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Buch

Thema: Architektin

14. Oktober 2026
Fabrizio Brentini
Claudia Bersin: Güterbahnhof Uster
Claudia Bersin: Güterbahnhof Uster, 1985, © Foto: Nina Keel, 2023

In ihrer Publikation über Architektinnen der Ostschweiz geht es der Autorin Nina Keel vordergründig um 21 Porträts von Baumeisterinnen, die von 1900 bis heute gewirkt hatten und noch wirken. Doch zwischen den Zeilen verbergen sich ernüchternde Feststellungen zum beruflichen Umfeld von Frauen, die sich dem Bauwesen verschrieben haben.

Man könnte meinen, dass sich die Situation der Frauen im Bereich Architektur stark verbessert habe, liegt doch der Anteil der Studentinnen an der Architekturabteilung der ETH Zürich seit einigen Jahren bei etwa 40 Prozent. Doch sucht man nach Teams, die ausschliesslich von Frauen geleitet werden, wird man kaum fündig. Es gibt sie schon, aber meistens stehen sie ihn Verbindung mit männlichen Partnern. 

Auch international kommt einem ausser Zaha Hadid und Kazuyo Sejima kaum ein weiterer berühmter Name in den Sinn. Zaha Hadid war die erste Frau, die 2004 den Pritzker-Preis erhielt, eine Art Nobelpreis für Architektur, Kazuyo Sejima folgte ihr 2010, allerdings zusammen mit ihrem Partner Ryue Nishizawa, mit dem sie das Büro SANAA gegründet hatte. In der Schweiz sind sie als Entwerfer des 2010 eingeweihten Rolex Learning Center auf dem Campus der EPFL Lausanne bekannt geworden.

In der Schweiz leisteten Flora Steiger-Crawford, 1923 die erste an der ETH Zürich diplomierte Architektin, und Lux Guyer, eine Hauptverantwortliche für die epochemachende Ausstellung SAFFA von 1928 über Frauenarbeit im weitesten Sinne, Pionierarbeit. Die Kunsthistorikerin Nina Keel konzentrierte sich während ihrer fünfjährigen Forschungsarbeit auf der Suche nach Architektinnen auf die Ostschweiz und stellte eine Liste von 21 Frauen auf, die in einer kürzlich erschienenen Publikation näher vorgestellt werden. 

Das war schon schwierig genug, wie folgende Zahlen belegen. Im Staatsarchiv St. Gallen stiess die Autorin beim Stichwort «Architektin» auf 40 Treffer, während es beim männlichen Pendant nicht weniger als 3935 waren. Bei den aktuellen Ostschweizer Architekturbüros werden 82 von Männern geleitet und nur sieben von Frauen, was angesichts der Beliebtheit des Faches bei Frauen erstaunt. 

Männer-Wagenburg Architektur

Wer die Porträts aufmerksam liest, stolpert immer wieder über dieselben Hindernisse für eine selbstständige Berufstätigkeit. Bis weit in die Neuzeit verschanzten sich die Männer in ihrer Wagenburg, die für Frauen uneinnehmbar war. Hatte es dann eine Kämpferin geschafft, traf sie auf Widerstand seitens möglicher Bauherrschaften. Öffentliche Bauten zu realisieren, war für Frauen lange Zeit ein Ding der Unmöglichkeit. Sie mussten sich mit Umbauten oder im besten Falle mit Einfamilienhäusern begnügen, die erst noch von Verwandten in Auftrag gegeben wurden. 

Es überrascht weiter nicht, wenn etliche Architektinnen andere Aufgabenfelder suchten und teilweise auch fanden, etwa als Denkmalpflegerin oder als Beraterin wie Berta Rahm, 1958 noch involviert in der SAFFA-Ausstellung, die ihr Büro 1966 aufgab und einen feministischen Verlag gründete. Und wenn dann noch Kinder – der ultimative Jobkiller – hinzukamen, dann litten die Frauen unter der Doppelbelastung. Am besten gelang der Spagat dort, wo unter demselben Dach Wohn- und Büroräume zur Verfügung standen. Wenn es so etwas wie ein typisch weibliches Anliegen in der Architektur gab, so betraf dies das Planen von Eigenheimen, die zugleich Arbeitsplätze integrierten. Nina Keel widmet diesem Aspekt ein eigenes Kapitel und erwähnt als Beispiele die Werke von Franziska Knoll-Heitz, Susi Müller-Gehrig und Rosmarie Nüesch-Gautschi.

