstelle in seinem Feldzug werden könnte. Die Zufahrtswege zu der Halbinsel mit ihren rund zwei Millionen Einwohnern sind durch kontinuierliche ukrainische Drohnenangriffe inzwischen entweder zerstört oder massiv beeinträchtigt. 

Blockierte Zufahrtswege im Norden

Die hauptsächlichen Verbindungen führen zum einen vom russisch besetzten ukrainischen Festland südlich von Cherson über zwei schmale Landverbindungen mit  Zufahrtsstrassen und Flussübergängen in den nördlichen Teil der Krim. Diese Zugänge sind mittlerweile weitgehend blockiert – entweder durch die Zerstörung von Brücken (unter ihnen auch behelfsmässige Ponton-Brücken) entlang dieser Routen. Oder diese Transportwege sind durch Drohnen-Attacken auf Lastautos, die mit Versorgungsgütern für die Halbinsel unterwegs sind, hochriskant geworden. Ungezählte zerstörte oder schwer beschädigte Lasdtwagen entlang dieser Strassen sind auf Videos im Internet zu sehen. 

Die zweite Hauptverbindung zur Krim führt vom russischen Festland südlich von Rostow am Don über eine imposante, mehrspurige Auto- und Eisenbahnbrücke bei der Meerenge von Kertsch zur Ostküste der Halbinsel. Diese aufwendige Brückenkonstruktion ist erst nach der widerrechtlichen Annexion der Krim durch Russland im Jahre 2014 im Eiltempo gebaut und 2018 eingeweiht worden. 

Die Kertsch-Brücke wurde damals als ein Wahrzeichen für die definitive Rückkehr der Schwarzmeerhalbinsel zum russischen Staatsgebiet und zugleich als leuchtendes Exempel von Putins Tatkraft gefeiert. Sie ist 19 Kilometer lang und damit die längste Brücke in Europa.

Gefährdete Kertsch-Brücke im Osten

Diese wichtige Verbindung zur Krim wurde nach Putins Überfall auf das Nachbarland erstmals im Herbst 2022 durch eine ukrainische Operation beschädigt, bei der ein Lastauto auf der Autobahn explodierte und mehrere  russische Eisenbahnwaggons in Brand gerieten. Der Betrieb konnte mit eingeschränkter Kapazität zwar bald wieder aufgenommen werden. Doch inzwischen wird wegen dieser Risiken offenbar kein Benzin mehr über die Kertsch-Brücke auf die Krim transportiert. 

Vor einigen Wochen zirkulierten auch Meldungen über Angriffe durch ukrainische Unterwasserdrohnen auf Stützpfeiler der Meeresbücke. Laut dem ukrainischen Geheimdienst soll es bei diesen Operationen zu mehreren Explosionen gekommen sein, doch ob und wieweit solche Pfeiler beschädigt wurden, ist unklar. Dass Russland aber die Kertsch-Brücke vom Meer her bedroht sieht, belegen Bilder im Internet, die die Stationierung einer Kette von Schiffen unmittelbar vor der Längsseite der mächtigen Konstruktion zeigen. Offenbar will man damit die Brücke vor weiteren Angriffen aus dem Wasser schützen.

Offizieller Notstand auf der Halbinsel

Am Freitag hat nun der von Russland eingesetzte Gouverneur der Krim, Sergei Aksjonow, offiziell den Ausnahmezustand für die Halbinsel ausgerufen. Somit gibt es keine Zweifel mehr, dass die Versorgungslage hochdramatisch geworden ist, nachdem schon in den Tagen und Wochen zuvor Meldungen über geschlossene Tankstellen und Einschränkungen des öffentlichen Verkehrs verbreitet worden waren. 

Die Krim zählt traditionell zu den beliebtesten Feriendestinationen Russlands. Jeden Sommer strömen Millionen von sonnenhungrigen Touristen aus den Weiten des russischen Festlands auf die Halbinsel. Schon wegen der weitgehend blockierten Zufahrtswege werden die sonst dicht bevölkerten Strände praktisch leer blieben. Die grossen Ferienlager für Kinder sind geschlossen. Auch der zivile Flugverkehr zur Krim ist eingestellt. 

