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Götz Aly und die Angst um Deutschland

Ist der Aufstieg der AfD vergleichbar mit dem Aufstieg der NSDAP?

12. Oktober 2026
Tobias Kästli
Tobias Kästli
Alice Weidel
AfD-Chefin Alice Weidel am 6. Oktober in Berlin (Keystone/EPA/Clemens Bilan)

Seit den Erdrutschsiegen der AfD in den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und in Brandenburg wird in Deutschland darum gerungen, eine Erklärung für diesen Rechtstrend zu finden. Im Hintergrund steht immer die grosse Frage: Ist die AfD eine Neuauflage von Hitlers NSDAP? Muss man die AfD mit allen Mitteln am Regieren hindern, oder ist sie eine Protestbewegung, die in die Verantwortung eingebunden und so gezähmt werden kann? Der Historiker Götz Aly ist einer der besten Kenner der Geschichte der NSDAP. Wie steht er zur AfD?

In der «Spiegel»-Ausgabe vom 22. August 2025 sagte Götz Aly: «Wir stehen hier nicht kurz vor 1933. Derartigen Alarmismus halte ich für falsch.» Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur meinte er: «Ich finde es nicht in Ordnung, die AfD in die Nähe der NSDAP zu rücken.» Es sei falsch, ein Parteiverbot zu fordern. Man müsse mit den neuen Rechten «so lange reden, wie es einigermassen sinnvoll ist».

Aly ist ein renommierter und vielfach preisgekrönter Autor einer Reihe von Publikationen zum Nationalsozialismus. Gestützt auf eine breite Quellenbasis hat er die Ursachen und Wirkungen des politischen Erfolgs von Hitler und seiner Anhänger erforscht. Als im Sommer 2025 sein neustes Buch «Wie konnte das Geschehen, Deutschland 1933 bis 1945» erschien, war er ein gefragter Gesprächspartner, weil alle wissen wollten, welche Lehren aus der Geschichte gezogen werden können.

Aly war bis 2025 zurückhaltend in seiner Beurteilung der AfD. Erst ein Jahr später schien sich seine Haltung zu verändern. Die «Frankfurter Allgemeine» titelte am 6. August 2026: «Ein Historiker korrigiert sich». Aly habe seine Position revidiert und halte es nun doch für geboten, «ein Näheverhältnis von AfD und NSDAP festzustellen». Aly hatte am 14. Juli 2026 in Dessau-Rosslau eine AfD-Wahlveranstaltung miterlebt und danach erklärt, das Wechselspiel zwischen Redner und Publikum, die verächtliche Herabwürdigung politischer Gegner sowie das «Wachkitzeln von Gewalt- und Mordphantasien» erinnerten ihn an die rhetorischen Techniken von Hitler und Goebbels. Bisher habe er ein AfD-Verbot abgelehnt, doch «seit dieser Wahlveranstaltung beginnt sich meine Meinung merklich zu ändern».

«Wo ist eigentlich Stauffenberg?»

Die «Jüdische Allgemeine» veröffentlichte am 6. September 2026 ein Gespräch mit Aly, in dem er sich erneut dazu äusserte: «Ich habe angesichts eines (AfD-)Wahlkampfauftritts in Sachsen-Anhalt überlegt, meine Meinung zu ändern. Mich hat der Auftritt mit dem ehemals linken Spaßmacher Uwe Steimle entsetzt, der Jubel des Publikums und das begleitende Grinsen der AfD-Leute Ulrich Siegmund und Tino Chrupalla. Steimle sprach über Angela Merkel und sagte, nun hänge ihr Porträt an der Wand, sobald aber der Nagel breche, «stellen wir sie an die Wand». Und gemünzt auf unseren heutigen Bundeskanzler fuhr Steimle fort: «Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal, wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht.» Das waren Grenzüberschreitungen, von denen sich die AfD-Führung distanzieren müsste. «Aber sie tut es nicht, sondern verharmlost nicht nur derart spassig verhüllte Aufrufe zur Gewalt, sondern auch die Taten realer rassistisch und rechtsradikal motivierter Gewalttäter.» Trotzdem habe er seine Meinung nicht geändert, dass ein Parteiverbotsverfahren falsch wäre. «So ein Verfahren würde Jahre dauern. Und wenn nicht glasklare Verbotsgründe vorliegen, wird es der AfD in der Zwischenzeit massiven Zulauf verschaffen. Ja, man muss die ständigen Grenzüberschreitungen der AfD-Politiker genau dokumentieren. Aber ein Parteiverbot ist kein Heilmittel.»