Astrid Staufer: Atelierwohnhaus Horben
Astrid Staufer: Atelierwohnhaus Horben, Uesslingen-Buch, 2018, © Foto: Jiajia Zhang, 2025

Auf der Suche nach Realisationen der von ihr ausgewählten Architektinnen stiess Nina Keel auf eine weitere Schwierigkeit, die allerdings nur bedingt mit der Geschlechterfrage zusammenhängt. Vielfach fehlte ein Nachlass, sodass bei Bauämtern und Verwandten nach Spuren geforscht werden musste. Was zum Vorschein kam, umfasst in den meisten Fällen nur einen kleinen Teil des Gesamtwerkes. 

Wer sich schon mit der Geschichte der Architektur auseinandergesetzt hat, wird bedauernd zur Kenntnis nehmen müssen, dass die viele Arbeiten von unbekannt gebliebenen Architektinnen und Architekten vom schwarzen Loch aufgesogen wurden. Dorothea David beispielsweise, die in St. Gallen schon in den 1940ern an zahlreichen Wettbewerben teilnahm, konnte nur ein einziges Werk zweifelsfrei zugeschrieben werden, eine 1972 übergebene Turn- und Schwimmhalle in Zürich-Schwamendingen. Umso verdienstvoller das Engagement von Nina Keel, wenigstens die Eckdaten einiger Architektinnen für die Nachwelt zu retten.

Trouvaillen und ein instruktives Gespräch

Es finden sich im Buch einige Trouvaillen, so etwa das von Sophie Taeuber-Arp 1927 entworfene Atelier nahe bei Paris, ein kantiger Block mit Fassaden aus Bruchsteinen. Es erinnert an das 1988 vollendete Steinhaus in Tavole aus der Feder von Herzog&deMeuron, das wesentlich zum frühen Ruhm der Basler beitrug. Aus der Masse des Gebauten ragt das 1972 in Betrieb genommene Gemeindezentrum in Geroldswil von Claudia Bersin heraus, die zehn Jahre später auch noch das Staatsarchiv Zürich planen durfte. 

Mit den zwei derzeit arriviertesten Architektinnen aus der Ostschweiz, mit Astrid Staufer und Kathrin Gimmel, führte die Autorin ein ausführliches Interview, in dem es um Fragen rund um die Wohn- und Arbeitssituation, um den Entwurfsprozess, um das Umsetzen der Pläne geht. Staufer führt zusammen mit Thomas Hasler ein grosses Architekturbüro, das zahlreiche bedeutende Bauten realisieren konnte, so etwa die als Holzkonstruktion ausgeführte Kantonsschule in Wil (2004). Gimmel ist seit 2008 Leiterin des Atelier JAJA Architects in Kopenhagen, dem die Planung von wichtigen öffentlichen Gebäuden übertragen wurde, wie etwa 2016 ein grosses Parkhaus mit einem Spielplatz auf dem Dach, ein Werk, das inzwischen in keinem Architekturführer fehlt.

Glücklicherweise verzichtet Nina Keel auf weitschweifende Erörterungen in Bezug auf gendergerechtes Bauen, auch wenn sie zwei Frauen präsentiert, nämlich Vreny Gross und Doris Königer, die sich mit ihrem inzwischen aufgelösten Verein FrauenBauen intensiv mit solchen Aspekten auseinandergesetzt hatten. Ganz wollte sie diese Thematik dennoch nicht ausblenden. Mit fünf Kolleginnen formulierte sie «Anmerkungen zu einer feministischen Ostschweizer Architekturlandschaft», die in der Publikation zugänglich gemacht wurden. 

Allerdings muss man sich schon fragen, inwiefern die Vorsätze typisch feministisch sein sollen. «Wagen wir – Neues, andere Häuser, andere Raumprogramme für gemeinschaftlicheres Wohnen. [...] Schaffen wir lebendige Stadträume – mit Gärten und Parks, Wiesen und Wasserflächen. Pflanzen wir Bäume! [...] Halten wir zusammen. Und benennen wir Eifersucht ruhig auch direkt, um danach solidarisch sein zu können.» Und so fort. Welcher engagierte Architekt würde sich weigern, dies zu unterschreiben? Trotzdem muss man gestehen, dass noch immer ein Ungleichgewicht besteht und die Förderung von Frauen im Architekturbereich fortgesetzt werden muss. 

Eine kleine kritische Bemerkung zum Layout sei am Schluss erlaubt. Der Fliesstext lässt zu wenig Weissraum, sodass die Seiten überfrachtet wirken. Störend ist zudem die Setzung der Legenden, die um 90 Grad gedreht sind. Das soll das Gesamturteil jedoch nicht beeinträchtigen. Nina Keel öffnete mit dieser wertvollen Publikation eine Tür zu weiteren notwendigen Beschäftigungen mit Architektinnen.

Nina Keel: Architektinnen der Ostschweiz 1900 bis heute, Park Books Zürich 2026

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