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Schule

Nicht modern. Bildungswirksam.

3. Juli 2026
Carl Bossard
Schüler beim Lernen
Schüler beim Lernen (Foto: Keystone/Gaetan Bally)

Nicht alles, was Schule moderner macht, macht sie auch besser. Entscheidend ist nicht, wie modern Unterricht erscheint, sondern wie bildungswirksam er ist.

Mitunter genügt ein einziger Satz, um den Blick auf das Wesentliche zu lenken.

Nach der Niederlage der deutschen Fussballnationalmannschaft gegen Paraguay schrieb Jürgen Kaube in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» über weit mehr als ein misslungenes Fussballspiel. Fast beiläufig hielt er fest: «Ein erheblicher Leistungsabfall des Bildungssystems ist festgestellt.» (1)

Zunächst irritiert diese Bemerkung. Was hat ein Fussballspiel mit Schule zu tun? Vermutlich mehr, als uns lieb ist.

Denn Kaubes Satz verweist auf eine Erfahrung, die weit über den Sport hinausreicht. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft mehren sich die Hinweise, dass Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich sind. Nicht spektakuläre Spitzenleistungen geben Anlass zur Sorge, sondern schleichende Verluste im Fundament.

Fast gleichzeitig berichten amerikanische Hochschulen von Studienanfängerinnen und Studienanfängern, die Mühe haben, anspruchsvolle Texte zu lesen oder mathematisch zu argumentieren. Selbst renommierte Universitäten sehen sich gezwungen, Grundlagen nachzuholen, die früher als Voraussetzung eines Studiums galten. (2) OECD-Erhebungen zeichnen ein ähnliches Bild. (3) Nicht überall. Aber oft genug, um aufmerksam zu werden.

Der Massstab

Nun wäre es einfach, nach den Schuldigen zu suchen.Die Digitalisierung. Die sozialen Medien. Die Pandemie. Die künstliche Intelligenz. Jede dieser Erklärungen enthält ein Stück Wahrheit.

Doch vielleicht führen sie gerade deshalb in die Irre. Vielleicht stellen wir seit Jahren die falsche Frage. Wir diskutieren mit grossem Aufwand über neue Lernformen, digitale Werkzeuge, Künstliche Intelligenz oder selbstgesteuertes Lernen. Fast jede Reform verspricht, Schule moderner zu machen und besser.

Selten aber fragen wir nach dem eigentlichen Massstab: Wodurch wird Unterricht bildungswirksam?

Selten findet sich die Antwort in grossen Reformprogrammen. Meist zeigt sie sich in kleinen pädagogischen Augenblicken.

Was guten Unterricht ausmacht

Vor wenigen Wochen sass ich hinten in einer Primarschulklasse. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten selbständig an einer anspruchsvollen Aufgabe. Ein Junge begann konzentriert, stockte dann, blickte zu den anderen hinüber und legte schliesslich den Bleistift weg. 

Die Lehrerin bemerkte es sofort. Sie trat zu ihm. Sie erklärte nicht lange. Zwei Fragen. Ein kurzer Hinweis. Dann ging sie weiter. Wenige Minuten später arbeitete der Junge wieder vertieft.

Von aussen betrachtet war kaum etwas Besonderes geschehen. Und doch verdichtete sich in diesem unscheinbaren Augenblick etwas Entscheidendes. Die Lehrerin verfügte über jenes feine pädagogische Gespür, das erkennt, wann ein Kind Unterstützung braucht, wie viel Hilfe nötig ist – und wann sie wieder zurücktreten muss. Nicht zu früh. Nicht zu spät. Nicht zu viel. Nicht zu wenig.

Solche Situationen lassen sich weder verordnen noch digitalisieren. Sie entstehen dort, wo pädagogische Urteilskraft auf Erfahrung, Fachwissen und Aufmerksamkeit trifft. Pädagogische Urteilskraft ist die Kunst, im entscheidenden Augenblick das Wesentliche vom bloss Zeitbedingten zu unterscheiden. Darin liegt ein Kern jener Professionalität, die guten Unterricht bildungswirksam macht.

Was Forschung bestätigt

Gerade deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Erkenntnisse der Unterrichtsforschung. Seit Jahren zeigen Studien erstaunlich übereinstimmend: Bildungswirksamer Unterricht entsteht nicht in erster Linie durch neue Methoden oder technische Innovationen. Entscheidend sind die Qualität der Lehrperson, die Klarheit der Führung, tragfähige Beziehungen, kognitive Anregung, präzise Rückmeldungen und eine Kultur gemeinsamen Lernens.

Vielleicht erklärt sich von hier aus auch eine eigentümliche Entwicklung der vergangenen Jahre. Allzu oft wurden pädagogische Mittel mit pädagogischen Zielen verwechselt. Digitalisierung, selbstgesteuertes Lernen oder Künstliche Intelligenz sind weder Heilsversprechen noch Bedrohung. Sie können wertvolle Instrumente sein. Doch sie ersetzen weder Urteilskraft noch Beziehung, weder Sprache noch Denken.

Der bleibende Massstab

Eine Schule, die den Massstab ihrer eigenen Bildungswirksamkeit aus den Augen verliert, läuft Gefahr, sich an Ersatzmassstäben zu orientieren.

Eine Schule wird auch künftig neue Technologien aufnehmen, neue Unterrichtsformen erproben und auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren müssen. Das gehört zu ihrem Auftrag. Doch keine Neuerung ist schon deshalb ein pädagogischer Fortschritt, weil sie neu ist. Jede Innovation muss sich an derselben einfachen Frage messen lassen: Trägt sie dazu bei, dass junge Menschen klarer denken, sorgfältiger urteilen, präziser sprechen und verantwortlicher handeln lernen?

Bildungswirksamkeit entsteht dort, wo pädagogische Urteilskraft den Mut hat, sich weder von Moden noch von Nostalgie verführen zu lassen. Sie fragt nicht zuerst, was neu oder technisch möglich ist. Sie fragt zuerst, was jungen Menschen wirklich hilft. Denn Schule erfüllt ihren Bildungsauftrag dort, wo junge Menschen zu denken, zu urteilen und Verantwortung zu übernehmen lernen.

(1) Jürgen Kaube: Spiegelt sich im Fussball die deutsche Krise Die WM-Niederlage und die Stimmung im Land. In: FAZ, 01.07.2026, S. 9

(2) Vgl. «Students are doing worse than you think. Some at college or university are testing no better than ten-year-olds» In: https://www.economist.com/international/2026/06/25/students-are-doing-worse-than-you-think [abgerufen: 01.07.2026]

(3) Vgl. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2025/09/education-at-a-glance-2025_c58fc9ae/1c0d9c79-en.pdf [abgerufen: 02.07.2026]

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