NSDAP-Kenner Aly scheut also immer noch davor zurück, sich öffentlich für ein AfD-Verbot zu exponieren. Es gibt tatsächlich gute Gründe dafür und dagegen. Die Rechtsexperten und Wissenschaftler sind sich uneinig. Die Befürworter eines Verbotsverfahrens argumentieren, dass die AfD gegen die Prinzipien der Menschenwürde sowie gegen das Demokratieprinzip des Grundgesetzes verstosse. Das treffe insbesondere auf die Forderung nach «Remigration» zu, die von einer völkischen Grundeinstellung in der AfD zeuge. Die Grösse oder die hohen Umfragewerte einer Partei seien rechtlich kein Hindernis für ein Verbot. Niemand habe ein Recht darauf, von einer verfassungswidrigen Partei vertreten zu werden. 

Dagegen steht die Meinung, ein AfD-Verbot würde das extremistische Denken in den Köpfen vieler Wählerinnen und Wähler nicht korrigieren, wohl aber Millionen Bürgerinnen und Bürger, die AfD gewählt haben, vom demokratischen Prozess ausschliessen. Die rechtlichen Hürden für ein Parteiverbot seien hoch; das Prüfverfahren würde sehr lange dauern und der AfD zusätzliche Aufmerksamkeit verschaffen. Sollte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe schliesslich gegen ein AfD-Verbot entscheiden, würde dies der AfD einen enormen politischen Auftrieb verleihen. 

«In Teilen gesichert rechtsextrem»

Die Sache scheint tatsächlich mit vielen Unsicherheiten behaftet zu sein. Auf das Grundsatzprogramm der AfD von 2016 können sich die Befürworter eines AfD-Verbots nicht berufen, denn dieses bewegt sich insgesamt innerhalb dessen, was das Grundgesetz an politischen Meinungen zulässt. Doch der Verfassungsschutz hat inzwischen eine grosse Menge an Materialien gesammelt, die nach seiner Auffassung belegen, dass die AfD «in Teilen gesichert rechtsextrem» sei, was ein Verbot rechtfertigen könnte.

Um die in Deutschland geführte Diskussion zu verstehen, muss man wissen, dass die deutsche Verfassung, also das «Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland» von 1949, von den Erfahrungen mit dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat geprägt ist. Die Garantie der Grundrechte und die Festlegung der Bundesrepublik auf liberale, demokratische, rechtsstaatliche und föderalistische Prinzipien sollen ein Bollwerk gegen alle diejenigen sein, die allenfalls versuchen würden, erneut einen nationalsozialistischen Staat zu errichten. In der Zeit des Kalten Kriegs wurde die Verfassung auch als Sicherung gegen linksextreme Umtriebe verstanden. Bisher erliess das Bundesverfassungsgericht erst zwei Parteiverbote: 1952 gegen die rechtsextreme Sozialistische Reichspartei (SRP) und 1956 gegen die linksextreme Kommunistische Partei Deutschlands (KPD).

Gegen die Neonazipartei NPD, die sich in «Die Heimat» umbenannt hat, gab es mehrere Verbotsanträge. Das Bundesverfassungsgericht lehnte 2017 ein Verbot ab mit der Begründung, die Partei sei zwar verfassungsfeindlich, sei aber zu klein, um die Demokratie ernsthaft gefährden zu können. Bei der AfD könnte eine solche Begründung nicht vorgebracht werden, hat sie sich doch in den letzten Monaten rasant zur wählerstärksten Partei Deutschlands entwickelt. Momentan steht sie gemäss Umfrage des «Instituts für neue soziale Antworten» (INSA) im Oktober 2026 bei bundesweit 30,5 Prozent Wähleranteil – etwa gleich viel wie die SVP in der Schweiz. In Sachsen-Anhalt hat sie in den Landtagswahlen vom 22. September 2026 beinahe eine Mehrheit der Wählenden hinter sich zu scharen vermocht. Viele sagen deshalb, sie sei zu gross, um sie noch verbieten zu können. 

