Die Vereinigten Staaten feiern am 4. Juli den 250. Jahrestag ihres Bestehens – ein Grund für den Autor, sich zu erinnern, wie es ihn 1970 erstmals für ein Jahr in die USA verschlug und was für eine Nation er am Central College in Pella (Iowa) in Amerikas «Heartland» angetroffen hat. Es war andere Zeiten – aber mit unübersehbaren Parallelen zu heute.
Unvergesslich an jenem Septembertag 1970 der nächtliche Anflug mit einer DC-8 der Swissair auf den Flughafen O’Hare in Chicago. Unten glitzerte, als wär’s eine Filmkulisse, die hell erleuchtete Skyline der «Windy City», als wäre der spektakuläre Anblick eine Verheissung auf Amerika, die Georg Gersters Swissair-Plakate später fotografisch einlösen sollten: die verschlungenen Freeways von Los Angeles, die kreisrunden Bewässerungssysteme Nebraskas, der Everglades National Park in Florida.
Der Transatlantik-Flug war in Kloten mit mehreren Stunden Verspätung gestartet. Der Grund: Wenige Tage zuvor hatten Kämpfer der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) die DC-8-HB-IDD «Nidwalden» der Swissair in die Wüste beim jordanischen Zerqa entführt und auf dem «Airport Gaza» 125 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder als Geiseln genommen. Fast gleichzeitig entführen Fedayin der PFLP eine Boeing 707 der TWA und eine VC-10 der BOAC. Alle drei Maschinen sprengten sie später in die Luft; die Geiseln kamen frei.
Entsprechend rigoros und ungewohnt waren vor dem Abflug nach Chicago die Kontrollen der Passagiere und des Gepäcks gewesen. Was aber der Vorfreude des 21-Jährigen keinen Abbruch tat, der sich auf ein Inserat in der NZZ hin gemeldet hatte, wonach ein Liberal Arts College in Pella (Iowa) einen Language Assistant suchte, der für ein Jahr im German Department der Universität aushelfen sollte.
Der monatliche Assistentenlohn würde bescheiden sein, dafür waren die Studiengebühren sowie Kost und Logis gratis. Ein Studienjahr am Central College kostete damals rund 3’000 Dollar – bei einem Dollarkurs von 4.20 Franken. Der Zuger Uni-Student überstand in Zürich erfolgreich ein Bewerbungsgespräch mit der Leiterin der Fakultät und buchte den Flug «Chicago einfach».
Landwirtschaft pur
Von O’Hare flog der künftige Language Assistant am Morgen nach der Ankunft in Chicago weiter nach Des Moines, der Hauptstadt des US-Staats Iowa, wo ihn ein Mitarbeiter des Colleges per Station Wagon am Flughafen abholte und auf dem Highway 163 nach dem 70 Kilometer entfernten Pella chauffierte. Auf der 45-minütigen Fahrt präsentierte sich der Mittlere Westen Amerikas, wie er im Buch steht: weite Felder, hie und da unterbrochen von Farmen mit Getreidesilos und einzelnen Siedlungen mit Wassertürmen – Landwirtschaft pur.
Iowa mit seinen rund 2,8 Millionen Bewohnern war 1970 dank fruchtbarer Lössböden Teil der Kornkammer Amerikas, wo Mais, Sojabohnen und Getreide angebaut wurden und Viehwirtschaft, vor allem Schweinezucht, eine wichtige Rolle spielte. In Erinnerung bleiben die Autoaufkleber an den Pick-up Trucks der Farmer: «Pigs Are Beautiful». Doch die Einheimischen deswegen als Hinterwäldler abzutun, wäre verfehlt gewesen. Da ihre Produkte auf den Weltmärkten verkauft wurden und ihre Erträge entsprechend schwanken konnten, verfolgten Farmer das internationale Geschehen nahe.
Nicht umsonst hatte KPdSU-Parteichef Nikita Chruschtschow im September 1959, kurz nach dem Sputnik-Schock und dem Sieg der Revolution in Kuba, im Rahmen einer 12-tägigen USA-Visite zwei Tage in Iowa verbracht. «Communist Khrushchev’s visit to Capitalist Iowa will be the most important part of his American tour from his viewpoint», wusste die Sonntagszeitung «Des Moines Sunday Register» und druckte ein Foto, das den Regierungschef aus dem Kreml beim Essen seines ersten Hot Dogs zeigte.