Verstummter Jubel über die Krim-Annexion 

Was für ein Kontrast zum allgemeinen Jubel in ganz Russland, als Präsident Putin unmittelbar nach den olympischen Winterspielen von 2014 in Sotschi die zur Ukraine gehörende Schwarzmeerhalbinsel handstreichartig besetzen liess, ohne auf ernsthaften Widerstand zu stossen. Putin hatte mit dieser verblüffenden Aktion auf die Maidan-Rebellion in Kiew und die Vertreibung des mit Moskau eng verbundenen ukrainischen Präsidenten Janukowitsch reagiert. 

Die Krim wurde kurzerhand als offizieller Teil Russlands annektiert, obwohl Moskau nach der Auflösung der Sowjetunion die territoriale Integrität der Ukraine inklusive die Halbinsel Krim in mehreren Verträgen in aller Form anerkannt hatte. 1954 hatte der damalige Sowjetführer Chruschtschow die Krim der ukrainischen Sowjetrepublik unterstellt. Doch das warf damals keine grossen Wellen, weil die Halbinsel ja weiterhin im grossrussischen Imperium verblieb. 

Die von Putin 2014 so überraschend und effizient inszenierte «Heimholung» der Halbinsel zu Mütterchen Russland ist damals auch von Regimekritikern im eigenen Land begrüsst worden. Selbst Alexei Nawalny, der sich später zum bekanntesten Putin-Gegner entwickelte und 2024 in einem Arbeitslager jenseits des Polarkreises zu Tode gekommen ist, stimmte anfänglich in den nationalistischen Hurra-Ruf «Krim nasch» (die Krim ist unser) ein. 

Putin schweigt

Was aus der akuten Krisensituation auf der Krim werden wird, ist schwer vorauszusehen. Kaum zweifelhaft wird die Ukraine bestrebt sein, die Abschnürung der Halbinsel durch Fortsetzung ihrer Drohnenangriffe auf die Verbindungswege weiter voranzutreiben und sie so als immer unzugänglichere Insel zu isolieren. Damit wird auch die Versorgung russischer Truppen, die im Krieg gegen die Ukraine an der Südfront des Donbass im Einsatz sind, immer schwieriger zu gewährleisten sein. Denn diese Einheiten wurden lange Zeit hauptsächlich über Transportwege auf der Krim mit Nachschub beliefert.

Auf der anderen Seite kann es sich Putin gewiss nicht leisten, die prestigeträchtige Halbinsel ihrem Schicksal zu überlassen und gar den völligen Ausfall der Kertsch-Brücke zu riskieren. Wie das Regime eine Verschärfung der Krim-Krise indessen konkret verhindern will und was die Ausrufung des Notstandes praktisch bedeutet, bleibt für die russische Öffentlichkeit ein grosses Fragezeichen. Putin und seine Kreml-Sprecher hüllen sich zu diesem Punkt bisher in Schweigen. 

Kiews Kalkül 

Das Kalkül in Kiew ist einfacher zu begreifen. Die Ukraine hofft offenkundig, dass die  Krim-Gefährdung sich für Putin zu einer Art Achillesferse entwickelt, deren Erhalt unbedingt gewährleistet werden muss, um den politischen und militärischen Kollaps seiner Angriffsoperation gegen die Ukraine zu verhindern. Die meisten Beobachter der Ukraine-Tragödie sind sich einig, dass sich der Kremlherr erst dann zu seriösen Verhandlungen über einen Waffenstillstand und eine Friedenslösung bequemen wird, wenn er einsehen muss, dass er diesen Krieg nicht gewinnen kann – und dessen Fortsetzung sein eigenes Machtimperium ins Rutschen bringt. 

Die sich verschärfende Abschnürung der Krim-Halbinsel könnte den Diktator mit dazu zwingen, sich dieser Einsicht nicht länger zu verweigern. 

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