«Diluvio universale», die «universelle Sintflut» nennt sich ein umfangreiches Oratorium des deutschen Komponisten Dietrich Buxtehude (1637–1707). Johann Sebastian Bach hielt Buxtehude für den vielleicht bedeutendsten seiner Vorgänger.
Bach unternahm 1705–1706 geradezu eine Pilgerreise von Arnstadt nach Lübeck, um dort den Organisten und Komponisten Buxtehude zu hören und von ihm zu lernen. Heute wissen wir, dass Buxtehudes «Stylus Phantasticus» Bachs spätere Kantatenkompositionen massgeblich beeinflusste. Bach hätte sogar seine Stelle erben können, was Bach ablehnte, weil die Bedingung war, Buxtehudes Tochter zu heiraten!
Berühmt bis heute sind Buxtehudes Werke wie die Kantate «Membra Jesus Nostri» und einige seiner Abendmusiken. Seine Komposition über «Das Jüngste Gericht» erhielt erst in unserer Zeit wieder die ihm zukommende Aufmerksamkeit, obwohl es in der evangelischen Kirchenmusik Deutschlands in Teilen immer präsent war.
Entstanden ist das Werk wohl um 1685. Es ist in drei sogenannte «Actus» unterteilt. Es ist verständlich, dass Tugenden und Laster eine Hauptsorge am letzten Gerichtstag bildeten. Welche Rolle spielten im Leben jedes Menschen Geiz, Eitelkeit und Hoffart? Actus 2 beginnt mit der göttlichen Stimme, wie sie in der Bibel vorkommt, in den Psalmen, Sprichwörtern und Evangelien. Von der guten Seele und von der bösen Seele ist hier die Rede. Actus 3 setzt diesen Diskurs in neuen Varianten fort. Offenbar wird das Jüngste Gericht vor allem als Erinnerungsarbeit verstanden. Alles war doch aufgezeichnet und vorhergesagt, was für Menschen jedes Zeitalters von Belang sein könnte. Umso erstaunlicher ist, wie gross auch die böse Seele Anteil an ihrem Handeln hatte.
Die Barockzeit war geradezu besessen von der Idee eines selbstverschuldeten Untergangs der Menschheit, allerdings auch von einer Rettung durch göttliche Gnade und Intervention. In dieser Radikalität nur vergleichbar mit heutigen Ängsten, die Menschheit sei auf dem Weg, durch Kriege, falsches Eigenverhalten, und Raubbau an der Natur ihr eigenes Überleben auf diesem Planeten zu gefährden.
Ich empfehle die Aufnahme des Werks aus dem Jahr 2006 mit der Capella Ducale/Musica Fiata unter Roland Wilson, erschienen bei Sony/SWR/WDR3.