Ein fortschrittlicher Staat
In Coon Rapids besichtigte Chruschtschow die Farm von Roswell Garst, der in den 1930er-Jahren eine besonders ertragreiche Sorte Mais entwickelt hatte, was den Chef der KPdSU besonders interessierte. «Es gibt ein enormes Ausmass an freundschaftlichen Gefühlen unter Amerikanern für die Sowjetunion», schrieb die «Prawda» nach seinem Besuch. Und die «Ames Daily Tribune» zitierte die «Iswestija», wonach die Menschen in Iowa massgeblich beigetragen hätten zu etwas, wovon sie hofften, es könne den Kalten Krieg beenden.
Trotz seines Rufs als konservativer Agrarstaat und Teil des frommen «Bible Belt» ist Iowa verhältnismässig liberal und gilt als «Swing State», der bei Präsidentenwahlen mal demokratisch, mal republikanisch wählt. Auch hat sich «The Corn State» bei der Einführung der Bürgerrechte erstaunlich fortschrittlich gezeigt: Der Iowa Supreme Court entschied sich bereits 1839 gegen Sklaverei, 1868 gegen Rassentrennung und 1873 gegen Rassendiskriminierung. 2019 legalisierte Iowa als dritter US-Staat die Heirat gleichgeschlechtlicher Paare. Ausserdem ist Iowa bis vor Kurzem der erste Staat der USA gewesen, der in Wahljahren «caucuses», erste Tests für die Beliebtheit von Präsidentschaftskandidatinnen und -Kandidaten, organisierte.
Pella, Sitz des Central Colleges, zeigte sich 1970 als prosperierendes Städtchen mit niederländischen Wurzeln. Davon zeugten «downtown» unübersehbar mehrere Windmühlen, ein Uhrenturm mit «Klokenspel» und Gebäude wie das «Dutch Mill Motel». Der Ort, nach der Hauptstadt des makedonischen Reiches benannt, war 1847 von 800 Auswanderern aus Holland unter Führung von Pastor Hendrik P. Scholte gegründet worden. 1970 lebten rund 7’000 Menschen in Pella.
Nicht wenige Leute im Ort arbeiteten für eine Fensterfabrik, welche die landesweit bekannten «Pella Windows» herstellt, oder für die Vermeer Corporation, die, typisch für Iowa, landwirtschaftliche Geräte wie Hacker, Häcksler oder Traktoren produziert. Ein populärer Autoaufkleber in Pella verkündete: «Yer Not Much If Yer Not Dutch.» Derweil verriet ein Blick ins Telefonbuch des Städtchens eine auffällige Konzentration von Kuypers, Vermeers oder Van Zees – Nachfahren der Siedlerpioniere aus Holland.
Local Hero
Pellas bekanntester Sohn ist der Westernfans bestens bekannte Revolverheld Wyatt Erp (1848–1929), der sich am 26. Oktober 1881 in Tombstone (Arizona) als Gesetzeshüter mit Schützenhilfe von Doc Holiday das legendäre Feuergefecht am O. K. Corral lieferte. Beim von Hollywood mehrmals verfilmten Showdown mit militanten Cowboys fielen innert 30 Sekunden etwa 30 Schüsse; drei Personen wurden getötet, drei weitere verletzt. Erp und Holiday überlebten. Noch heute ist Amerikas Faszination für tödliche Waffen ungebrochen und das Recht auf Waffentragen in der Verfassung festgeschrieben.
Höhepunkt des jährlichen Stadtlebens in Pella und Touristenmagnet war 1971 (und ist bis heute) das «Tulip Festival» Anfang Mai, wenn der Ort in einem Farbenmeer von Tulpen versinkt und die Menschen in holländischen Kostümen und mit Paraden ihr europäisches Erbe feiern. 2010 sollten Pellas Festivalbesucher sogar einen Weltrekord aufstellen: Mehr als 2’600 Leute tanzten während über sechs Minuten in Holzschuhen. Die Lokalzeitung, die 1901 gegründete «Pella Chronicle», vermeldete es stolz.