Höchste Alarmstufe

Die politische Entwicklung in Deutschland ist besorgniserregend: Die CDU und die SPD sind in der Wählergunst so stark abgesackt, dass sie sich zwar auf Bundesebene mit Ach und Krach an der Regierung halten, in manchen Bundesländern aber weder allein, noch gemeinsam, noch zusammen mit den Grünen eine Regierung bilden können. In Brandenburg ist die einst mächtige CDU im Landtag nicht mehr vertreten; die AfD ist die stärkste Partei. In Sachsen-Anhalt biedern sich Teile der CDU bei der AfD an, weil sie befürchten, dass ihnen sonst das gleiche Schicksal wie in Brandenburg blüht. Die «Brandmauer» gegen die AfD zerbröckelt. 

Wenn es stimmt, was Roger de Weck in seinem neusten Buch «Glanz und Elend der Konservativen» darlegt, dass es in der Geschichte der modernen Staaten immer dann zu Antidemokratismus und Autoritarismus kam, wenn die konservativen Parteien von ihren Werten abrückten und sich entweder den Populisten annäherten oder sich in rückwärtsgewandtem Elitarismus ergingen, dann ist in Deutschland jetzt die höchste Alarmstufe erreicht. Noch besteht die Chance, dass die Regierung Merz sich zusammenrauft, dass CDU und SPD gemeinsam auf Bundesebene echte Innovationen in Staat und Gesellschaft auf den Weg bringen. Wenn sie aber dazu nicht fähig sind, dann wird die AfD mit ihren Versprechungen weiterhin punkten. 

Gemäss ihrem Wahlprogramm 2026 für Mecklenburg-Vorpommern setzt sich die AfD für Familienförderung und Steigerung der Geburtenrate ein. Pro Kind soll eine Familie 3000 Euro bekommen, die Renten sollen für die unteren Einkommensschichten verbessert und die Steuern gesenkt werden. Die Kitas sollen kostenlos sein. Mehr familienfreundlicher Wohnraum soll zur Verfügung stehen. Derartige Verbesserungen sollen dadurch finanziert werden, dass ein massiver Bürokratieabbau vorgesehen und die Infrastruktur für Flüchtlinge durch strengere Einwanderungsgesetze eingespart wird.

Die AfD ist bestrebt, ihre wahren Absichten zu verschleiern

Die AfD gibt sich so demokratisch wie bei uns die SVP und scheint sogar die «Grundsätze des Völkerrechts» anzuerkennen. In ihrem Grundsatzprogramm von 2016 schreibt sie: «Die AfD setzt sich dafür ein, Volksentscheide in Anlehnung an das Schweizer Vorbild auch in Deutschland einzuführen. (…) Das deutsche Volk ist ebenso mündig wie das der Schweizer, um ohne Einschränkung über jegliche Themen direkt abzustimmen. Eine natürliche Schranke ergibt sich durch Grundsätze des Völkerrechts.»

Trotz dieser Beteuerungen wird die AfD von den Mitteparteien als demokratiefeindlich beurteilt. Diese Ansicht stützt sich darauf, dass die AfD durch ihre migrations- und muslimfeindlichen Äusserungen und durch die Forderung nach «Remigration» (massenhafte Abschiebung von Menschen mit Migrationshintergrund) den Grundsatz der gleichen Rechte für alle Staatsbürger ablehnt und ein ethnisch-homogenes deutsches Staatsvolk formen will. Unverkennbar will sie die Massenmedien unter ihre Kontrolle bringen und eine «deutsche Leitkultur» nach ihren eigenen Vorstellungen erzwingen. Es ist bekannt, dass manche AfD-Exponenten eine unverhohlene Bewunderung für den abgewählten ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und dessen illiberale Demokratie hegen und sich auch zu Putins Russland wohlwollend äussern.

