Ein literarisches Ereignis ist zu verzeichnen, das ebenso lange erwartet wurde, wie es auf sich warten liess, nämlich geschlagene dreissig Jahre: die integrale Veröffentlichung der Tagebuchaufzeichnungen von Samuel Becketts halbjähriger Reise durch Nazideutschland vom 1. Oktober 1936 bis zum 2. April 1937.
Kurz nach Becketts Tod im Dezember 1989 entdeckte die sechs Notizbücher sein Neffe Edward Beckett in einem Koffer seines Nachlasses und übergab sie James Knowlson, laut Beckett der beste Kenner seines Werks. Dessen autorisierte Biographie Damned to Fame. The Life of Samuel Beckett machte 1996 ihre Existenz der breiten Öffentlichkeit bekannt. Samuel Beckett. Eine Biographie, die deutsche Übersetzung von Wolfgang Held, erschien 2001. Darin ist ein Kapitel von 38 Seiten mit der Reise und den Tagebüchern befasst.
Samuel Beckett’s German Diaries 1936–1937: 2011 erschien die überarbeitete Dissertation von Mark Nixon, Direktor der Samuel Beckett International Foundation in Reading, UK. Fünfzehn Jahre Editionsarbeit seitdem im Tandem mit Oliver Lubrich, Professor für Literatur und Komparatistik an der Uni Bern, sind endlich in einem Buch von 1352 Seiten zum Abschluss gekommen, und dieses ist am 20. August 2026 im Suhrkamp Verlag erschienen.
1057 Seiten Becketts Aufzeichnungen englisch und deutsch, 60 Seiten Anmerkungen, 40 Seiten Personenregister, 50 Seiten Ortsregister, 40 Seiten Glossar zu deutschen Wörtern, Wendungen und Zitaten in Becketts Text, 20 Seiten Zeittafel, Reiseroute und «Becketts Kulturprogramm» mit Angaben zu rund 180 in den Aufzeichnungen zitierten Büchern, 35 Zeitungen und Zeitschriften, Besuchen von 16 Kinofilmen, 6 Konzerten und 4 Theateraufführungen, zudem 75 Seiten Editorischer Bericht, Nachbemerkung der Übersetzerin, Nachwort und Dank. Ein Opus Magnum aus Material, dessen Autor so fern wie möglich vom Gedanken an eine künftige Veröffentlichung unterwegs ist. Vermutlich Becketts dickstes Buch.
Autor oder Kunstsachverständiger?
Bei früheren Besuchen des Rheinlands in familiärem Rahmen hat Beckett recht gut Deutsch gelernt. Nun ist er 30 und noch kein bekannter Autor, er hat einige Erzählungen und Essays veröffentlicht, und in der Post von zu Hause, die er in Deutschland erhält, erreichen ihn auch immer wieder Nachrichten von den ungefähr vierzig Ablehnungen, die sein erster Roman Murphy von britischen und amerikanischen Verlagen erfährt. (1938 wird Murphy schliesslich bei Routledge erscheinen.) Noch längere Zeit wird er sich nicht schlüssig sein, ob er der Zukunft eines hauptamtlich Schreibenden oder nicht vielmehr eines vollberuflichen Kunstsachverständigen entgegengeht.
Auf allen Hauptetappen: Hamburg (zwei Monate), Berlin, Dresden, München (je ungefähr ein Monat), ergibt sich ein vielfältiger Austausch mit Verantwortlichen von Museen, Galeristen, Privatsammlern, ein buntes internationales Völkchen, darunter auch emigrierte osteuropäische Aristokraten. Am 5. November ergeht der Erlass an alle Museumsdirektoren, Werke der «entarteten Kunst» zu entfernen. Becketts Tagebuch enthält ein äusserst detailliertes Inventar an Kunstschätzen, die demnächst im Keller oder ganz verschwinden. Sein enormes kulturhistorisches Bildungsprogramm, intensiviert über zahlreiche Zwischenstationen Lübeck, Hannover, Braunschweig, Wolfenbüttel, Potsdam, Halle, Weimar, Erfurt, Leipzig, Bamberg, Würzburg, Nürnberg, Regensburg, ist allerorten begleitet vom öffentlichen Lärm der Nazipropaganda. Ekel und Entsetzen verfolgen ihn in seinen Beobachtungen im Strassenalltag, wie in den ersten Tagen schon beim Deutschlandhaus in Hamburg, «wo Lautsprecher plärren A. H. & Goebbels eröffnen Winterhilfswerk in Berlin. Apoplexie. Sie müssen bald kämpfen (oder platzen)».
«Was ich bin weiss ich gar nicht»
Entsprechend instabil ist Becketts Stimmungslage – wie auch das körperliche Wohlbefinden des von Abszessen, Verdauungsbeschwerden und oftmals schlechtem Schlaf Gepeinigten. Bei zahlreichen Bekanntschaften bewundert er den Elan der Leute um ihn in ihren schwierigen Lebensumständen, und im «Vergleich bin ich völlig allein & grundlos allein, krankhaft träge & schlaff & ohne eigenen Standpunkt & verwirrt». An manchen Tagen füllt er viele Seiten, doch das «bisschen Mühe, das ich mir mit diesem idiotischen Tagebuch und all den Bilderlisten gebe, führt zu nichts, ist nichts weiter als die Tat eines besessenen Neurotikers».
Frau H., der Zimmerwirtin in Hamburg, kauft er zum Abschied sechs rote Nelken und ihrem Mann 25 Zigarren zu 25 Reichsmark. «Frau H.», notiert er, «legt meinen ‹Charakter› aus, Widder & Venus. Stimmt teilweise.» Er antwortet mit einem ihr nichts sagenden «Epigramm» (wie er es nennt): «Ich weiss ungefähr was ich tue, was ich bin weiss ich gar nicht.» Wer in den suchenden Reflexionen dieses gewiss niemals mit sich selbst zufriedenen Schwerarbeiters einige Strecken zurücklegt, wundert sich nicht länger, dass das zeitgeschichtliche Dokument nach neunzig Jahren in einem Band von 1352 Seiten an die Öffentlichkeit gelangen musste.
(Bei Faber & Faber in London und bei Grove / Atlantic Monthly Press in Boston sind die German Diaries auf Juni 2027 angekündigt.)