Einladende Lebensgemeinschaft
Central College, von holländischen Siedlern gegründet, öffnete am 8. Oktober 1854 mit einem zweistöckigen Gebäude und drei behelfsmässigen Klassenzimmern für 37 Studenten die Tore. 1916 affiliierte sich die Schule, die zuvor baptistisch gewesen war, mit der Reformierten Kirche Amerikas, blieb aber für alle Glaubensrichtungen offen.1970 zählte die Studentenschaft rund 1’500 junge Menschen, unter ihnen auch Studierende aus dem Ausland – aus Südamerika, Afrika und Asien.
Das «Mission Statement» der liberalen Hochschule liest sich heute wie folgt: «Das Central College ist eine einladende Lerngemeinschaft, die sich dem intensiven und offenen Forschen verschrieben hat, um die Studierenden bestmöglich auf ein Leben voller Integrität, Kreativität und Anpassungsfähigkeit vorzubereiten. (…) Geprägt von seinem christlichen Erbe legt das Central College grossen Wert auf Inklusion, Bescheidenheit, Freundlichkeit und Gastfreundschaft und lädt Lernende aller Hintergründe und Glaubensrichtungen ein, gemeinsam mit uns nach Wissen, Chancen und Selbstverwirklichung zu streben.» Dem hehren Anspruch ist Central College wiederholt gerecht geworden: Die Institution figuriert auf den in den USA so beliebten Ranglisten der landesweit besten Hochschulen stets auf vorderen Plätzen – wie «The Flying Dutchmen», das erfolgreiche Football-Team von Central, 1970 betreut vom legendären Coach Ron «Skip» Schipper, im Jahr 2000 in die College Hall of Fame aufgenommen.
«Steak Night»
Eine der Stärken des Colleges war 1970 das Foreign Language Programme – mit ein Grund, weshalb es ausländische Language Assistants rekrutierte. Deren Job war es, für Studierende, entweder für Boys oder für Girls, als Ansprechpartner und Sprachtrainer zu agieren. So wohnte der Swiss German Language Assistant nicht im «dorm», einem Studentenwohnheim auf dem Campus, sondern im German House for Boys. Dorthin wurde, einmal die Woche, in der «Steak Night», das Abendessen angeliefert.
Central College unterhielt zudem ein beliebtes «Study Abroad»-Programm, das es jungen Amerikanerinnen und Amerikanern erlaubte, im Ausland zu studieren. Als Destinationen standen Institutionen in Deutschland, Frankreich und Spanien zur Auswahl. Versuchsweise wurde erstmals auch Japanisch als Fremdsprache angeboten.
«Pelican ‘71», das Jahrbuch des Colleges, verewigte den Schweizer Sprachassistenten auf einer Aufnahme des International Club zwischen Chang Van Zee und Terry Diaz als bärtigen «Igi Staub». Eine Aufnahme des fast ausschliesslich mit Ausländern besetzten Fussball-Teams, das gutartig vernachlässigt gegen Mannschaften anderer Colleges in Iowa spielte, schaffte es nicht ins Jahrbuch. Soccer, wie die Amerikaner Fussball im Gegensatz zu ihrem Football nennen, war damals eine Quantité négligeable und höchstens was für Mädchen. Noch erinnert ein feuerrotes Jersey mit der Rückennummer 11 und aufgedrucktem Namen an die wenig gloriosen Zeiten auf dem Fussballplatz. Das Leibchen hat später, zweckentfremdet, einer Tochter als Nachthemd gedient.
Präsident Richard Nixon
Währenddessen bewegten Ausläufer der 1960er-Jahre auch die Studierenden des Central Colleges. Amerika war 1970 ein Land in Umbruch: International herrschte Kalter Krieg und national wurden die Bürgerrechts-, die Umweltschutz- und die Frauenbefreiungsbewegung zunehmend aktiver. Die Jugend, Verfechterin der «Counter Culture», protestierte gegen das Establishment, vor allem gegen den Krieg in Vietnam und den «draft», die allgemeine Wehrpflicht: «Make love, not war». Rock und Folk gewannen an Beliebtheit: Jimi Hendrix, Janis Joplin und The Doors, deren Leadsänger Jim Morrison am 3. Juli 1971 in Paris unter ungeklärten Umständen in Paris starb und dessen Song «The End» die Stimmungslage einer desillusionierten Generation wiedergab.