AfD-Exponenten verstehen es, einerseits ihre extremen Ansichten immer wieder vorzubringen und das Publikum an Begriffe wie «Remigration», «Bevölkerungsaustauch» oder «Umvolkung» zu gewöhnen. Herabwürdigende Bezeichnungen von Ausländern und Ausländerinnen wie «Kopftuchmädchen» oder «Messermänner» (Alice Weildel) gehören zum rhetorischen Instrumentarium der AfD. Andererseits ist die Partei bestrebt, ihre wahren Absichten zu verschleiern. 

Systematisches Niederbrüllen

Vor der Wahl des neuen Landtagspräsidenten Tobias Rausch am 6. Oktober 2026 in Sachsen-Anhalt hielt die Linken-Politikerin Eva von Angern als Alterspräsidentin die Eröffnungsrede. Sie richtete sich speziell an die AfD-Fraktion, als sie betonte, alle Landtagsmitglieder hätten eine demokratische Verantwortung zu tragen. Dazu gehöre es, die Landesverfassung zu achten und Minderheiten zu schützen. Alle Bürgerinnen und Bürger, unabhängig von Herkunft, sexueller Orientierung, Religion oder Geschlecht, seien gleichwertiger Teil von Sachsen-Anhalt. Sie warf der AfD-Fraktion vor, seit ihrem Einzug ins Parlament im Jahr 2016 die Debattierkultur durch unflätige Zwischenrufe, systematisches Niederbrüllen, Entmenschlichen und würdeloses Blossstellen von politischen Gegnern massiv beschädigt zu haben. 

Nachdem Rausch dann gewählt worden war – mutmasslich auch mit einigen Stimmen der CDU –, las er eine Rede ab, in der er sich in keiner Weise gegen die Vorwürfe von links zur Wehr setzte, sondern beteuerte, er werde die rechtsstaatlichen und demokratischen Grundsätze stets beachten. Er werde nicht der Präsident einer Fraktion sein, sondern der Präsident des ganzen Parlaments. 

Kann man solchen Beteuerungen glauben? Wie gefährlich ist die AfD? Wird sie sich mit zunehmender Beteiligung an den Länderregierungen und vielleicht demnächst auch an der Bundesregierung mässigen und sich auf die demokratischen Spielregeln einlassen, oder wird sie einer geheimen Agenda folgen und die demokratischen Parteien überrumpeln – ähnlich wie es Hitler und die NSDAP seinerzeit getan haben? 

Erschreckende Parallelen

Der Nazivergleich wird immer wieder angestellt, und immer wieder gibt es diejenigen, die sagen, man dürfe nicht mit der «Nazikeule» diejenigen bekämpfen, die nicht unseren Vorstellungen von einer demokratisch-rechtsstaatlichen Grundhaltung entsprechen. Götz Aly, der gründliche Erforscher der Geschichte der NSDAP hat einmal gesagt, der grosse Unterschied zwischen der NSDAP und der AfD sei, dass diese keinen Krieg wolle, während jene von Anfang an das Ziel hatte, einen Krieg zu entfesseln und Revanche zunehmen für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. 

Sicher gibt es grosse Unterschiede zwischen NSDAP und AfD. Das liegt auch an den Zeitumständen, die 2026 ganz anders sind als 1933. Und doch gibt es auch erschreckende Parallelen. Um diese zu erkennen, gibt es keinen besseren Weg, als die 768 Seiten von Alys Buch «Wie konnte das geschehen?» ganz oder auch nur selektiv zu lesen. Anders als die ältere Forschung zum Faschismus und zum Nationalsozialismus geht Aly nicht vom katastrophalen Ergebnis des Aufstiegs Hitlers und seiner Anhänger aus, und er hat beim Nachzeichnen der Anfänge der Nazizeit nicht immer schon den Holocaust im Hinterkopf. Vielmehr schildert er zunächst den Alltag der Menschen im Deutschland der Weimarer Republik, die sich gedemütigt fühlten durch den Druck, den die Siegermächte des Ersten Weltkriegs mit ihren Reparationsforderungen und dem Verbot einer schlagkräftigen Armee ausgeübt hatten. Vor allem aber schildert er die Existenzangst, welche diejenigen befiel, denen die 1929 beginnende Weltwirtschaftskrise das Ersparte raubte und sie arbeitslos machte. Das war der Boden, auf dem die NSDAP wachsen konnten.

