Kein Ereignis elektrisierte das Denken der Architekten und Architektinnen nördlich der Alpen mehr als die 1975 eröffnete Wanderausstellung «Tendenzen: Neuere Architektur im Tessin» im Globusprovisorium Zürich. Der damalige Weckruf hallt bis heute nach.
Wer Architekturzeitschriften der 1960er und 1970er wie «Bauen+Wohnen», «archithese» oder «Werk» durchblättert, stösst auf ermüdende architekturtheoretische Erörterungen mit einem eigenen Slang, den nur Eingeweihte verstanden – wenn überhaupt. Analysiert wurden gesellschaftliche Strömungen, soziologische Untersuchungen, urbanistische Strategien und vieles mehr. Das war natürlich nicht falsch, aber dabei geriet etwas Entscheidendes unter die Räder: die Gestaltung des zu Bauenden.
Neue Gewichtung des Entwurfsprozesses
Es brauchte einen Sturm aus dem Süden, um die Szene wachzurütteln. Im Rückblick kann der Beitrag von Aldo Rossi nicht hoch genug bewertet werden. Dieser Hauptvertreter des italienischen Rationalismus, dessen Texte alles andere als leicht verständlich sind, konnte mit der neuen Gewichtung des Entwurfsprozesses eine ganze Generation von jungen angehenden ETH-Absolventen entscheidend beeinflussen. Sein Wirken an der ETH in den Jahren 1972 bis 1974 sowie von 1976 bis 1978 wird von etlichen Rossianern in der Rückblende als ungemein befruchtend geschildert, etwa von Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Daniele Marques, Miroslav Šik und vielen anderen.
Rossi hatte im Unterschied zu den von Le Corbusier geprägten Zertrümmerern keine Berührungsängste mit den Monumenten der Vergangenheit, im Gegenteil. In seiner vielzitierten «Die Architektur der Stadt» verneigt er sich vor den historischen Denkmälern, welche den Charakter einer Stadt definieren, unabhängig davon, welche Funktion sie erfüllen. Das, was hinzugefügt wird, muss auf solche Fluchtpunkte ausgerichtet sein, auch formal. Rossi wurde bisweilen in die Nähe der Postmoderne gerückt, doch dabei übersah man, dass es ihm nicht um eine spielerische Übernahme von historischen Stilelementen ging, sondern um einen aufreibenden Dialog von Alt und Neu, was dazu führen konnte, dass gewisse Bestandteile des Alten im Neuen nachhallten.
Eine neue Welt südlich der Alpen
Martin Steinmann, damals Doktorand und Besucher der Vorlesungen von Rossi, richtete seine Aufmerksamkeit auf das Bauen südlich der Alpen und entdeckte dabei eine neue Welt. Zusammen mit Thomas Boga sammelte er von rund zwanzig Tessiner Architekten und Architektinnen Pläne, die schliesslich auf 66 Schautafeln angeordnet und im Globusprovisorium vom 20. November bis 13. Dezember 1975 gezeigt wurden.
Es waren alle Namen vertreten, die kurz danach zu Weltstars arrivierten und in unzähligen Büchern und Artikeln gefeiert wurden: Mario Botta (er vor allem), Luigi Snozzi, Aurelio Galfetti, Mario Campi, Bruno Reichlin, Flora Ruchat, Livio Vacchini, Franco Pessina, um nur die geläufigsten zu nennen. Was sie zeigten, unterschied sich radikal von den nüchternen Realisationen in der Deutschschweiz.
Es war keine eigene Schule, die da etabliert wurde, denn hierfür gab es zu wenig formale Gemeinsamkeiten, wie dies beispielsweise in der Solothurner Schule nachzuweisen war. Es war die Freude an formalen Experimenten, welche die Kollegen nördlich der Alpen irritierte. Gerade Botta bot Lösungen an, die man kaum für möglich hielt, beispielsweise sein rundes Einfamilienhaus in Stabio, das sogar als Hauptmotiv auf einem Werbeplakat für den Tessiner Tourismus ausgewählt wurde.