Im Weissen Haus sass mit «Tricky Dick» Nixon ein ungeliebter republikanischer Präsident, der sich 1972 in die Wirren von Watergate verstricken und Amerikas Vertrauen in die Politik nachhaltig sinken lassen sollte – zu einer Zeit, da Skandale in Washington DC noch Folgen hatten. Auf dem Campus studierten 1970 auch Veteranen, die im Krieg in Vietnam gekämpft hatten – mit ihren Erfahrungen in Kontrast zu den übrigen Studierenden, unter denen die meisten wohlbehütet aufgewachsen waren.
Vom «New Yorker» porträtiert
Pella und Central College waren stolz, am 24. Dezember 1979 vom Magazin «The New Yorker» für ein längeres Profil auserkoren worden zu sein. Der Artikel zitierte die Antwort von College-Präsident Dr. Kenneth Weller auf die Frage, ob Central College, mit der Reformierten Kirche assoziiert, eine religiöse Institution sei: «Nein, keinesfalls. Wir sind kein Bible-College. Dafür sind wir zu alt und zu etabliert. Wir sind, strenggenommen, nicht einmal ein provinzielles College. Die Hälfte unserer Studierenden verbringt die Hälfte ihres akademischen Alltags beim Studium im Ausland.»
Was Dr. Waller auch sagte, könnte sich Amerika anlässlich seines 250. Geburtstags am 4. Juli zu Herzen nehmen: «Unser grundsätzliches Bemühen hat mit Werten zu tun. Wir sind schwach punkto Frömmigkeit, aber stark, was das Leben in seiner Gesamtheit betrifft. Wir kümmern uns darum, wie die Dinge sein sollten, aber auch darum, wie sie nicht sein sollten. Wir erinnern uns, dass Watergate nicht die Schuld ungebildeter Leute war. Es war die Schuld hochgebildeter Individuen, denen es an moralischen und ethischen Werten mangelte. Wir versuchen, solche ethischen Werte zu vermitteln – oder sie erneut zu etablieren. (…) Pella ist stets ein geeignetes Umfeld für unsere Arbeit gewesen.»
Der amerikanische Traum
In Erinnerung bleibt schliesslich, in Pella als Inbegriff des «Grossen amerikanischen Romans» gelesen, auch F. Scotts Fitzgeralds «The Great Gatsby». Das zeitweise verbotene Werk setzt sich kritisch mit dem Hedonismus des Jazz Age der 1920er-Jahre und der trügerischen Verlockung des amerikanischen Traums auseinander – damals so aktuell wie heute. Am Ende des Romans sinniert Erzähler Nick Carraway über das Schicksal Jay Gatsbys, eines reichen und unglücklich in Daisy Buchanan verliebten Nachbarn auf Long Island, den ein Bekannter nach einem Autounfall, der seine Frau tötete und in den Gatsby angeblich verwickelt war, erschossen hat.
«Und während ich dort sass und über die alte, unbekannte Welt nachgrübelte, dachte ich an Gatsbys Staunen, als er zum ersten Mal das grüne Licht am Ende von Daisys Steg erblickte. Er hatte einen langen Weg bis zu diesem blauen Rasen zurückgelegt, und sein Traum muss ihm so nah erschienen sein, dass er ihn fast schon mit den Händen greifen konnte. Er wusste nicht, dass der Traum bereits hinter ihm lag, irgendwo dort in jener weiten Dunkelheit jenseits der Stadt, wo sich die dunklen Felder der Republik unter dem Nachthimmel ausbreiteten.
Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die ekstatische Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Damals entglitt sie uns, aber das macht nichts – morgen werden wir schneller laufen, unsere Arme weiter ausstrecken … Und eines schönen Morgens –
So kämpfen wir weiter, Boote gegen den Strom, unaufhörlich zurückgetrieben in die Vergangenheit.»
Trotzdem: Happy Birthday, America!