Es stimmt schon, dass Hitler von Anfang an auch das Mittel des Terrors einsetzte, um das deutsche Volk und speziell die Arbeiterbewegung unter seine Kontrolle zu bringen. Aber es stimmt eben auch – und dies deutlich gemacht zu haben, ist das Verdienst von Aly –, dass es Hitler, Göring und Goebbels gelang, durch soziale Massnahmen wie Erhöhung der Renten, Stopp der Zwangsvollstreckungen bei Schuldnern, bezahlte Ferientage, steuerliche Erleichterungen usw. sowohl die Arbeiterschaft als auch die Kriegsversehrten, die Bauern und die Angestellten auf ihre Seite zu bringen. Im NS-Staat sahen die unteren sozialen Schichten plötzlich Aufstiegschancen, und viele machten dank Wohlverhalten und Eintritt in die NSDAP Karrieren, die ihnen bisher verwehrt gewesen waren. Gewerkschaftsfunktionäre, die bereit waren, ihre traditionelle Gewerkschaft in die NS-Einheitsgewerkschaft «Deutsche Arbeitsfront» (DAF) einzugliedern, konnten unversehens das Doppelte ihrer bisherigen Bezüge verdienen. 

«Es droht das Ende Deutschlands – und der Schweiz»

Gegen die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrags betrieb Hitler den Ausbau der Armee und forcierte eine gewaltige Aufrüstung, was Arbeitsplätze schuf und neu auch Nicht-Akademikern eine Offizierskarriere ermöglichte. Dass die Aufrüstung auch damit finanziert wurde, dass die Juden enteignet und unter Hinterlassung ihres Vermögens zuerst aus dem Land gejagt und im Verlauf des 1939 angezettelten Kriegs in allen eroberten Gebieten ermordet wurden, nahmen die meisten stillschweigend hin, weil sich auch dadurch neue berufliche Möglichkeiten eröffneten, denn die Lücken, welche die Juden hinterliessen, mussten ja gefüllt werden. 

Niemand unterstellt den AfDlern, dass sie Juden ermorden will. Aber sind sie nicht dabei, in ähnlicher Weise die Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland zu entmenschlichen und als die grösste Gefahr für «die Heimat» hinzustellen? Noch nie in seiner Geschichte sei Deutschland so bedroht gewesen wie in der Gegenwart, und zwar wegen der demographischen Entwicklung und der Zuwanderung, behauptet Björn Höcke, und viele glauben ihm. Es drohe das Ende Deutschlands und damit übrigens auch das Ende der Schweiz, sagte Höcke einem verständnisvoll zuhörenden Roger Köppel im «Weltwoche»-Gespräch vom 7. Juni 2026.

Die AfD ist kein auf Deutschland beschränktes Phänomen. In Österreich, Frankreich, England, Holland usw. und ganz gewiss auch in der Schweiz hören wir ähnliche Töne. Wir sollten uns laut und deutlich dagegen verwahren. Schweigen ist keine Option, hat am 11. Oktober 2026 der mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnete englische Völkerrechtler und Romanautor Philippe Sanders in seiner eindrücklichen Rede in der Frankfurter Paulskirche gesagt. Das gilt auch für uns: Reden wir, prangern wir die Verletzungen von Recht und Verfassung, von Menschenrechten und humanitärem Völkerrecht an, wo immer sie geschehen. Dieser Pflicht ist die Schweiz nicht enthoben, denn zwischen Recht und Unrecht gibt es keinen neutralen Standpunkt.

Götz Aly: Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945, S. Fischer, Frankfurt am Main 2025, 768 Seiten. ISBN 978-3-10-397364-8.

 

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