Arbeit an historischer Substanz
Wegweisend waren die Eingriffe in die historische Substanz der Schlösser von Bellinzona. Campi und Pessina bauten im Innern des zum Schloss Montebello gehörenden Turmes ein Stahlskelet auf, das als Rahmen für das archäologische Museum diente. Und Aurelio Galfetti verwandelte die gewaltige Burg Castelgrande zum Wahrzeichen der ganzen Region, insbesondere durch die Befreiung des imposanten Felssockels von der Vegetation. Mit einem neuen, öffentlichen Zugang zum Schloss und weiteren Instandstellungen in den einzelnen Trakten bewies Galfetti, dass bei einer Restaurierung eines historischen Denkmals nicht auf zeitgenössische Stilelemente verzichtet werden muss.
Hier stand zweifelsohne Carlo Scarpa Pate, der dies beim Umbau des Castelvecchio in Verona erfolgreich umgesetzt hatte. Berühmt wurden auch die Bemühungen von Luigi Snozzi für eine Aufwertung des Ortes Monte Carasso nahe bei Bellinzona, wo er mit dem Umbau des ehemaligen Klosters ein Zentrum definierte und die Rahmenbedingungen für die neuen Bauten, von denen er einige selbst entwarf, festlegte. Dieses Projekt ist so etwas wie die schweizerische Antwort auf die Vorgaben von Rossi.
Remake einer Geschichte machenden Ausstellung
Irina Davidovici, die Leiterin des Instituts gta, bietet nun zusammen mit der Architekturhistorikerin Frida Grahn eine Art Rekonstruktion der Ausstellung von 1975. Die damalige Einrichtung wurde mit einem Modell im Massstab eins zu vier vollständig rekonstruiert. Einige der 1975 hergestellten Schautafeln im Format A0 hängen an den Wänden zusammen mit – und das ist eine echte Augenweide – den originalen Zeichnungen, die für die Tafeln verwendet wurden.
In Vitrinen sind verschiedene Dokumente ausgelegt, Manuskripte, Notizen, Briefe, Entwürfe. Eine Ausstellung, die Geschichte schrieb, wird aktualisiert und zudem verbunden mit einer weiteren überraschenden Erkenntnis. Was heute etwas handgestrickt aussieht, musste vor fünfzig Jahren handwerklich hergestellt werden. Die Pläne und Aufnahmen auf den Tafeln, allesamt in Schwarzweiss, bestehen aus minderwertigen Fotokopien, die mit Leim, Schere und Letraset – das waren Folien mit Buchstaben, die auf die Unterlagen abgerieben werden mussten – bearbeitet wurden.
Die realisierten Gebäude wurden analog fotografiert, wobei für die zahlreichen Vorträge im In- und Ausland Diapositive hergestellt wurden. Einige davon werden auf zwei altertümlichen Röhrenbildschirmen gezeigt.
Schliesslich der Katalog, der von Thomas Boga gestaltet wurde: Ein aus heutiger Sicht simples Werkbuch in schlechter Druckqualität, aber er wurde ein Renner mit drei Auflagen bis 1977 und einer faksimilierten Neuedition im Jahre 2010. Es ist diese antiquarisch kaum noch aufzutreibende Publikation, die für den Erfolg der Ausstellung und den Siegeszug der Tessiner Architekten weltweit verantwortlich war. Ihre enorme Bedeutung wird in der Ausstellung mit einer Zusammenstellung von vierzig Exemplaren in unterschiedlichem Erhaltungszustand hervorgehoben. Die Schautafeln wanderten 1976 nach München, Karlsruhe, Innsbruck, Wien, Salzburg und Barcelona und begründeten den Ruf der Tessiner Architekten, von dem diese nach wie vor zehren.
Institut gta an der ETH Hönggerberg:
Tendenzen at 50 – Portrait of an Exhibition
bis 8. Mai 2026